Sie sind Naturschönheiten, die Reppisch und das Dietiker Moor. Doch sind sie mit ein Grund dafür, dass für den Neubau der Dietiker KVA nur das Coop-Areal ernsthaft infrage kommt.

Für 90 Millionen Franken will die KVA-Betreiberin Limeco die 43 612 Quadratmeter kaufen. Bezahlt per Kredit, der am Markt aufzunehmen wäre. Das Volk der Trägergemeinden muss den Kauf aber bewilligen. Am 10. Juni, also in 99 Tagen, stimmen Dietikon, Urdorf, Schlieren und die fünf Gemeinden rechts der Limmat ab. Sagt eine Stadt sowie die Mehrheit aller acht Ja, so gilt es.

Die Lebensdauer der heutigen KVA – die letztes Jahr 91 319 Tonnen Abfall verwertete – endet bis 2035. Das heutige Areal bietet keinen Platz für einen Neubau, wie eine Machbarkeitsstudie der Limeco 2015 zeigte. Würde sie die neue KVA dort bauen, müsste sie die alte für Jahre abschalten. 30 Personen wären ohne Arbeit und die Regiowärmeleitungen müssten provisorisch beheizt werden.

Kapazität von 160'000 Tonnen pro Jahr vorgesehen

Der kantonale Richtplan und die neue Abfallplanung des Zürcher Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) sehen eine Kapazität in Dietikon von 160 000 Tonnen pro Jahr vor. Zum Vergleich: Zürich Hagenholz soll 2035 mit 360 000 Tonnen laufen, Winterthur mit 190 000 und Hinwil mit 120 000. Für die KVA Horgen sind bis in die 2030er-Jahre etwas mehr als 37 000 Tonnen eingeplant. Dann fällt sie weg und wird durch die zusätzliche Dietiker Kapazität ersetzt. Heute liefern elf Gemeinden ihren Abfall nach Horgen. In Dietikon sinds 38 – hinzu kommen gut 55 Prozent Marktkehricht, was im Schweizer Schnitt liegt. Die Abfallplanung unterzeichneten im Januar Awel-Amtschef Christoph Zemp, Baudirektor Markus Kägi (SVP) und die Verwaltungsratspräsidenten und Geschäftsführer der Zürcher KVA-Betreiber.

Der Vorstand der Zürcher Planungsgruppe Limmattal (ZPL) hat seinen Delegierten aber beantragt, dass sie am 14. März eine Stellungnahme an den Kanton verabschieden, mit dem Ziel, den Richtplaneintrag von 160 000 auf 120 000 Tonnen zu reduzieren. Das wären noch knapp 30 000 Tonnen mehr als die heutige Dietiker Maximalkapazität. Da sowieso ein Neubau nötig ist, beeinflusst das die Landkauf-Frage kaum.

Weniger Lastwagen

Je grösser die Kapazität, desto günstiger pro Tonne dürfte die KVA sein. Stichwort: Kehrichtgebühren. Beim Verkehr lautet die Prognose, dass neu 215 statt 125 Kehricht-Lastwagen pro Tag nach Dietikon fahren werden und dafür 355 von Coop wegfallen. Das ist ein Minus von 265. Für die A3 in Urdorf rechnet die Limeco mit maximal 35 bis 40 zusätzlichen Fahrten – Rückfahrten inklusive.

An Umweltfragen soll nichts scheitern. Die Limeco steht in Kontakt mit dem Verband Birdlife Schweiz. Ersten Ideen nach soll sich der Neubau zur Reppisch hin stufenweise und mit Gras bepflanzt absenken. Zudem ist 2035 voraussichtlich kein Hochkamin mehr nötig.

Der Neubau würde nicht das ganze zum Verkauf stehende Areal füllen: Den Rest würde die Limeco einer wertschöpfenden Zusatznutzung zur Verfügung stellen, bis sie ihn in ferner Zukunft womöglich selber braucht.

Warum Urdorf dagegen ist

Der Gemeinderat Urdorf lehnt die Pläne der Limeco ab. Und geht in den Abstimmungskampf. Er spricht von einer neuen Mega-KVA, die die Lebensqualität reduziert, von mehr Verkehr, mehr Lärm, mehr Luftbelastung und mehr Abfallimporten.

Im Dezember machte der Gemeinderat seine Ablehnung per Vorankündigung öffentlich. Nun hat er den Nein-Beschluss gefällt und ihn am Donnerstag mitgeteilt. Manche Politiker anderer Gemeinden können das Nein nicht nachvollziehen und erinnern sich an 2012, als die Urdorfer Exekutive aus dem Spitalverband Limmattal austreten wollte, bis die Gemeindeversammlung dies ablehnte.

Vor allem die höhere Kapazität stört die Urdorfer Exekutive: Sie fordert mit ihrer Stellungnahme zur Teilrevision des Richtplans maximal 90 000 Tonnen Kehricht jährlich in Dietikon. Die kantonale Abfallplanung mit neu 160 000 statt 120 000 Tonnen stösst dem Gemeinderat sauer auf. «Es macht keinen Sinn, die KVA Horgen stillzulegen. Von dort kommen rund 40 000 Tonnen zusätzlich ins Limmattal. Die weiteren 30 000 zusätzlichen Tonnen sind Marktkehricht von irgendwoher, also nicht zwingend aus der Region. Das bringt viel mehr Verkehr und Lärm und widerspricht sämtlichen Bemühungen, das Limmattal zu entlasten», sagt Gemeindepräsidentin Sandra Rottensteiner (EVP). Der Verkehr beschäftige das Urdorfer Volk stark: «Dem tragen wir Rechnung mit unserem Nein.»

Bei der neuen Planung hätten die betroffenen Gemeinden und Regionen «zu wenig oder gar nicht» mitreden dürfen. Am Anfang gab es fünf Szenarien. Das jetzt gewählte trug die Nummer 1: 40 000 Tonnen mehr in Dietikon und 10 000 in Winterthur. Die Szenarien 2 und 3 hätten 30 000 Tonnen mehr nach Dietikon sowie 20 000 nach Winterthur respektive Hinwil gebracht. Szenario 4 sah in Dietikon 15 000 Tonnen mehr vor und 35 000 in Horgen. Der Gemeinderat favorisiert Szenario 5: gleich viel Abfall in Dietikon, aber mehr in Horgen und Winterthur. «Der Kanton und die Limeco konzentrierten sich zu schnell auf Szenario 1», bemängelt Rottensteiner.

Die ganze Planung sei eine unnötige Zentralisierung des Zürcher Abfallwesens. Damit der Kanton die jetzige Planung fallen lässt, wollen sie und ihre Kollegen ein Nein zum Landkauf: «Nur so wird der Weg frei für eine neue Planung.» Auch mit einer Kapazität von 90 000 Tonnen könne man den gemäss Langzeitprognosen anfallenden Kehricht aus den 38 angeschlossenen Gemeinden verwerten. Die Rechnungsprüfungskommission entscheidet bis 31. März.

So sehen Regiowärme-Baustellen aus: Hier an der Reservatstrasse in Dietikon.

So sehen Regiowärme-Baustellen aus: Hier an der Reservatstrasse in Dietikon.