Sommer

34 Grad und es wird noch heisser: So bereitet sich das Limmattal auf die Hitze vor

Das Thermometer steigt und steigt.

Das Spital, ein Altersheim, Ärzte, Bauern, eine Brauerin, ein Feuerwehrmann und ein Fischer zur aktuellen Lage.

Der Hochsommer hat begonnen: 34 Grad heiss wird es heute in Dietikon. Für die nächsten Tage sind noch heissere Temperaturen angesagt. Die Hitze beschäftigt viele: So teilte die Stadt Zürich gestern mit, dass sie ein Hitze-Telefon für ältere Menschen eingerichtet hat, um diese zu beraten und zu unterstützen. Die Susy-Utzinger-Tierschutz-Stiftung warnt derweil davor, Hunde ins Auto zu sperren und die Gewerkschaft Unia fordert, dass Baustellen, die nicht im Schatten liegen, bei über 35 Grad geschlossen werden. Auch im Limmattal beschäftigt die Hitzewelle verschiedene Branchen.

Das Spital Limmattal in Schlieren stehe vor ähnlichen Herausforderungen wie private Haushalte, schreibt Sprecher Frédéric Prinz. «Es wird versucht, die Hitze draussen zu halten.» Das soll mit morgendlichem Lüften, dem Schliessen der Storen und dem Anpassen der Aktivitäten der Bewohnerinnen und Bewohner gelingen. Für die Patientinnen und Patienten im Spital haben sich mit dem 2018 eröffneten Neubau die klimatischen Bedingungen verbessert. «Unser neues Spital verfügt über eine kontrollierte Raumlüftung, kombiniert mit einer Fussboden-Kühlung. Hierbei wird kaltes Wasser durch die Rohre der Fussbodenheizung geleitet und so der Fussboden gekühlt.» Zudem werden bei Bedarf Coolpacks und gekühlte Tücher mit Aroma verteilt. Aber auch wenn für ältere und schwer kranke Patienten die Hitze eine zusätzliche Belastung darstellt, haben Hitzewellen in den vergangenen Jahren nicht für ein grösseres Patientenaufkommen gesorgt. Dennoch werden vorbereitende Massnahmen ergriffen.

Das Seniorenzentrum Im Morgen in Weiningen sorgt ohne Klimaanlage für Abkühlung. «Wir lüften am Morgen und schliessen danach die Läden, auch wenn das Fehlen des Tageslichts nicht allen passt», sagt Zentrumsleiter René Brüggemann. Zudem verteilen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Getränke und bei Bedarf Coolpacks. Wenn gewünscht, stehen den Bewohnerinnen und Bewohnern Ventilatoren zur Verfügung. «Auch soll das Zweischalenmauerwerk des Gebäudes die Hitze ein paar Tage am Eindringen hindern können.»

Kalte Dusche hilft nur kurzfristig

Von der Hitze bereits in Mitleidenschaft gezogen, begaben sich diese Woche schon die ersten Patientinnen und Patienten beim Bergdietiker Hausarzt Claudio Lorenzet in Behandlung. «Sie klagten über Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel. Aber auch ein allgemeines Schwächegefühl und sogar ein Tinnitus können durch die Auswirkungen der Hitze entstehen.» Wichtig sei, solchen Symptomen mit einer Rehydrierung entgegenzuwirken und auch genügend Mineralsalze zu sich zu nehmen. Aber auch ohne diese Symptome sollte in diesen Tagen permanent Wasser getrunken werden. «Dieses darf aber nicht zu kalt sein. Auch wenn es sehr verlockend ist, braucht der Körper sehr viel Energie, um das Wasser auf Körpertemperatur zu erwärmen.» Dasselbe gilt fürs Duschen. «Eine eiskalte Dusche erfrischt zwar kurzfristig, doch fördert sie auch die Durchblutung und man beginnt wieder zu schwitzen», sagt Lorenzet.

Das Schwitzen soll im Dietiker Ärztezentrum Limmatfeld durch ein gekühltes Behandlungszimmer verhindert werden. «Selbstverständlich ist unser Tiefkühler voller Kühlbeutel und auch Trinkwasser steht ausreichend zur Verfügung», schreibt zudem Oman Gisler, Sprecher des Kantonsspitals Baden, dem das Ärztezentrum gehört. In diesem rechnet man mit einem erhöhten Patientenaufkommen durch die Hitzewelle. «Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass die Leute mittlerweile gut über die Hitze-Massnahmen informiert sind. Die zahlreichen Sensibilisierungskampagnen zeigen offenbar Wirkung.» Sollte es dennoch zu einem Hitzeschaden, wie etwa einem Sonnenstich, kommen, sei sofortiges Handeln angesagt. «Je früher bei einem Sonnenstich die richtigen Behandlungsmassnahmen eingeleitet werden, desto schneller klingen die Beschwerden ab», schreibt Gisler. Betroffene sollten schnellstmöglich aus der Sonne und an einen dunklen, kühlen Ort gebracht werden. Oberkörper und Kopf sind leicht erhöht zu lagern und wenn möglich, bringt man kalte Umschläge am Kopf an.

«Situation ist wesentlich besser»

Anders als um die Menschen muss man sich ob der aktuellen Hitzewelle noch keine Sorgen um die Fische machen, wie Lukas Bammatter, Fischerei-Adjunkt des Kantons Zürich erklärt. Denn im Gegensatz zu 2018 starten die Gewässer heuer mit viel mehr Wasser in den Hochsommer. Darum dauert es viel länger, bis die Flüsse so weit aufgeheizt sind, dass es kritisch wird. Während die Limmat gestern bei der Stadtzürcher Messstelle Unterhard 144 Kubikmeter Wasser pro Sekunde mit sich brachte, waren es am gleichen Tag im Vorjahr nur 67 Kubikmeter pro Sekunde, also weniger als die Hälfte. «Dieses Jahr ist die Situation wesentlich besser. Wir hatten zuletzt genug Niederschläge», sagt Bammatter. Gleiches gilt für die Reppisch: Gestern führte sie bei der Messstelle Dietikon 0,59 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, im Vorjahr waren es am gleichen Tag bloss 0,24 Kubikmeter.

Grundsätzlich kann es für kälteliebende Fische kritisch werden, wenn die Wassertemperatur längere Zeit über 25 Grad beträgt. Das war im August letzten Jahres in der Limmat (27 Grad bei der Stadtzürcher Messstelle Letten) und in der Reppisch (28 Grad bei der Messstelle Dietikon) der Fall. Gestern wurden in der Limmat maximal rund 18 Grad gemessen und in der Reppisch maximal rund 22 Grad.

Die beiden sind nicht ganz vergleichbar: Kleinere Flüsse wie die Reppisch sind zwar besser beschattet, können sich aber wegen der kleineren Wassermassen schneller erwärmen. Und bei der Limmat spielen Winde eine richtige Rolle: Je nach Windrichtung blasen sie die warme Wasseroberfläche in Richtung oberes Zürichseeufer oder eben in die Limmat, was deren Temperatur erhöht.

Bammatters Fazit: «Die aktuelle Hitzewelle bringt sicher einen Temperaturanstieg der Gewässer mit sich. Aber keinen so starken, dass wir in einen kritischen Bereich kommen würden – dafür bräuchte es eine längere Hitzewelle.» 2018 kam die Hitze bereits im April. Ende Juli lagen die Wassertemperaturen dann erstmals über 25 Grad.

Die Gummiböötli und die Fische

Hitze und angenehme Flusstemperaturen locken auch Gummiböötler auf die Limmat. Was sagt eigentlich Lukas Bammatter als Leiter des Fachbereichs Fischerei des Kantons dazu? «Bei tiefen Wasserständen können Gummiböötli und Schwimmer schon einen gewissen Stress für die Fische bedeuten. Jedes Mal, wenn ein Fisch von einem Böötli überquert wird, kann eine Fluchtreaktion stattfinden. Von so tiefen Wasserständen sind wir zurzeit aber noch weit entfernt.» Wichtig sei aber auch jetzt, dass Gummiböötler und andere Erholungssuchende die Schutzzonen respektieren, so Bammatter weiter. «Man sollte zum Beispiel nicht zu nahe an die Schilfbereiche fahren. Denn dorthin ziehen sich die Fische und andere aquatische Lebewesen zurück.»

Stress für 2000 Legehennen

Sorgen um seine Tiere macht sich der Urdorfer Bauer Thomas Grob. Die Hitze ist für seine rund 2000 Legehennen purer Stress. «Die Hühner verfallen in eine Art Energiesparmodus», sagt Grob. «Unter diesen Bedingungen konzentrieren sie sich nur noch aufs Überleben.» Infolgedessen würden sie keine Eier mehr legen – und das, obwohl die Zeit dafür eigentlich reif wäre. «Ungefähr 17 bis 18 Wochen nach der Geburt fangen die Hennen normalerweise an, Eier zu legen.»

Falls es im Stall oder Wintergarten der Hennen zu heiss wird oder akuter Wassermangel herrscht, ertönt ein Alarm. Dann muss Grob intervenieren. Unter normalen Umständen sorgt ein Lüftungssystem dafür, dass die Luft im Stall und im Wintergarten, wo sich die Hennen aufhalten, zirkulieren kann. Ein Lüfter befindet sich an der Aussenseite des Stalls im Schatten, wo die Luft kühler ist. Fünfmal am Tag spült Grob die Trinkwasserleitungen durch, da sich die Leitungen – und damit das Trinkwasser der Hennen – sonst auch überhitzen. Das Wasser selbst kühlt er gelegentlich mit Eiswürfeln ab. Genau wie bei uns Menschen kann auch die Ernährung entsprechend angepasst werden: An heissen Tagen serviert der Urdorfer seinen Hühnern auch mal kühle Früchte. In den letzten Jahren lüftete Grob seinen Stall jeweils am Abend. Das sei jedoch auch keine Lösung mehr. «Am Abend ist es jetzt immer noch zu heiss», sagt Grob.

In naher Zukunft will er sich Sprühnebelanlagen beschaffen, unter die sich die Hennen stellen können und die die Luft befeuchten. Im äussersten Notfall, wenn es über längere Zeit unerträglich heiss bleiben sollte, würde er zudem die Lüftung abschalten und eine Klimaanlage im Stall installieren. Doch soweit ist es noch nicht. «Ich hoffe natürlich, dass es wieder abkühlt.»

Noch nicht ins Schwitzen geraten ob der Hitze die lokalen Brauer. So sagt etwa Salome Baumann von der Dietiker The Darkwolf Brewery, dass sich noch keine grössere Nachfrage bemerkbar gemacht habe. Dafür brauche es zuerst ein paar Hitzetage in Folge. «Wenn das der Fall ist, bestellen die Restaurants schneller nach. Ende Woche könnten wir eine erste Bier-Bilanz zur Hitze ziehen.» Je nachdem werde man dann die Produktion stärker hochfahren.

Ähnlich entspannt können Winzer das Wetter beobachten. So haben die Reben des Weiningers Robin Haug in den letzten Wochen so viel Wasser abbekommen, dass selbst eine andauernde Hitzewelle keine schwerwiegenden Konsequenzen für die Rebstöcke hätte. Massnahmen habe er deshalb auch keine ergriffen. «Die Hitze ist generell kein Problem für die Reben», sagt Haug. Er verweist auf den Weinbau im heissen Spanien. Auch eine allfällige spätere Trockenheit mache ihm keine Sorgen, da die Reben tief verwurzelt seien und so einen relativ einfachen Zugang zu den Wasservorkommen hätten. Prognosen zur Qualität des Weins will Haug nicht machen. «Wir müssen das Herbstwetter abwarten. Das entscheidet dann, wie der Wein wird.» Einzig für die Arbeiter sei das Wetter eine Herausforderung.

Auf die Feuerwehr hat die Hitze hingegen keinen grossen Einfluss. An der Art und der Anzahl der Einsätze ändert sich nichts massgeblich. Nur die Ausrüstung wird angepasst: «Während Hitzetagen führen wir wesentlich mehr Getränke in den Feuerwehrfahrzeugen mit», sagt Roger Wiederkehr, Stabsoffizier der Feuerwehr Dietikon.

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