Sonntagsgespräch
«Alkohol macht am meisten Probleme»

Im Sonntagsgespräch spricht Cathy Caviezel über Suchtmittel im Limmattal und den Wandel der Präventionsarbeit.

Florian Niedermann
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Frau Caviezel, hat das Limmattal ein Kiff-Problem?

Cathy Caviezel: Nein, kein grösseres als andere Regionen. Der Konsum bewegt sich im Limmattal im durchschnittlichen Rahmen. Meist handelt es sich um einen Probierkonsum, der sich auf eine kurze Phase der Jugend beschränkt – bei diesen Konsumenten gibt es mehrheitlich keine Probleme aufgrund dieses Konsums.

Die Suchtfachfrau

Cathy Caviezel wurde 1968 in Zürich als jüngstes von 3 Kindern geboren. Sie studierte Psychologie, Sozialpädagogik und Kriminologie an der Uni Zürich und schloss das Studium mit dem Lizenziat ab. Während des Studiums arbeitete Caviezel in der offenen Jugendarbeit. Später folgten drei Jahre im stationären Bereich (Jugendheim). Seit dem 1. September 1999 arbeitet sie auf der Suchtpräventionsstelle der Bezirke Affoltern und Dietikon. 2004 übernahm sie die Leitung der Stelle. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn im Kleinkindalter. (fni)

Nächste Woche findet in Dietikon die Hanfmesse «CannaTrade» statt. Ist das aus Sicht der Suchtprävention ein Problem?

Nein. Die «CannaTrade» ist eine Messe für Produzenten und Konsumenten. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass jemand hingeht und wegen dieses Besuchs mit dem Cannabiskonsum anfängt.

Also werden Sie dort auch nicht aktiv.

Doch. Zwei Teams werden vor Ort versuchen, etwas über die Einstellungen und Haltungen der Besucher zu erfahren und, wo Interesse besteht, auch Kurzberatungen und Informationen anzubieten.

Welche Risiken birgt der Cannabiskonsum?

Ein akutes Risiko besteht beim Mischkonsum mit anderen Substanzen. Auch im Strassenverkehr oder bei der Arbeit mit Maschinen ist Cannabiskonsum gefährlich, weil er die Konzentrationsfähigkeit mindert. Daneben gibt es die längerfristigen Auswirkungen. Wenn etwa jemand eine Prädisposition für psychische Erkrankungen hat, kann das Kiffen diese ausbrechen lassen.

Was sind das für Erkrankungen?

Zu den häufigsten Folgeerkrankungen zählen Depressionen und Psychosen. Ein weiteres Symptom für eine Krise oder eine Suchterkrankung kann ein sozialer Rückzug sein.

Auf welche Suchtmittel konzentriert sich Ihre Arbeit bei der Suchtpräventionsstelle des Bezirks Dietikon?

Hauptsächlich auf diejenigen, die am weitesten verbreitet sind: Tabak, Alkohol und Cannabis. Daneben auch Verhaltenssüchte wie exzessiver Internet-, Game- oder Medienkonsum.

Welches dieser Suchtmittel stellt denn das grösste Problem dar?

Betreffend der Folgeschäden sind das sicher Tabak und Alkohol. Gesellschaftlich verursacht der Alkohol am meisten Probleme.

Cannabis verursacht von den dreien also am wenigsten Probleme?

Ja, das ist richtig.

Gibt es heute mehr Jugendliche, die sich regelmässig zudröhnen?

Das Monitoring von Sucht Schweiz zeigt, dass es sowohl beim Alkohol als auch bei Cannabis im Jahr 2002 eine auffällige Konsumspitze gegeben hat. Der Cannabiskonsum ist aber seither wieder stark zurückgegangen und heute relativ stabil. Etwa ein Drittel aller Schweizer 15-Jährigen hat schon einmal im Leben gekifft, was im internationalen Vergleich ein hoher Wert ist.

Wie erklärt man sich diese Spitze?

Beim Kiffen konnte man sie nicht erklären. Beim Alkohol schon. Damals kamen die Alcopops auf den Markt, die einen riesigen Absatz bei Jugendlichen und vor allem bei Mädchen fanden. Als sie dann 2003 durch den Jugendschutz unter die Altersbegrenzung 18 gesetzt wurden, ging der Konsum massiv zurück.

Wie ist das Konsumverhalten heute?

Die Tendenz beim Alkohol zeigt gerade bei jungen Männern einen steigenden Konsum. Das hat vor allem mit dem Trend zum Rauschtrinken zu tun. Heute betrinken sich viele, schon bevor sie in den Ausgang gehen.

Warum ist das Bedürfnis nach dem Rausch so stark geworden?

Der Alltag ist heute mit viel Druck verbunden. Man muss viel leisten, um in der Gesellschaft zu funktionieren. Deshalb braucht man vielleicht auch mehr Ausbruchsmöglichkeiten.

Gibt es andere Erklärungsansätze?

Ein wichtiger Faktor ist sicher, dass Jugendliche heute länger im Elternhaus bleiben. Dadurch ist es schwieriger geworden, sich von den Eltern abzunabeln. Ausserdem fehlen die Möglichkeiten, zu rebellieren. Vielleicht ist die Suche nach dem Rausch auch durch den Wunsch nach Abgrenzung erklärbar.

Das Rauchen hat man grösstenteils aus dem öffentlichen Leben verbannt. Braucht es auch ein Alkoholverbot?

Nein, ich finde das nicht erstrebenswert. Beim Rauchen wird das Verbot mit den schädlichen Folgen des Passivrauchens begründet. Diese Komponente fällt beim Trinken weg.

Wie funktioniert Präventionsarbeit?

Wir instruieren zum Beispiel die Jugendarbeiter und Lehrpersonen, die über einen längeren Zeitraum regelmässig mit den Jugendlichen in Kontakt stehen. Dabei versuchen wir ihnen zu vermitteln, wie sie aktiv werden können. Durch Früherkennungs- und Frühinterventionskonzepte, die wir in Schulen und Gemeinden einführen, versuchen wir die Prävention strukturell besser zu verankern.

Warum geht man nicht direkt auf die Jugendlichen zu?

Früher führten wir Klassenkurse durch, an denen man Filme mit Raucherbeinen zeigte oder Workshops durchführte. Solche Interaktionen haben höchstens eine kurzfristige Wirkung.

Aber die Argumente gegen Suchtmittel sind die gleichen wie vor zehn Jahren.

Teilweise. Heute versucht man ehrlicher darüber zu sprechen, welche Risiken, aber auch welcher Gewinn sich für den Konsumenten durch den Konsum eines Suchtmittels ergibt. Das ist wichtig, um glaubwürdig zu sein.

Was raten Sie Eltern, die bei ihren Kindern ein Suchtverhalten vermuten?

Reden, reden, reden. Man sollte dabei immer aus der eigenen Warte argumentieren und keine Vorwürfe machen, sondern seine Sorgen und sein Interesse signalisieren. Ausserdem ist es wichtig, so früh wie möglich Hilfe beizuziehen, wenn sich tatsächlich ein Suchtproblem abzeichnet.

Dass Teenager auf ihre Eltern hören, scheint nicht wahrscheinlich.

Oft entsteht bei den Eltern das Gefühl, dass sie an eine Wand reden. Aber man sollte deswegen nicht nachlassen und das Thema immer wieder zur Sprache bringen. Mit der Zeit setzt sich in den Jugendlichen nämlich doch etwas ab.

Ist Ihre Präventionsarbeit erfolgreich?

Das Problem ist, dass man diesen Erfolg nur schwer messen kann. Es gibt aber doch einige Entwicklungen, die dafür sprechen, dass Präventionsarbeit erfolgreich ist. Ich spreche vom stetig wachsenden gesellschaftlichen Bewusstsein für Jugendschutz.

Ist diese fehlende Messbarkeit nicht frustrierend?

Sicher. Aber man lernt, damit umzugehen und den Erfolg im Kleinen zu sehen.