Die Anstellung

Anfangs 2017 stellt Michael Hübler, der damalige Leiter der Herzchirurgie am Kinderspital Zürich, den 42-jährigen Deutschen A.S. mit einem befristeten Arbeitsvertrag als Assistenzarzt ein. Nach drei Monaten erhält A.S. eine Lohnerhöhung, Ende 2017 folgt die Festanstellung – ein Zeichen der Wertschätzung, wie A.S. im «Tages-Anzeiger» sagt.

Die Krankschreibung

Februar 2018: A.S. wird nach einem Bandscheibenvorfall selbst Patient. Die Operation läuft schief und er muss sechs weitere Male unters Messer. Bis Ende 2018 ist er vollständig arbeitsunfähig, wie der «Tagi» weiter berichtet.

Ende November 2018 trennt sich das Kinderspital per sofort von Michael Hübler, der A.S. einst eingestellt hatte. Die Trennung kommt überraschend, eine Begründung fehlt. Beide Parteien haben Stillschweigen vereinbart. Die Leitung der Kinderherzchirurgie übernimmt der Stellvertreter von Hübler – allerdings nur interimistisch.

Die Entlassung

Januar 2019: Am ersten Arbeitstag nach seiner langen Abwesenheit wird A.S. ins Personalbüro zitiert. Ihm wird gekündigt. Er ist per sofort freigestellt. Die Begründung: «Ungenügendes Leistungsverhalten», «fehlender Respekt» und «häufiges Fernbleiben von offiziellen internen Veranstaltungen», was auch im Arbeitszeugnis festgehalten wird.

Die Entlassung habe weder mit der langen Krankschreibung, noch mit der Causa Hübler zu tun, sagt Kispi-Generalsekretär Rüegg gegenüber dem «Tagesanzeiger». Und weiter: «Die Begründung basiert einzig auf der Einschätzung seiner Arbeitsleistung durch seine Vorgesetzten.»

Bei seiner früheren Arbeitsstelle sah man das anders: Das Deutsche Kinderherzzentrums (DKHZ) Sankt Augustin bei Bonn bezeugt 2010: A.S habe «sowohl ärztlich, menschlich und fachchirurgisch uneingeschränkt alle Qualifikationen», die für einen Arzt nötig sind. Das Arbeitszeugnis liegt der Zeitung vor.

Die Strafanzeige

A.S. reicht Strafanzeige gegen drei Leitende Ärzte ein, namentlich den Interimsleiter der Kinderherzchirurgie, den Direktor der Chirurgischen Klinik und den Ärztlichen Direktor.

Seine Vorwürfe: Verleumdung, zwei Fälle der üblen Nachrede (wegen des schlechten Arbeitszeugnisses) und wiederholte Stichverletzungen, die ihm der Interimsleiter während Operationen zugefügt haben soll. Das Kinderspital widerspricht. Für die Ärzte gilt die Unschuldsvermutung. Laut A.S. komme es immer mal wieder vor, dass man sich unabsichtlich während Operationen verletzt: «Ich arbeite seit 2000 als Chirurg und wurde in dieser Zeit zweimal unabsichtlich gestochen. Er hat mich aber jeden Tag ein- oder zweimal gestochen.»

Unterstützung erhält A.S. von F.L. Dieser war als Kardiotechniker bei vielen Operationen dabei und sagt: «Das kann ich alles bestätigen.» Laut «Tagesanzeiger» bestätigt ein zweiter Zeuge, der anonym bleiben möchte, dass die Stichverletzungen stattgefunden haben.

Kispi-Generalsekretär Urs Rüegg sagt hingegen, dass die Vorwürfe «falsch und haltlos» seien. Unabsichtliche Schnitt- oder Stichverletzungen kommen zwar vor, seien aber selten. Das Kispi wisse von «zwei internen Unfallmeldungen von Herrn A.S.».

Der Hungerstreik

A.S. mache sich allerdings keine grossen Hoffnungen, dass seine Strafanzeige etwas bringen würde. Deshalb ist er seit dem 1. April im Hungerstreik. Er wolle damit erst aufhören, wenn sich die drei Leitenden Ärzte mit ihm geeinigt hätten. «Sie müssen mir entgegenkommen, damit mein Ruf wiederhergestellt ist.» Er will, dass sein ehemaliger Vorgesetzter Michael Hübler das Arbeitszeugnis ausstellt. Arbeitsrechtlich sei das nicht möglich, da Hübler von all seinen Pflichten freigestellt wurde, wirft Rüegg vom Kispi ein.

Die Entlassungen haben zur Folge, dass René Prêtre, der Vorgänger von Hübler, einmal die Woche in der Herzchirurgie aushilft: Denn für schwierige Fälle fehlt dem Interimsleiter die Erfahrung. Im Gegensatz zu A.S. hat er keinen Facharzttitel für Herzchirurgie. (jaw)