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Theater probieren

Barbara Camenzind Vereinigung insieme Cerebral Zug
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Bild: Barbara Camenzind Vereinigung insieme Cerebral Zug
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(chm)

Theater probieren

Der Bildungsklub der Vereinigung insieme Cerebral Zug, bietet eine Vielzahl von Weiterbildungskursen für Erwachsene mit einer Beeinträchtigung an. Zu diesem Angebot gehört auch der Kurs «Theater probieren» für Theaterfreunde mit und ohne Beeinträchtigung.

Bretter, die die Welt bedeuten; Gesten, welche wie Worte wirken; Bewegungen, die von einem Einzelnen vorgegeben, nun durch die ganze Gruppe gehen ...

Die Schauspielerinnen und Schauspieler treffen sich hier in der Gewürzmühle wöchentlich zur Probe. Ja, es geht ums Schauen und Spielen, ums Schau-Spiel. Sie werden sich ihrer körperlichen Präsenz schlagartig bewusst, sobald sie den Boden der imaginären Bühne unter sich spüren. Die Kraft, die in jeder Äusserung liegt, wird unter den Augen der anderen hervorgeholt und mit Musik untermalt. «Theater probieren» – dieser Kurs hat solche starken Erfahrungen zum Ziel. Es wird nicht auf ein Schauspiel hin geprobt, bei dem der Text, das Bühnenbild, die angestrebte Interpretation vorgegeben sind. Es wird «Theater probiert» und damit dem Wandel Platz gegeben, der sich wie ein Wunder vollzieht, sobald die Bühne als Plattform einem einzelnen Kursbesucher, einer Kursbesucherin oder der ganzen Gruppe zugeordnet wird. «Schaut her, ich bin's» – titelte einst ein Artikel vom Schauspieler Radtke, der sich trotz seiner Glasknochenkrankheit voller Professionalität und mit ganzer Körperlichkeit in eine Theaterarbeit einbringt, die keinen Unterschied zwischen behindert und nicht behindert duldet. Das Projekt zählt und die Szenen, die sich nur mit dem Einsatz von jedem einzelnen eindrücklich entwickeln. So ist auch hier auf der Probebühne in Zug der Beitrag von allen Teilnehmenden gefragt.

Michael Elber, Gründer des Theater HORA und langjähriger künstlerischer Leiter des Ensembles, weiss um das Potenzial, das Menschen mit geistiger Behinderung und künstlerischer Begabung in Tanz, Theater und Improvisation entfalten können. So ist er zwar der offizielle Leiter des Kurses, hat aber zwei Assistenten aus dem Schauspielensemble HORA die Gestaltung der Kursabende übertragen. Er selbst bleibt weitgehend im Hintergrund. Matthias Brücker und Remo Beuggert steuern mit den Teilnehmenden zusammen jene Offenheit an, in welcher man sich selbst und die Mitwirkenden neu sehen kann. Mitgebrachte, vielleicht starre Rollen lassen sich dabei ablegen und neue Möglichkeiten ausspielen. Manchmal geben sie einen Bewegungsablauf vor und lassen diesen in Improvisationen weiterspinnen. Manchmal sind es nur kleine Gebärden, Fingerzeige, Mimiken, die aufgefangen und weiter ausgebreitet werden. Ein anderes Mal wirken Worte wie Signale und suchen ihren Niederschlag in entsprechendem körperlichem Ausdruck. Ein junger Mann, der sonst einen Rollstuhl benutzt, verlässt diesen behende und kommt am Boden mithilfe seiner Arme schnell vorwärts. Da lassen sich auch andere zu Boden gleiten und entdecken ein ungewohntes Stelldichein.

Wie Chantal Sager, bringen auch weitere Teilnehmende des Kurses «Theater probieren» schon etwas Bühnenerfahrung mit. Aber an den Probeabenden profitiere sie dennoch jedes Mal neu, sagt sie auf meine Nachfrage hin. Sie erfasse ihr eigenes Gehen bewusst, wenn sie sich mal schneller, dann wieder wie in Zeitlupe durch den Raum bewege und ihren Gang gleichzeitig mit dem der anderen Schauspielerinnen abstimme. Allein mit dem Einsatz der Stimme, ob leise moduliert oder kräftig hervorgestossen, erziele sie eine Wirkung jenseits der Worte – auch dies ein Erleben, das sie zunehmend gestalterisch nutzen könne.

Soll eine Aufführung am Schluss des Kurses stehen?

Das darf noch offenbleiben, darüber ist sich die Theatergruppe einig. Allerdings, meint Michael Elber, stecke so viel Potenzial und Motivation in der Gruppe, dass sich eine Theateraufführung für ein interessiertes Publikum möglicherweise wie von selbst herauskristallisiere. So sehr er ein interessiertes Publikum vor der Bühne schätze, fügt er sinnierend bei, würde er auch gerne Personen ohne Beeinträchtigung bei den Probearbeiten und auf der Bühne begrüssen, zu einer Theaterarbeit, die als integratives Projekt den Unterschied von behindert und nicht behindert vergessen lässt.

Johanna Gnos, Vorstand, Vereinigung insieme Cerebral Zug