Gesundheit
ADHS: Der schwierige Weg zur richtigen Therapie

Die beste Therapie für ein Kind mit ADHS zu finden, ist oft schwierig. Eine Familie hat sich nach anfänglichem Zögern für eine Behandlung mit Ritalin entschieden.

Susanne Schmid Lopardo
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Die Symptome von ADHS sind vielfältig, und die Ausprägung ist unterschiedlich. (Symbolbild)

Die Symptome von ADHS sind vielfältig, und die Ausprägung ist unterschiedlich. (Symbolbild)

Keystone

Es gibt sie in jeder Klasse. Die Kinder, die in der Schule nicht stillsitzen können und unkontrolliert dreinrufen. Die Kinder, welche die Anweisungen der Lehrerin nicht hören, weil es viel interessanter ist, das Gspänli in der vorderen Bankreihe dabei zu beobachten, wie es das Heft hervorholt. Oder jene, die ganz einfach vor sich hin träumen und dadurch langsamer sind als die anderen. Die Symptome von ADHS sind vielfältig, die Ausprägung ganz unterschiedlich. Renata T.*, die mit ihrer Familie seit einigen Jahren in Winterthur lebt, hat gleich zwei Kinder, bei welchen ADHS diagnostiziert wurde. Ihre Tochter Sara* ist 16, der Sohn Olaf* 13 Jahre alt.

Sara fiel bereits im Kindergarten auf. Sie riss andere Kinder an den Haaren, war sehr lebhaft und unruhig. «Sie war ein sozial schwieriges Kind», erinnert sich Renata T. «Und ist es immer noch.» Die Familie liess Sara abklären und schickte sie auf Empfehlung der Therapeutin zum heilpädagogischen Reiten. «Sie war ein grosser Rösslifan, und die Therapeutin sagte, man solle sie dort abholen», erzählt die Mutter. Sara ging zudem in die Psychotherapie und in die Psychomotorik. Und sie kam in eine Einschulungsklasse.

Der Versuch hat sich gelohnt

Doch die Schwierigkeiten blieben, und als Sara in der ersten Klasse war, entschied die Familie, es mit Medikamenten zu versuchen. «Als wir die Diagnose ADHS erhielten und uns die Therapeutin empfahl, Ritalin zu geben, dachte ich, um Gottes willen, ich will mein Kind doch nicht ruhigstellen.» Doch der Versuch habe sich gelohnt. Sara sei ruhiger geworden, obwohl die Wirkung nicht so gross war, dass Sara die Regelschule hätte besuchen können.

«Sie war ein grosser Rösslifan, und die Therapeutin sagte, man solle sie dort abholen.»

Renata T.

Später wurde bei Sara noch ein Asperger-Syndrom diagnostiziert. Sara kam in eine Privatschule und da in eine Kleinklasse. Die Wohngemeinde übernahm die Schulkosten. «Wir hatten Glück», sagt Renata T. In eine normale Schule hätte Sara nicht gepasst. Sara besuchte nie die Regelschule und geht heute noch in die Psychotherapie und ins heilpädagogische Reiten.

Die richtige Dosierung für die Medikamente zu finden, war nicht einfach. Nach einem Therapeutenwechsel wurde die Dosis erhöht und das Medikament gewechselt. Auf Vorschlag der Schule pausierte Sara für ein Jahr. In der Berufsfindungsphase entschied sich die Familie dann allerdings, wieder mit einer medikamentösen Behandlung zu beginnen. Sara nimmt nun seit letztem Herbst ein neues Präparat. «Sie kann sich besser konzentrieren und explodiert weniger schnell, wenn sie mit ihrem Bruder Streit hat.»

Beratung und Informationen

Hilfe zum Thema ADHS gibt es bei Elpos-ADHS-Organisation, www.elposzuerich.ch, Tel. 044 311 85 20 oder E-Mail: zuerich@elpos.ch. Neu mit Gesprächsgruppen für Eltern.

Die Probleme mit der Appetitlosigkeit hätten sich mit dem neuen Medikament reguliert. Dadurch habe sie am Abend auch keinen Heisshunger mehr. Früher habe Sara zudem «ohne Punkt und Komma geredet und war sehr laut». Das sei besser geworden, sagt Renata T. Inzwischen besucht Sara noch eine Gruppe für Asperger-Jugendliche in Zürich, in der sie Sozialkompetenz trainiert.

Kontakt zur Schule ist wichtig

Der heute 13-jährige Olaf fiel im Kindergarten nicht gross auf. «Er konnte durchaus einmal eine Stunde stillsitzen.» Da Renata T. durch Sara sensibilisiert war, informierte sie die Lehrperson der ersten Klasse über seine Probleme. «Wir waren immer in engem Kontakt mit den Lehrpersonen, das war sehr wertvoll für uns.» Und als die Lehrerin im zweiten Semester an ihre Grenzen kam, entschied sich die Familie für eine Abklärung. Bei ihm wurde ebenfalls ADHS diagnostiziert.

Diesmal fiel der Familie der Entscheid einfacher, es mit Medikamenten zu versuchen. «Wir begannen Anfang Sommerferien und steigerten die Dosis langsam.» Mit dem Resultat, dass die Lehrerin schon am ersten Schultag die Rückmeldung gab, Olaf könne sich viel besser konzentrieren. Er sei ein ganz anderes Kind. Auch zu Hause war die Frustrationsgrenze höher. Die Eifersucht zwischen Geschwistern sei immer ein schwieriges Thema gewesen. «Das ist sie immer noch. Sie können um jedes Gummibärli streiten.» Olaf habe sich dank der Medikamente aber besser unter Kontrolle.

Ritalin nur noch in der Schule

Auch bei Olaf musste die Dosierung später nochmals angepasst werden. Sie hätten sie gesenkt, ihr Sohn fühle sich nun besser, erzählt die Mutter. Er könne dank der Medikamente die Regelschule besuchen und komme mit den Hausaufgaben klar. Inzwischen nimmt er die Medikamente meist nur noch an den Tagen, an denen er Schule hat. Am Wochenende oder in den Ferien verzichtet er darauf. Das funktioniere gut, sagt Renata T. Ihr Fazit: Sie würde sich wieder für die Medikamente entscheiden. «Um den Kindern die Chance zu geben, ihr Potenzial auszuschöpfen. Denn dumm sind sie nicht. Sie sind nur sehr schnell ablenkbar.»

*Alle Namen geändert

Interview

Soziologe Dominik Robin: «Es kommt immer zu einer Wechselwirkung»

Warum haben Sie untersucht, wie Eltern dazu kommen, ihrem Kind Ritalin zu geben?

Dominik Robin: Die Untersuchung war ein Folgeprojekt einer anderen Studie, die gezeigt hatte, dass der Ritalinkonsum zwischen 2006 und 2012 zu Beginn zwar anstieg, dann ab 2010 aber stagnierte. Das hat uns zur Frage gebracht, nach welchen Kriterien sich Eltern für die Medikamente entscheiden.

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Ein wichtiger Grund, wenn nicht der wichtigste, ist der Leidensdruck des Kindes und der Eltern im Schul- und Familienalltag.

Das heisst?

Meist geht es um Druck in der Schule, zu hohe Erwartungen und Überforderung. Kinder müssen in der Schule Leistung erbringen, und das schnell, was sie oft nicht können. Dabei entsteht eine gefährliche Wechselwirkung zwischen den schulischen Herausforderungen und der familiären Situation. Das Kind fühlt sich dumm und hilflos, weil es langsam ist. Es kommt vielleicht nach Hause und gibt dem Bruder aufs Dach. Das führt zu Streit in der Familie und in eine Abwärtsspirale.

Laut Ihren Studienergebnissen wird der Leidensdruck des Kindes von über Dreivierteln der Eltern als Grund für die Medikamente angegeben.

Es stimmt, in der Onlinebefragung gaben rund drei Viertel der Eltern den Leidensdruck als Grund an. In den Interviews, die wir mit Eltern von betroffenen Kindern geführt haben, sind wir zum gleichen Schluss gekommen.

Wie schnell nach der Diagnose entscheiden sich Eltern für Ritalin?

Alle haben lange, mühsame Behandlungswege hinter sich. Sie haben zum Beispiel mit Logopädie angefangen, verschiedene Hobbys und alternative Therapien wie Homöopathie oder Musiktherapie ausprobiert. Für Medikamente entscheiden Eltern sich erst, wenn alles andere zu wenig oder nichts nützt. Der Entscheidungsprozess ist komplex und langwierig.

Eltern fällen den Entscheid also nicht leichtfertig?

Nein, das haben diese Studie und die Vorgängerstudie gezeigt. Es gilt eher das Motto: Wir wissen nicht weiter, wir haben schon viel ausprobiert, jetzt versuchen wir es mit Ritalin.

Was waren die grössten Bedenken der Eltern, den Kindern Medikamente zu geben?

Die medizinischen Nebenwirkungen, wie Appetitstörungen und Probleme mit dem Ein- oder Durchschlafen. Aber auch die Frage: Will das Kind das überhaupt? Der Medikamentenkonsum kann bei den Kameraden zu einer Stigmatisierung führen.

Die Teilnahme an der Online-Befragung war freiwillig. Besteht da nicht die Gefahr, dass sich vor allem Eltern gemeldet haben, die ihre Entscheidung sowieso schon bewusst fällen?

Es ist sicher richtig, dass eher motivierte Eltern den Fragebogen ausgefüllt haben, Eltern, die gut Deutsch können und zu Informationsveranstaltungen kommen. Das kann man nicht schönreden. Es gibt eine Zielgruppe, die ganz schwierig erreichbar ist. So existieren zum Beispiel fast keine Studien, in welchen Väter befragt wurden. Ich kenne nur eine aus England. Sie zeigte, dass Väter das Problem oft anders sehen. Wie es in der Schweiz ist, weiss ich nicht.

Was meinen Sie mit Väter sehen es anders?

Dass sie es nicht so schlimm finden, wie sich das Kind verhält. Und dass sie es weniger nötig finden, Medikamente zu geben. Das kann zu Streit zwischen den Eltern führen. Bei geschiedenen Eltern zum Beispiel, weil das Kind im Alltag nicht mit dem Vater zusammen ist. Das heisst aber nicht, dass das Bild unserer Studie total falsch ist.

Was hat die Studie aus wissenschaftlicher Sicht gebracht?

Sie zeigt, dass man ein besonderes Augenmerk auf den Leidensdruck des Kindes legen sollte. Das wird oft gemacht, aber nicht immer. Es kommt immer zu einer Wechselwirkung zwischen Schule und Familie. Das ist eine Kernaussage unserer Studie. Der Druck beginnt in der Schule und geht weiter auf die Familie und die Kinder. ADHS ist ein gesellschaftliches Problem.

Zur Person: Dominik Robin Dominik Robin ist Soziologe am Institut für Gesundheitswissenschaften an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur und Co-Leiter der Studie, welche die ZHAW in Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg und der ETH Zürich durchgeführt hat.

Zur Person: Dominik Robin Dominik Robin ist Soziologe am Institut für Gesundheitswissenschaften an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur und Co-Leiter der Studie, welche die ZHAW in Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg und der ETH Zürich durchgeführt hat.

Keiko Saile