Limmattalbahn

«Das Gewerbe ist im Tal der Tränen» — Billeter spricht über Herausforderungen während der Baustelle

Restaurants und Läden leiden wegen dem Bau der Limmattalbahn.

Sabine Billeter, Geschäftsleiterin der Vereinigung Zentrum Dietikon, spricht über die grössten Herausforderungen während der Baustelle der Limmattalbahn.

Der Bau der Limmattalbahn in Dietikon läuft seit September. Die Verkehrsführung mit vielen temporären Einbahnstrassen führt zu längeren Wegen. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage im Zentrum ein?

Sabine Billeter: Zurzeit meiden viele Autofahrer Dietikon, und das wird sich bis zum Ende der Baustelle wohl auch nicht ändern. Man fährt nicht extra mit dem Zug oder Bus hierher zum Einkaufen. Stattdessen gehen die Leute dann eher nach Spreitenbach, Zürich, Baden oder auf den Mutschellen. Das Gewerbe im Zentrum hat gemerkt, dass die Frequenz stark zurückgegangen ist, und befindet sich im Tal der Tränen. Jetzt sind viele Ladenbesitzer und Restaurantbetreiber auf dem Weg, dort wieder herauszufinden. Aber das braucht seine Zeit.

Was können Detailhandel und Gastronomie unternehmen, um die fehlende Autokundschaft zu kompensieren?

Die Menschen, die sich eh in Dietikon bewegen, sollten zum Einkaufen vor Ort motiviert werden. Das lokale Gewerbe könnte zum Beispiel über eine Rabattkarte für Dietiker Geschäfte gefördert werden. Auch könnten bewusste Aktionen im Zentrum die Problematik des Gewerbes aufzeigen und Solidarität fördern.

Das Verkehrsregime in Dietikon ist von langer Hand geplant und weit im Voraus kommuniziert worden. Sind die Auswirkungen dennoch schlimmer als erwartet?

Allgemein konnte man die Verkehrsprobleme schon vorhersehen. Aber viele leiden unter Details wie weggefallenen Parkplätzen oder erschwerten Zufahrten, das haben sie so konkret nicht kommen sehen.

War die aktuelle Situation unvermeidbar oder hätte die Planung verbessert werden können?

Wir müssen in den sauren Apfel beissen. Auch wenn die Baustelle für verschiedene Geschäfte den Todesstoss bedeutet, kann man der Limmattalbahn AG und der Bauherrschaft keine Vorwürfe machen. Es läuft wie vorher in Schlieren alles sehr professionell ab. Dietikon ist aber anders, wir haben weniger Durchgangsstrassen und im Zentrum ist es enger.

Und auf Gewerbeseite: Hätte man sich besser auf die Baustellenzeit vorbereiten können?

Ich glaube nicht. Der Detailhandel hat es insgesamt schon schwer und die Einnahmen sind seit Jahren eher rückläufig. Diese Entwicklung hat nichts mit der Limmattalbahn zu tun und findet nicht nur in Dietikon statt. Wenn dann noch so eine Ausnahmesituation dazukommt, wirds gleich noch mal viel schwieriger. Ausserdem sind viele Gewerbler in Dietikon am Ende ihres Geschäftslebens ankommen. So war die Haltung im Vorfeld eher: «Das schaffen wir schon irgendwie». Denn es ist schwer, für die letzten paar Jahre im Berufsleben noch mal etwas ganz Neues anzureissen.

Im Juni haben die Dietiker Standortförderung und der Wirtschaftsrat die Initiative «Mitenand für Dietike» ins Leben gerufen, um den Detailhandel während der Bauarbeiten zu fördern. Wie bewerten Sie die Unterstützung seitens der Stadt?

Der Stadt ist es sicher nicht egal, was mit den Geschäften passiert. Sie versucht zu machen, was ihr möglich ist. Aber nur schon personell sind ihr auch ein wenig die Hände gebunden. Und natürlich stehen hinter den ganzen Gebäuden private Immobilienfirmen. Die Mietzinse im Zentrum waren immer schon hoch und bereits seit Jahren reicht die Rendite nur knapp aus, um die Mietpreise noch zu bezahlen. Da haben die Stadt und wir von der Vereinigung Zentrum Dietikon auch schon das Gespräch mit den Gebäudebesitzern gesucht. Aber auf die Entscheidungen von privaten Firmen haben wir letztlich keinen Einfluss.

Das Gewerbe ist also auch von der Solidarität anderer abhängig. Wie sieht es innerhalb des Gewerbes mit dem Zusammenhalt aus?

Nicht sehr gut. Weil viele Läden im Zentrum immer schlechter laufen, hat sich in den letzten Jahren ein grosses Frustpotenzial aufgebaut. Die Migros hat etwa trotz Umbau viele Kunden verloren. Das merken dann auch alle Kleineren rundherum. Gehen Geschäfte ein, wird das Angebot insgesamt kleiner und lockt wieder weniger Menschen an. Das führt zu einer Abwärtsspirale. Viele sind gar nicht fähig, zusammenzuspannen, weil sie so mit sich selbst beschäftigt und am Zappeln sind. Die Solidarität muss wieder aufgebaut werden. Da ist auch die Stadt gefordert. Auch ein Problem ist, dass viele Geschäfte zu nationalen Unternehmen gehören und weitere Standbeine haben. Deshalb sind der Standort Dietikon und der Bau der Limmattalbahn nicht so entscheidend für sie.

Sie haben angesprochen, dass die Baustelle vor allem bestehende Probleme verstärkt. Wie wird es nachher weitergehen?

Die grundlegende Entwicklung des Detailhandels kann nicht einfach rückgängig gemacht werden. Wir müssen uns fragen, wie unsere Stadt aussehen soll, wenn die Limmattalbahn fertiggebaut ist. Haben wir überhaupt genug Frequenz im Zentrum, damit Dietikon neben Zürich und Spreitenbach als Einkaufsstandort gut funktioniert. Es wäre illusorisch zu denken, dass die Limmattalbahn diese Probleme lösen könnte.

Sehen Sie die Entwicklung der Stadt dennoch positiv?

Ich bin immer optimistisch. Es geht immer irgendwie weiter. In Dietikon wird sicher eine grosse Veränderung stattfinden, die Stadt wird nicht nur durch die Bahn ein neues Gesicht bekommen, sondern auch dank vieler neuer Angebote.

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