Schlieren

100-jährige Blutbuche soll wegen Limmattalbahn gefällt werden – doch Einwohner wollen sie retten

Figen Özkizilirmak und Corina Hausherr Wildermuth

Figen Özkizilirmak und Corina Hausherr Wildermuth

Der über 100-jährige Baum im Stadtzentrum soll wegen dem Bau der Limmattalbahn gefällt werden.

«Viele Menschen sind bestürzt und überrascht, dass die Blutbuche weg soll», sagt Figen Özkizilirmak. Gemeinsam mit Corina Hausherr Wildermuth steht sie neben dem über 100 Jahre alten Baum auf dem Schlieremer Zentrumsplatz und überblickt die auf Zettel geschriebenen Grussbotschaften und Liebesgeständnisse an den Baum. Özkizilirmak und Hausherr Wildermuth sammeln Unterschriften für den Erhalt des Baums.

Wie ein Lauffeuer hat sich die Nachricht der Petition verbreitet. Und das, obwohl sie erst vor drei Wochen richtig lanciert wurde. Die Fällung des Baumes ist seit längerem ein strittiges Thema. Doch befestigte Susanne Porchet, die sich mit ihrer Schwester Liliane Hagen seit bald zwei Jahren für den Erhalt des Baums einsetzt, Anfang Oktober gemeinsam mit Sohn Luc laminierte A4-Papiere am Baum, worauf Botschaften wie «Ich werde gefällt, ich muss sterben», zu lesen waren. Ihr Sohn habe den ausgeprägten Wunsch gehabt, etwas gegen die Fällung zu unternehmen, sagt Porchet auf Anfrage. «Wir verschaffen dem Baum, der keine Stimme hat, Gehör.»

«Man hat verpasst, rechtzeitig aktiv zu werden»

«Man hat verpasst, rechtzeitig aktiv zu werden»

 Die Aktivistinnen über ihren Einsatz am Fusse der totgeweihten Blutbuche in Schlieren.

Erinnerungen an einen Baum

Auf die schlichten Plakate folgten sorgsam drapierte Schilder und Kerzen – seit ein paar Tagen finden sich auf der Seite Zürcherstrasse drei grosse Holzschnitze der Ostschweizer Schreinerei Burkhard, in Besitz von Paul Burkhard, einem Ur-Schlieremer. Diese sind mit Unterschriften und Appellen an die Stadt versehen. Ein Tisch und vier Stühle erlauben es Baum-Freunden gar, eine Mahnwache zu halten. «Besonders ältere Schlieremer haben lebhafte Erinnerungen an den Baum», sagt Özkizilirmak.

Doch weil der Bau der Limmattalbahn Platz erfordert, soll er bereits in den kommenden Wochen gefällt werden. Die Petition, die von rund 900 Menschen unterzeichnet wurde, ist aber nicht der erste Versuch, den Baum zu retten. Vor knapp einem Jahr reichte der GLP-Gemeinderat Andreas Kriesi einen Vorstoss ein, im Rahmen dessen abgeklärt werden sollte, ob die Blutbuche nicht auf den Geissweidplatz verschoben werden könne. Davor führte die Stadt intensive Gespräche mit der Limmattalbahn AG und Vertretern des Schlieremer Bauunternehmers J.F. Jost, der sich auch im Rahmen dieser Unterschriftensammlung für den Erhalt einsetzt.


Doch die Aktion der Baumschützer dürfte zu spät kommen. So wurde die Blutbuche bereits vor Jahren aus dem Inventar der schützenswerten Bäume entlassen, ohne dass jemand rekurrierte. «Den Einwohnern war nicht bewusst, was geschieht. Sonst hätte sich wohl damals bereits grosser Widerstand ergeben», sagt Porchet.

«Fällung ist keine Option»

Die Unterschriften – noch immer liegt die Petition im Bioladen im Lilienzentrum auf – sollen der Limmattalbahn AG und der Stadt übergeben werden. Bezüglich der Wirkung der Petition haben die Frauen jedoch unterschiedliche Hoffnungen. «Ich hoffe, dass man vonseiten der Stadt ab jetzt besser mit Bäumen umgeht und so viele wie möglich stehen lässt», sagt Hausherr Wildermuth. Grosse Hoffnung, dass der Baum stehenbleibt, hat sie im Gegensatz zu Özkizilirmak nicht. Diese setzt auf die Wirkung der Unterschriften: «Es findet sich sicher eine Möglichkeit, den Baum zu retten.» Für sie, sagt Porchet, sei die Fällung keine Option mehr. «Entweder er wird verschoben oder aber er bleibt und die Linienführung der Limmattalbahn wird angepasst», sagt sie und fügt an: «Als Ultima Ratio käme eine Versetzung ins Baummuseum infrage.»

Daniel Issler, Gesamtprojektleiter der Limmattalbahn AG, kann den Widerstand gegen die Fällung des Baumes nachvollziehen, wie er auf Anfrage sagt. «Schliesslich handelt es sich um einen sehr schönen, alten Baum.» Ihn überrasche aber der Zeitpunkt des Protests, der sehr spät komme. Viele würden denken, dass die Gleise in einem Bogen um den Baum erstellt werden sollen und die Sache sich damit erledigt habe, sagt Issler. «Doch so einfach ist es nicht. Denn der Wurzelbereich der Blutbuche ist in etwa so gross wie ihre Krone.» Abgesehen davon, dass ein derart grosser Bogen nicht gemacht werden könne, würden die Wurzeln des Baums durch den Gleisbau irreparabel verletzt.


Von einer Versetzung des Baumes habe die Limmattalbahn AG damals abgesehen, da die Kosten dafür als zu hoch und die Überlebenschancen des Baumes als gering eingeschätzt wurden, sagt Issler. «Dennoch haben wir nun nochmals einen Anlauf genommen und eine auf Grossbaumverpflanzung spezialisierte Firma angefragt», so Issler. Deren detaillierte Einschätzung steht noch aus. Dass die Limmattalbahn AG oder die Stadt für die gesamten Kosten einer allfälligen Versetzung aufkommen würden, sei eher unwahrscheinlich, so der Gesamtprojektleiter. Doch werde man sich diese Woche zu Gesprächen mit der Stadt Schlieren und den Aktivisten treffen, um allfällige Möglichkeiten zu besprechen.


Und falls diese Gespräche nicht fruchten und der Baum doch gefällt wird? Zwar steht kein definitiver Termin fest, wann der Baum wegkommen soll, sagt Özkizilirmak. Sie sei jedoch oft hier und sei durch einen Whats-app-Chat mit anderen Aktivisten verbunden. «Fällen sie den Baum, werde ich mich tatsächlich anketten», sagt sie. Hausherr Wildermuth ist zurückhaltender. «Ich höre auf mein Bauchgefühl. Sagt mir dieses, ich solle mich am Baum festhalten, wenn sie die Maschinen auffahren, dann tue ich das.» Und Porchet und Hagen? Für sie ist die Fällung des Baumes nach wie vor keine Option.

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