Prix Courage
Affäre Leimgrübler: Wieso sich Muriel Pestalozzi als Whistleblowerin outet

Mutig und selbstlos - diese Menschen wurden durch ihre ausserordentlichen Taten für den Prix Courage nominiert. Unter ihnen ist die Dietikerin Muriel Pestalozzi, die den Fall Leimgrübler ins Rollen brachte.

Bettina Hamilton-Irvine
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Muriel Pestalozzi

Muriel Pestalozzi

Beobachter Prix Courage
Muriel Pestalozzi Muriel Pestalozzi aus Dietikon (Zürich) bemerkt nach ihrem Stellenantritt auf dem Dietikoner Statthalteramt rasch, dass einiges nicht korrekt läuft. Sie wundert sich, dass sie ihren Vorgesetzten, Statthalter Adrian Leimgrübler, kaum zu Gesicht bekommt und es kursieren Gerüchte über angebliche Begünstigungen. Als plötzlich eines ihrer Dossiers fehlt und sich herausstellt, dass Leimgrübler es übernommen hat, handelt sie. Zusammen mit einer Kollegin wendet sie sich an den Ombudsmann, der Strafanzeige einreicht. Die Strafuntersuchung gegen Leimgrübler wird zwar eingestellt, aber das Verwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass er mehrere Amtspflichten verletzt hat. Er stellt sich trotzdem zur Wiederwahl, wird aber nicht mehr gewählt.

Muriel Pestalozzi Muriel Pestalozzi aus Dietikon (Zürich) bemerkt nach ihrem Stellenantritt auf dem Dietikoner Statthalteramt rasch, dass einiges nicht korrekt läuft. Sie wundert sich, dass sie ihren Vorgesetzten, Statthalter Adrian Leimgrübler, kaum zu Gesicht bekommt und es kursieren Gerüchte über angebliche Begünstigungen. Als plötzlich eines ihrer Dossiers fehlt und sich herausstellt, dass Leimgrübler es übernommen hat, handelt sie. Zusammen mit einer Kollegin wendet sie sich an den Ombudsmann, der Strafanzeige einreicht. Die Strafuntersuchung gegen Leimgrübler wird zwar eingestellt, aber das Verwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass er mehrere Amtspflichten verletzt hat. Er stellt sich trotzdem zur Wiederwahl, wird aber nicht mehr gewählt.

Beobachter Prix Courage

Fast zwei Jahre lang beschäftigte die Causa Leimgrübler die Öffentlichkeit. Nun wird sie wieder zum Thema: Die Zeitschrift «Beobachter» hat eine der beiden Whistleblowerinnen, die den Fall ins Rollen brachte, für den Prix Courage nominiert (die Schweiz am Wochenende berichtete). Der mit 15 000 Franken dotierte Preis ehrt jedes Jahr «Helden des Alltags» für «ausserordentliche, mutige Taten». Als solche Heldin zur Wahl steht nun die Dietikerin Muriel Pestalozzi. Die damalige Mitarbeiterin des Statthalteramts unterrichtete im Sommer 2015 gemeinsam mit einer Kollegin den Ombudsmann darüber, dass es Hinweise gebe, dass der Statthalter Adrian Leimgrübler das Amt nicht korrekt führe.

Das sind die für den Prix Courage nominierten Zürcher. Remo Schmid, Philippe Viau, Muriel Pestalozzi, Remo Schmid, Natalie Burlet, Monika Bosshard.
13 Bilder
Mustafa Karasahin aus Unterkulm (Aargau) rettete ein Mädchen vor einem heranrasenden Zug.
Mustafa Karasahin Karasahin ist auf dem Weg zur Arbeit, als er das schrille Hupen eines heranrasenden Zuges hört. Dann erblickt er das Mädchen auf Gleis 1. Der 36-Jährige überlegt nicht erst: er springt hinunter auf das Gleis und gibt der Teenagerin einen kräftigen Stoss weg von den Schienen. Wenige Meter vor ihnen kommt der Zug zum Stillstand. Auf Gleis 2 nähert sich aber schon der nächste Zug. Das Mädchen versucht, sich loszureissen. In letzter Sekunde schafft es Karasahin, das lebensmüde Mädchen am Rucksack zu packen und ein Drama zu verhindern.
Philippe Viau aus Staffelbach (Aargau) rettet eine Person vor dem Ertrinken.
Philippe Viau aus Staffelbach (Aargau) hat gerade seine Mittagspause beendet und schlendert der Aare entlang zurück in die Werkstatt, als er im Strudel einer gefährlichen Wasserwalze eine orange Schwimmweste auf und ab wirbeln sieht. Der Polymechaniker zieht sein Shirt und Schuhe aus und springt unerschrocken ins Wasser. Erst als er ganz nah an der Wasserwalze ist, bemerkt er den leblosen Körper. Mit einer Hand versucht er, den Kopf des Ertrinkenden über Wasser zu halten, mit der anderen schwimmt er mit aller Kraft ans Ufer. Drei Männer eilen herbei und leisten Erste Hilfe – der Verunglückte überlebt.
Natalie Burlet aus Dättwil (Aargau) setzt sich für Kinder in Burkina Faso ein.
Natalie Burlet Natalie Burlet aus Dättwil hält Wort. Im Alter von 24 Jahren versprach sie einem unterernährten, in ihren Armen sterbenden Mädchen, sich dafür einzusetzen, dass künftig kein Kind aus Burkina Faso mehr ein solches Schicksal erleiden muss. Zurück in der Schweiz gründet die heute 36-jährige Radiologie-Fachfrau zusammen mit einer Freundin den Verein «Sourire aux Hommes». Im Januar 2007 eröffnen die beiden Frauen das erste Waisenhaus in der Kleinstadt Ouahigouya im Norden von Burkina Faso, drei Jahre später das zweite. Mittlerweile wohnen dort 52 Kinder und Jugendliche, 23 werden zusätzlich extern betreut. Finanziert wird das Projekt vollumfänglich über private Spenden.
Remo Schmid aus Dübendorf (Zürich) rettet eine Frau vor Übergriff.
Remo Schmid Remo Schmid aus Dübendorf (Zürich) hört mitten in der Nacht die Hilfe-Schreie einer Frau. Er rennt hinaus und sieht einen Mann, der sich gerade seine Hose hochzieht. Vor ihm sitzt eine Frau, Blut tropft aus ihrer Nase. Der 31-jährige Schmid zerrt den brutalen Schläger weg und wird selbst verprügelt. Doch es gelingt ihm schliesslich, den Mann zu Boden zu drücken. Zusammen mit einem Anwohner kann er den Täter festhalten, bis die Polizei eintrifft und diesen verhaftet.
Monika Bosshard aus Winterthur (Zürich) spendet ihre Niere.
Monika Bosshard Monika Bosshard aus Winterthur (Zürich) legt sich für eine Frau unters Messer, die sie bis vor kurzem nicht einmal kannte. Die Jugendarbeiterin und Katechetin erfährt im Winterthurer Gutschickquartier vom Schicksal der alleinerziehenden Eritreerin, die dringend auf eine Spenderniere angewiesen ist. Monika Bosshard zögert nicht lange: Sie informiert sich über die Risiken und Bedingungen einer Spende, schläft zwei Nächte darüber und meldet sich als Spenderin an. Nach vier Monaten mit vielen Tests und Check-ups wird sie als Spenderin zugelassen.
Muriel Pestalozzi
Muriel Pestalozzi Muriel Pestalozzi aus Dietikon (Zürich) bemerkt nach ihrem Stellenantritt auf dem Dietikoner Statthalteramt rasch, dass einiges nicht korrekt läuft. Sie wundert sich, dass sie ihren Vorgesetzten, Statthalter Adrian Leimgrübler, kaum zu Gesicht bekommt und es kursieren Gerüchte über angebliche Begünstigungen. Als plötzlich eines ihrer Dossiers fehlt und sich herausstellt, dass Leimgrübler es übernommen hat, handelt sie. Zusammen mit einer Kollegin wendet sie sich an den Ombudsmann, der Strafanzeige einreicht. Die Strafuntersuchung gegen Leimgrübler wird zwar eingestellt, aber das Verwaltungsgericht kommt zum Schluss, dass er mehrere Amtspflichten verletzt hat. Er stellt sich trotzdem zur Wiederwahl, wird aber nicht mehr gewählt.

Das sind die für den Prix Courage nominierten Zürcher. Remo Schmid, Philippe Viau, Muriel Pestalozzi, Remo Schmid, Natalie Burlet, Monika Bosshard.

Beobachter

«Sie will ihren Ruf verteidigen»

Es folgte eine Untersuchung, die Freistellung und schliesslich fristlose Entlassung Leimgrüblers. Eine Strafuntersuchung wurde wieder eingestellt. Das Verwaltungsgericht bezeichnete später Leimgrüblers fristlose Entlassung als rechtswidrig, wies aber darauf hin, dass er sich mehrere Amtspflichtverletzungen habe zuschulden kommen lassen. Leimgrübler, der sich gegen den Willen seiner Partei, der FDP, wieder zur Wahl stellte, unterlag im Mai 2015 im zweiten Wahlgang seinem Parteikollegen Simon Hofmann.

Dass Pestalozzi mit dieser Nomination an die Öffentlichkeit trete, zeige, wie sie sich wehre, sagt Leimgrübler auf Anfrage: «Sie will ihren Ruf verteidigen – obwohl ich auf allen Ebenen recht bekommen habe.» Mehr wolle er dazu nicht sagen, so Leimgrübler: «Ich stehe langsam über der Sache.»

Fall Biffiger: Prozessdatum noch unklar

Interessant ist die Nomination aber auch aus Sicht von Pestalozzi. Denn auch für sie hatte die Geschichte negative Konsequenzen. Pestalozzi, die nicht mehr auf dem Statthalteramt arbeitet, wurde massiv angefeindet und beleidigt, nachdem die «Limmattaler Gewerbezeitung» in einem Editorial ihren den Namen ihrer Kollegin veröffentlichte und schrieb, die Aussagen der beiden Frauen hätten sich «klar als falsche Anschuldigung herausgestellt». Die Frauen reichten daraufhin Strafanzeige gegen Gregor Biffiger ein, der das Editorial verfasst hatte. Diesen Sommer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Sie ist der Ansicht, dass sich Biffiger der Verleumdung oder zumindest der üblen Nachrede strafbar gemacht hat, weil er den beiden Frauen vorgeworfen habe, sie hätten den Statthalter zu Unrecht verschiedener Straftaten bezichtigt. Zudem ist Biffiger auch wegen versuchter Nötigung angeklagt. Wann der Prozess stattfinden wird, ist noch nicht klar, wie Pestalozzis Anwalt Ueli Vogel-Etienne am Montag sagte. Biffiger lehne die zuständige Richterin ab, weil diese in der SP sei – wie auch Regierungsrätin Jacqueline Fehr, die Leimgrübler damals entliess. Nun muss das Obergericht über den Antrag entscheiden.

«Ich will der Sache dienen»

Dass sie mit ihrer Geschichte nun selber an die Öffentlichkeit gehe, habe einen einfachen Grund, sagt Pestalozzi auf Anfrage: «Hier geht es ganz klar um das Thema Zivilcourage.» Als der «Beobachter» sich bei ihr gemeldet habe, nachdem im «Tages-Anzeiger» ein anonymisiertes Interview mit ihr erschienen sei, habe sie es sich sehr gut überlegt, ob sie die Nomination annehmen solle. Sie habe sich jedoch dafür entschieden, weil sie überzeugt sei, dass das Thema Whistleblower-Schutz in der Öffentlichkeit mehr Gewicht erlangen müsse. «Ich will damit der Sache dienen», sagt sie. Denn ihr Beispiel habe gezeigt, was schieflaufen könne, selbst wenn man sich als Whistleblower korrekt verhalte.

Pestalozzi wird sich zumindest nicht mehr vor Gericht verantworten müssen. Denn wie Leimgrübler am Montag sagte, werde dieser Tage gegen die zweite Whistleblowerin Strafanzeige wegen falscher Anschuldigungen eingereicht. Von einer Anzeige gegen Muriel Pestalozzi sehe man ab. Pestalozzis Anwalt Vogel hatte es schon früher als «völlig aussichtslos» bezeichnet, jemanden zu verklagen, der sich an die Ombudsstelle wende. Denn genau dafür sei die Stelle ja geschaffen worden.