Bezirksgericht Dietikon

Abgewiesener Asylbewerber ist angeklagt wegen Hehlerei: Er gibt sich ahnungslos

Der Gesamtwert von Rucksack und Inhalt wird von den Ermittlern auf 3761 Franken beziffert. (Symbolbild)

Der Gesamtwert von Rucksack und Inhalt wird von den Ermittlern auf 3761 Franken beziffert. (Symbolbild)

Beim «Ali Baba» am Bahnhof Schlieren war Endstation für die Räuber: Im Rucksack befanden sich unter anderem ein iPad, ein Laptop, Kopfhörer und ein Portemonnaie. Der Gesamtwert von Rucksack und Inhalt wird von den Ermittlern auf 3761 Franken beziffert.

«Ich habe nicht gewusst, dass dieser Rucksack gestohlen war», liess der Beschuldigte durch den Übersetzer ausrichten. «Es war aber nicht mein Rucksack.» Dieser Rucksack, immerhin so viel steht gemäss Anklage fest, war an einem Februarabend dieses Jahres in einem Restaurant an der Zürcher Europaallee gestohlen worden. Kaum zwei Stunden später stand er auf einem Tisch des Imbisslokals «Ali Baba» beim Bahnhof Schlieren. Die Lokalität machte ihrem Namen alle Ehre: In «Tausendundeine Nacht» war es schliesslich der Holzfäller Ali Baba, der eine Räuberbande bezwang.

Mitgebracht hatte den Rucksack ein Bekannter des Angeklagten. Kurze Zeit später schlang sich der Beschuldigte den Rucksack über die Schulter und machte Anstalten, das Lokal zu verlassen. An der Eingangstüre wurde er jedoch von Beamten der Stadtpolizei Zürich angehalten, kontrolliert und festgenommen. Im Rucksack befanden sich unter anderem ein iPad, ein Laptop, Kopfhörer und ein Portemonnaie. Der Gesamtwert von Rucksack und Inhalt wird von den Ermittlern auf 3761 Franken beziffert.

29 Jahre alt und schon achtfach vorbestraft

Gestern hatte sich der Beschuldigte, der das «Ali Baba» mit dem gestohlenen Rucksack verlassen wollte, vor dem Bezirksgericht Dietikon zu verantworten. Es handelt sich um einen 29 Jahren alten Mann aus Algerien, der in der Schweiz um Asyl ersuchte, dessen Gesuch aber abgelehnt wurde und der mit einem Sozialhilfestopp belegt ist. Er weist bereits acht Vorstrafen auf – vor allem wegen Widerhandlungen gegen die Ausländergesetzgebung, aber auch wegen Diebstählen und Betäubungsmitteldelikten. Nun forderte die Anklage für ihn eine unbedingte Freiheitsstrafe von sechs Monaten.

In der Befragung durch den Gerichtsvizepräsidenten Bruno Amacker liess der Beschuldigte ausrichten, dass er im «Ali Baba» etwas habe essen wollen. Dabei habe er zwei Bekannte angetroffen, die den Rucksack bei sich gehabt hätten. Der eine der beiden sei betrunken gewesen und habe den Rucksack vor ihn hingestellt. Die Frage des Richters, weshalb er, der Beschuldigte, den Rucksack an sich genommen hätte, blieb vorerst unbeantwortet. Auf das Nachhaken und Insistieren des Richters hin erklärte der Beschuldigte nach Ausflüchten, dass er befürchtet habe, dass sein Bekannter den Rucksack verlieren könnte, weil der ja betrunken gewesen sei. «Ich habe den Rucksack unbewusst mitgenommen», sagte er. «Mein Freund war betrunken. Er hätte den Rucksack liegengelassen. Mein Freund war betrunken.»

Auf die Frage nach seinem Aufenthaltsstatus entgegnete der Beschuldigte, der nach seinen Angaben von einer Unterstützung von 10 Franken pro Tag lebt, dass er keine Aufenthaltsbewilligung habe. Die Frage, weshalb er denn immer noch im Lande sei, beantwortete er damit, dass er schwer krank gewesen sei und sich habe behandeln lassen. Auf den Einwand, weshalb er das Land nach seiner Genesung denn jetzt nicht verlasse, erklärte er, dass er eine Frau kennen gelernt habe und heiraten wolle. Den Vorschlag des Vorsitzenden, dass er ja seine Frau in seine Heimat mitnehmen könne, konterte der Beschuldigte damit, dass seine Künftige von hier sei. Zu seinen Zukunftsplänen schliesslich erklärte er: «Ich hoffe, dass ich heiraten, arbeiten und ein neues Leben beginnen kann.»

Der amtliche Verteidiger des Beschuldigten plädierte – in dieser Reihenfolge – auf Nichteintreten auf die Anklage, Einstellung des Verfahrens oder Freispruch. Alles jeweils unter einer Genugtuungssumme für seinen Mandanten von 400 Franken für die ausgestandene Untersuchungshaft von knapp zwei Tagen.

Wie aus dem Vortrag des Verteidigers hervorging, war der Beschuldigte vorerst wegen Diebstahl zu einer unbedingten Haftstrafe von 120 Tagen verurteilt worden. Der Strafbefehl musste aber nach einer Einsprache wegen gravierenden Mängeln aufgehoben werden.
Aber auch an der neuen Anklage mit dem Vorwurf der Hehlerei liess der Verteidiger keinen guten Faden. Die Strafuntersuchung sei einseitig geführt worden, machte er geltend. Sein Mandant hätte keine Möglichkeit zur Stellungnahme gehabt. Zudem habe eine Untersuchung des Rucksacks ergeben, dass sich keinerlei Spuren des Beschuldigten nachweisen liessen. Auch hätten sich aus den Aufzeichnungen einer Überwachungskamera des Imbiss-Lokals keinerlei objektive Feststellungen ergeben. Schliesslich sei es nicht zulässig, dass die Strafuntersuchung durch einen Assistenz-Staatsanwalt durchgeführt worden sei. «Der Sachverhalt ist nicht erstellt», betonte der Verteidiger. «Es stellt sich die Frage, welcher Straftat sich mein Mandant schuldig gemacht haben soll. Es ist auch ungeklärt, was sich im Imbiss zugetragen hat. Der Beschuldigte hatte mit diesem Rucksack nichts zu schaffen.»

«Er ist ein freundlicher, höflicher Zeitgenosse»

Die beantragten sechs Monate Haftstrafe unbedingt bezeichnete der Verteidiger als «unüblich hoch». «Der Beschuldigte ist ein freundlicher, höflicher Zeitgenosse, der leider als Schwerverbrecher behandelt wird. Grund dafür ist seine prekäre Aufenthaltssituation.»
Das Gericht wird das Urteil erst zu einem späteren Zeitpunkt schriftlich verkünden. Die Limmattaler Zeitung wird nachfragen, wie es ausfiel.

Meistgesehen

Artboard 1