Uitikon
50 Corona-Gesichter zu Weihnachten: Beim Sprayen verarbeiten sie die Pandemie

Das Uitiker Graffiti-Duo One Truth schuf für ihre Weihnachtsausstellung Corona-Gesichter. Die Werke sollen als Zeitdokumente dienen. Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des Virus haben Michi und Tobi Senn als Überlebenskünstler nicht. Sie verkauften im Coronajahr sogar mehr Bilder als sonst.

Sibylle Egloff
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Michi Senn und sein Bruder Tobi schufen für ihre aktuelle Weihnachtsserie Corona-Gesichter.
11 Bilder
Insgesamt 50 Gesichter sind entstanden, die Interessierte auf Voranmeldung im Studio in Zürich Altstetten anschauen und kaufen können. Das Graffiti-Duo und Hund Brownie heissen alle herzlich willkommen.
Ob Donald Trump, Frankenstein, Superheld, Künstlerin, Kiffer oder Polizist: Die Gesichter bilden eine grosse Bandbreite von menschlichen Stereotypen ab. Die Arbeit war für die Brüder Michi und Tobi Senn ein Weg, die Coronapandemie zu verarbeiten.
1998 starteten die Brüder ihre Karriere als Graffiti-Künstler. Seit zehn Jahren betreiben die beiden ihr Atelier an der Bändlistrasse in Zürich Altstetten.
Skurrile und klobige Gestalten gehören zum Markenzeichen von "One Truth".
Hunde und Tiere sind oft die Sujets in Michi und Tobi Senns Kunst. Damit lässt sich Gesellschaftskritik einfacher vermitteln, finden die Brüder.
Die Brüder waren Anfang Dezember in der SRF-Sendung "Jobtausch" zu sehen. Sie stellten ihr Können bei einem bekannten Maler im sardischen San Sperate unter Beweis.
Die Künstler verkauften im Corona-Jahr dreimal mehr Bilder als sonst.
"Gemeinsam stark" ist das bekannteste Werk von "One Truth" und ist an der Rötelstrasse am Buecheggplatz in Zürich zu finden.
Auch international haben sich die Brüder einen Namen gemacht: Der berühmte "Globetrotter" befindet sich am Görlitzer Bahnhof in Berlin Kreuzberg und wurde schon in zahlreichen Magazinen gezeigt.
Auch eine Interpretation des Schweizer Sackmessers ist auf einer Berliner Fassade verewigt.

Michi Senn und sein Bruder Tobi schufen für ihre aktuelle Weihnachtsserie Corona-Gesichter.

Severin Bigler

Das blaue Gesicht weist mit seiner gelben Frisur eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem noch amtierenden amerikanischen Präsidenten auf. Die Ohren bestehen aus Fünfräpplern. Die Augen des grünen Gesichts daneben werden mit Spraydosen-Druckknöpfen dargestellt. Auf dem Kopf thront ein weisses Cap. Insgesamt hängen 50 verschiedene solche 15 mal 20 Zentimeter grossen Bilder im Studio des Uitiker Graffiti-Duos One Truth in Zürich Altstetten.

Vom Samichlaus über den Kiffer, den Superhelden, den Polizisten bis zur Künstlerin findet sich eine Bandbreite von menschlichen Stereotypen. Was sie alle verbindet ist, dass sie eine Hygienemaske über Mund und Nase tragen. «Wir nennen sie Corona-Faces. Wenn die Leute draussen vorbeilaufen und reinschauen, blicken sie sozusagen in ihr Spiegelbild. Alle sehen wegen der Maskenpflicht ähnlich aus, man bleibt anonym», sagt Michi Senn. Er und sein Bruder Tobi hatten im November die Idee, der aktuellen Situation in Form einer Weihnachtsserie Ausdruck zu verleihen.

«Das ist unser Weg, die Pandemie zu verarbeiten. Die Gesichter sind ein künstlerisches Zeitdokument der Coronakrise», sagt Senn und krault seinem Hund Brownie den Nacken. 400 Franken kosten die gesprayten, grundierten und mit Acryl bemalten Corona-Gesichter. «Aufgrund der handlichen Grösse der Bilder, die auf die Masken abgestimmt ist, nehmen die Gesichter weniger Raum ein und beeinflussen das Zuhause daher nicht so stark wie ein grosses Gemälde», erklärt Senn den Vorteil dieses Formats.

Der 39-Jährige und sein zwei Jahre jüngerer Bruder entwerfen jedes Jahr Werke für ihre Weihnachtsausstellung. «Letztes Jahr haben wir zwölf Strassenschilder abgeschliffen und mit diversen Figuren und Charakteren besprayt», sagt Senn und zeigt auf die Bilder, die auf der anderen Seite des Studios ausgestellt sind. Interessierte können die neusten Werke nach Voranmeldung bis am 23. Dezember vor Ort besichtigen und kaufen. Seit der Verschärfung der Corona-Massnahmen dürften sie aber keine Werbung mehr dafür machen. Deshalb setzten die Brüder nun auch auf ihren Onlineshop. «Ich hoffe, dass wir online auch einige Bestellungen erhalten», sagt Senn.

Gesellschaftskritik geht mit tierähnlichen Figuren besser

«Pase» und «Dr. Drax» – wie die Halbtibeter in der Graffiti-Szene heissen – betreiben seit zehn Jahren das Atelier an der Bändlistrasse. Ihre Graffiti-Karriere starteten die Autodidakten 1998 draussen auf der Strasse an den Fassaden, Brücken und Wänden der Stadt. «Das ist unsere Referenz. Die Leute kennen uns deswegen und kommen deshalb zu uns ins Studio», sagt Senn. Typisch für die Künstler sind die klobigen, skurrilen Gestalten, die oft Hunden ähneln. «Wir üben mit unserer Kunstform Gesellschaftskritik. Das geht mit tierischen Figuren einfacher. Die Menschen schmunzeln, und fühlen sich nicht völlig entlarvt und angegriffen.» Das Thema Hund wird auch oft aufgegriffen, weil das Tier für die Brüder der treueste Begleiter von Strassenkünstlern darstellt. «Es gibt einige Parallelen zwischen Hund und Sprayer, beide markieren ihr Revier zum Beispiel gerne», sagt Senn und lacht.

«Gemeinsam stark» an der Rötelstrasse am Buecheggplatz ist wohl das bekannteste Werk von «One Truth» in Zürich. Die Graffiti-Künstler haben sich auch international einen Namen gemacht. Ihr berühmtestes Werk befindet sich in Berlin. Dort haben sich die Brüder mit dem 20 Meter grossen «Globetrotter» nahe des Görlitzer Bahnhofs in Kreuzberg verewigt. «Das Graffito wurde schon in zahlreichen Magazinen und auch in der Sendung ‹Berlin Tag & Nacht› gezeigt», erzählt Senn. Im Sommer kam eine Graffiti-Wand in San Sperate auf Sardinien hinzu.

Im Sommer haben sie sich auf Sardinien verewigt

Die Brüder reisten für die SRF-Sendung «Jobtausch» nach Italien und stellten bei Maler Angelo Pilloni ihr Können unter Beweis. Die Folge wurde Anfang Dezember ausgestrahlt. «Es war ein cooles Erlebnis. Wir bleiben mit Angelo und seinem Team in Kontakt und hoffen, dass sie uns auch einmal besuchen kommen», sagt Senn. Nochmals mitmachen würde er aber nicht. «Es war spannend, bei einem solchen Dreh dabei zu sein. Doch die Arbeit mit einem Kamerateam und die ständigen Wiederholungen sind nichts für uns. Am Ende wurde nur etwa ein Zehntel des Filmmaterials ausgestrahlt.» Das Coronajahr ist kein gutes für die Strassenkunst. «Es läuft viel weniger draussen, viele Projekte an Fassaden wurden auf Eis gelegt», sagt Senn. Auch Workshops und Team-Bildungs-Anlässe, die «One Truth» veranstaltet, fallen seit dem Ausbruch des Coronavirus aus. Doch die Graffiti-Künstler können nicht klagen. «Wir haben in diesem Jahr dreimal mehr Bilder verkauft als sonst», sagt Senn. Das liege wohl daran, dass die Menschen nun öfters zuhause seien und ihr Daheim verschönern würden.

Wir sind Überlebenskünstler, mussten oft mit wenig Geld auskommen und konnten das Leben nicht Jahre vorausplanen. Wir sind stets gefordert, neue Ideen zu entwickeln und uns an neue Situationen anzupassen, deshalb sind wir für dieses Virus gut gerüstet.

(Quelle: Michi Senn vom Graffiti-Duo One Truth)

«Unsere Wurzeln haben wir in der Strassenkunst. Wir lieben es, Fassaden und Wände zu besprayen und den Betrachtern auf diese Art still etwas mitzugeben und ihnen eine Freude zu machen. Doch wir haben uns vor rund zehn Jahren etwas davon gelöst und damit begonnen, zusätzlich Objekte und Bilder zu besprayen.» Dieser Entscheid zahlt sich jetzt aus. Viele Bilder und Werke, die sie seit Jahren im Lager stehen hatten, konnten die Brüder nun unter die Leute bringen.

Von der kritisierten Sprayerei zur gefeierten Kunstform

Dass es ihnen heute trotz Corona so gut geht, hat wohl auch damit zu tun, dass Graffiti im Verlauf der Jahre einen anderen Stellenwert erhalten haben und dass das Ansehen sowie die Akzeptanz gewachsen sind. «Street Art ist seit etwa zehn Jahren eine zeitgenössische Kunstform und keine Jugendbewegung aus dem Untergrund mehr. Die Leute befassen sich heute damit, früher war es eine eigene Welt, in die man sich zurückziehen konnte», sagt Senn. Der Wandel löst bei ihm gemischte Gefühle aus. «Wir freuen uns sehr, dass wir davon leben können und unsere Leidenschaft zum Beruf machen konnten. Gleichzeitig finden wir es seltsam, dass nun Menschen vor Graffiti-Wänden für Selfies posieren und die Werke sogar in dafür konzipierten touristischen Stadtführungen zelebriert werden. Früher hatte man Angst vor Sprayern, sie wurden schubladisiert. Personen, die damals negativ gegenüber Graffiti und ihren Urhebern eingestellt waren, haben nun vielleicht sogar solche Bilder zuhause hängen.» Das sei schon etwas absurd.

Auch an ihrem alten Wohnort Uitikon ist der Wandel bemerkbar. Die Brüder lebten als Teenager dort bei ihrem Onkel. «Ich weiss noch, wie ich in meiner Schulzeit dazu verdonnert wurde, die von mir besprayten Container abzuschleifen», sagt Senn. Mittlerweile hängt ein Bild von «One Truth» im Uitiker Gemeindehaus und einige Graffiti schmücken lokale Fassaden. «Wie die Zeiten sich ändern», sagt Senn und lacht. Wichtig ist es «One Truth», dem eigenen Stil treu zu bleiben. Deshalb führen die Brüder auch keine Auftragsarbeiten aus, bei denen ihnen die Sujets vorgegeben werden. «Wir sind keine Dienstleister, sondern Künstler. Der Wiedererkennungswert würde verloren gehen, wenn wir alles sprayen würden», sagt Senn.

Das Graffiti-Duo blickt positiv ins neue Jahr. «Es stehen einige Projekte für die Stadt Zürich auf der Agenda», verrät Senn. Bedenken, dass sich die Pandemie 2021 noch mehr auf ihre Arbeit auswirken könnte, haben die Brüder nicht. «Wir sind Überlebenskünstler, mussten oft mit wenig Geld auskommen und konnten das Leben nicht Jahre vorausplanen. Wir sind stets gefordert, neue Ideen zu entwickeln und uns an neue Situationen anzupassen, deshalb sind wir für dieses Virus gut gerüstet.»

Corona-Faces

Die neusten Werke des Graffiti-Duos sowie alle anderen können auf dem Onlineshop angeschaut und bestellt werden.