Uitikon
Alles für die Forschung: Rund um die Uhr unter Strom

Thomas (58) wollte sein Leben umkrempeln und übernahm einen Tennisplatz. Dann kam ein tennisballgrosser Hirntumor. Nun ist Thomas für eine Pilotstudie des Universitätsspitals Lausanne ein Jahr lang verkabelt.

Katja Landolt
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Thomas trägt 36 Elektroden auf der Kopfhaut, die sich gegenseitig Strom zuschicken.

Thomas trägt 36 Elektroden auf der Kopfhaut, die sich gegenseitig Strom zuschicken.

Katja Landolt

Und plötzlich fehlen ihm die Worte. Es ist der 13. Oktober 2011. Thomas schaltet sofort; für ihn ist klar, was ein Sprachverlust bedeutet. Hirntumor. Er hat recht. Innert weniger Tage wird er zwei Mal operiert. 95 Prozent des Tumors können entfernt werden. Er ist tennisballgross.

Acht Monate später: Thomas sitzt im Park des Tennis-Clubs Uitikon im Schatten und reibt sich den stoppeligen Kopf. Man hört das Knallen der aufprallenden Filzbälle, das Scharren der Turnschuhsohlen auf dem Sandplatz. Der Wind lässt die Blätter am Ahorn vibrieren. «Es ist schön, den Wind zu spüren», sagt Thomas. Den Wind zu spüren und den Kopf frei zu haben. Frei von den 36 Elektroden, die sonst rund um die Uhr an seinem Kopf kleben.

Strom zerstört Zellen

Thomas ist einer von drei Schweizern, die an einer Pilotstudie für Hirntumorpatienten teilnehmen. Vier Elektrodenkissen am Kopf – vorne, links, rechts, und hinten – schicken sich ständig Strom zu, verästelt in den Hirnwindungen. «Wie Wurzeln eines Baumes», sagt Thomas. Durch diese Stromflüsse sollen die verbliebenen und neuen bösartigen Zellen zerstört werden. Davon spürt er nichts. Aber es bedingt, dass Thomas die Elektroden ein Jahr lang tragen muss.

Wie ein Helm pappen die Elektroden unter Pflastern auf seinem Schädel, ein Kabelstrang verbindet sie mit einer Batterie und einem Gerät, das die Ströme aufzeichnet. Wie ein Fahrtenschreiber in einem Lastwagen. Selbst beim Schlafen ist er an das Gerät angeschlossen, beim Duschen, beim Rasenmähen, bei allem. Nur zwei Mal pro Woche kann er die Kleber für vier Stunden lösen, damit sich die Kopfhaut erholen kann. Und damit er sich die Haare rasieren kann.

Im Februar hat ihn das Universitätsspital Lausanne in das Pilotprogramm der Firma Novocure aufgenommen, die die Behandlungsmethode in Israel und den USA entwickelt hat. Gleichzeitig mit der Chemotherapie wurde wenige Tage nach der Zusage auch die Elektroden-Therapie begonnen. Thomas hat sich für ein Jahr verpflichtet, an der Studie teilzunehmen. Alle zwei Wochen werden die Aufzeichnungen abgelesen, die das Gerät macht. Alle zwei Monate muss er in Lausanne in die Röhre. Ob die Therapie etwas nützt, weiss Thomas nicht.

«Etwas tun, das mir Spass macht»

Als Platzwart und Restaurantbetreiber nach Uitikon zu kommen, hat Thomas im August entschieden. Als die Welt noch in Ordnung war. Thomas hatte sein Geschäft in Zürich verkauft. Er wollte etwas anderes machen, abschliessen mit der Deko- und Modebranche. «Ich wollte etwas tun, das mir Spass macht.» Nach einem Tag auf dem Golfplatz war die Sache geritzt, das Leben umgekrempelt. Freunde fragten ihn, ob er nicht den Tennisplatz übernehmen würde. Er sagte zu, ohne lange darüber nachzudenken. Seine Frau Fabienne verdreht noch heute die Augen.

Thomas weiss nicht, wie viel besser seine Überlebenschancen dank der Elektroden stehen. Erste Ergebnisse werden in ein paar Wochen sichtbar sein, sechs Monate nach der letzten Operation. An der Studie nimmt er seiner Frau und den vier Kindern zuliebe teil. «Wir haben nichts zu verlieren, wir müssen es einfach probieren», sagt seine Frau. Er selbst findet es mühsam. «Die Belastung ist enorm, der psychische und physische Aufwand extrem», sagt er.

Eigentlich sollte er nicht arbeiten, allerhöchstens 20 Prozent. «Jetzt arbeite ich 120 Prozent», sagt Thomas und lacht. Sein Professor habe sicher überhaupt keine Freude an ihm, wenn er das wüsste. Dann wird er wieder ernst: «Ich entscheide selbst. Und ich habe mich dazu entschieden, die Arbeit hier zu machen.» Und es tut ihm gut. «Hier duzt man sich und alle sind mit meiner Arbeit zufrieden. Das ist eine riesige Befriedigung.» «Und», fügt er an und lehnt sich zurück, «das ist der schönste Tennisplatz der Welt.»