Leserbeitrag
Geschichten weben erleben - ein Libsig-Morgen

Flurina Lienhard
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Text: Aoife McGlacken

Freitagmorgen in der Bezirksschule Brugg. 22 Stühle sind in einem Kreis aufgestellt. Der „Chefsessel“, wie der Bürostuhl von manchem Lehrer ebenfalls genannt wird, steht vor der Wandtafel im Blickfeld jedes Schülers. Ein leichtes Kribbeln geht durch die Runde und alle Blicke sind auf den Leiter des heutigen Morgens gerichtet. Simon Libsig, Meister des Reims und Erzähl-Profi, begrüsst die Klasse 4a mit einem herzlichen Lächeln, bevor er mit der Einleitung zum Workshop „Welt aus Wortspiel und Sprachwitz“ beginnt.

Geschichten erzählen. Alle können es, alle machen es. Jedoch ist es die Art, wie die Geschichte erzählt wird, die entscheidet, ob der Hörer einem die erhoffte Aufmerksamkeit schenkt. Eine einfache Geschichte, die vielleicht an sich gar nicht so spannend ist, kann so gewoben werden, dass sie wie Musik in den Ohren klingt. Mit kleinen Details und dem spannendsten Abschnitt der Geschichte wird der Zuhörer in eine neue Welt miteinbezogen. Das beste Training dafür ist „Wörterfussball“. Dieser Teil des Morgens gefiel der Klasse 4a der Bezirksschule Brugg besonders gut. „Ich finde es lustig, wie man unter Druck immer wieder neue Wörter und Wortkombinationen, wie zum Beispiel pingeliger Pinguin oder narzisstische Nelke erfindet“, meint Alina auf die Frage, wieso ihr das Wörterfussballspiel denn so gefallen hat. Schiedsrichter des Spiels war Simon Libsig. Er bewertete die Wörter und entschied jeweils, ob das Wort die entsprechende Anforderung erfüllte. Eine solche Anforderung war beispielsweise, Reimwörter zu finden. Libsig gab ein Wort in die Runde, worauf die zwei gegnerischen Mannschaften zu je 11 Jugendlichen eifrig mit dem Reimen begannen. Die Mannschaft, welche nicht mehr weiter reimen konnte, verlor die Runde. Nach einem sehr intensiven und lustigen Match ging es zur nächsten Art der Erzählung: dem Dichten. In Zweiergruppen konnten sich die Schülerinnen und Schüler zwei Bilder aussuchen, zu denen sie ein Gedicht schreiben wollten. Die dabei entstandenen Lyrics waren sehr unterschiedlich: Die einen schrieben sehr tiefgründige und kunstvolle Gedichte, während die anderen eher lustig-versponnene Kurzgeschichten zusammenreimten. Dass Libsig den Gedichten beider Arten viel Positives abgewann, zeigte den Jugendlichen, wie viel Freiheiten sie beim Erzählen von Geschichten geniessen.

Nach all diesen kleinen Experimenten, die der Autor stets mit vielen Tipps und Tricks anreicherte, gelang es den Schülerinnen und Schülern am Schluss, gemeinsam eine kleine Geschichte zu spinnen: Ein kleiner Junge fliegt nach einem heftigen Streit mit seinem Vater auf den Mond. Die Rakete dafür hat er sich aus dem Motor des Autos seines Vaters zusammengebaut, das dem Vater – aus der Sicht des Jungen – mehr Wert ist als sein eigener Sohn. Auf dem Mond wird ihm aber kein Asyl gewährt, und so entschliesst er sich, auf den Mars zu fliegen. Dort lernt er die Einwohner des Planeten kennen und bemerkt, dass sie gar nicht so viel anders sind als die Erdbewohner. Wie er ihnen dann von der Erde erzählt, kriegt er Heimweh. Er merkt, dass er unbedingt wieder nach Hause zurückkehren will und verabschiedet sich. Als er zu Hause ankommt, repariert er das Auto seines Vaters und versöhnt sich mit ihm. Zu dieser Geschichte inspiriert wurde die Klasse auf Grund eines Bildes, auf dem nur gerade eine Rakete, ein kleiner Junge und ein Planet zu erkennen waren.

„Es war eindrücklich, zu sehen, wie jede und jeder zum Erzähler werden kann. Man muss sich nur eine eigene, kleine Welt schaffen und den Zuhörer in dieser kleinen Welt eine Zeit lang mitleben lassen“, meint Anja. Viel besser hätte man den Morgen kaum zusammenfassen können.