Borreliose
Zecken können Panik-Attacken auslösen – oder einen Menschen zum Verbrecher machen?

Der flüchtige Häftling Tobias Kuster hatte als Kind eine Neuroborreliose. Die Krankheit kann vieles auslösen. Vermutlich auch Depressionen und Wahnvorstellungen.

Sabine Kuster
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Gefährlich: Eine Zecke kann schlimmes anrichten

Gefährlich: Eine Zecke kann schlimmes anrichten

Keystone

Es kann im Menschen eine Menge anrichten, dieses Bakterium. Borrelia burgdorferi kann nicht nur Gelenkentzündungen verursachen, sondern auch das Nervensystem des Menschen dauerhaft schädigen.

An einer sogenannten Neuroborreliose hat offenbar auch der 23-jährige Tobias K. gelitten, der wegen einem Mordfall im Zürcher Seefeld gesucht wird. Der ausgebrochene Häftling steht im Verdacht, zusammen mit einem inzwischen gefassten Komplizen am 30. Juni einen 43-jährigen Schweizer niedergestochen zu haben. Die beiden mutmasslichen Täter haben ihr Opfer vielleicht gar nicht gekannt.

Falls K. der Täter war, was trieb ihn dazu? K.s Kindheit verlief normal, bis er im Primarschulalter nach einem Zeckenstich an Neuroborreliose erkrankte und beinahe erblindete. Laut dem «Tages-Anzeiger» sagte K. seinem Psychiater, er habe wegen der Borreliose-Infektion immer wieder Depressionen, Konzentrationsstörungen und psychische Probleme gehabt. Der Psychiater wie auch das Gericht, welches ihn für frühere Taten wie Freiheitsberaubung und räuberische Erpressung zu fünf Jahren Haft verurteilt hatte, sahen aber keinen Zusammenhang zwischen seinen Depressionen und der Borreliose-Infektion.

Das wäre auch zu einfach, eine kriminelle Tat auf ein Bakterium abzuschieben: Psychische Probleme alleine machen keinen zum Verbrecher. Aber unheimlich ist das Bakterium dennoch. Verschiedene Ärzte, die sich auf den Erreger spezialisiert haben, listen als Langzeit-Folgen von Borrelia burgdorferi tatsächlich diverse psychische Störungen auf: von hartnäckigen Depressionen über Wesensveränderungen bis zu Panikattacken und Wahnvorstellungen.

Das bestätigt auch Norbert Satz, Zeckenspezialist in Zürich. Doch im Fall von Tobias K. sagt er: «Es ist mir kein Fall von einer Infektion bei einem Kind bekannt, das Langzeitschäden wie eine Depression davongetragen hätte.» Wegen des warmen Frühlings ist seine Praxis momentan voll von Kindern mit Zeckenstichen. «Bei Kindern heilt die Krankheit erfahrungsgemäss aus», sagt er. Aber bei jedem zehnten Erwachsenen, der mit Lyme-Borreliose infiziert wurde, werde die Krankheit trotz Behandlung mit Antibiotika chronisch.

«Ganz schwierige Diagnose»

Muskel- und Gelenkschmerzen sind die bekanntesten Folgen einer Borreliose-Erkrankung in der akuten Phase. Müdigkeit und Schwindel können hinzukommen, ein steifer Nacken oder Schweissausbrüche. Nur rund die Hälfte hat das eindeutige Zeichen einer Infektion: die typischen roten Kreise, die sich auf der Haut ausbreiten (Erythem).

«Es ist eine ganz schwierige Diagnose», sagt Norbert Satz. Ein Nachweis der Antikörper im Blut heisst nicht unbedingt, dass der Infizierte noch krank ist. Kurz nach der Infektion lassen sich die Antikörper wiederum oft noch nicht nachweisen und manchmal auch nicht, wenn die Krankheit bereits chronisch ist. Die einen Borreliose-Experten sind daher überzeugt, der Erreger könne sich im Körper verstecken. Norbert Satz spricht dagegen: «Sind keine Antikörper mehr nachweisbar, dann sind auch keine aktiven, schädigenden Borrelien mehr da», sagt er. Bei 90 Prozent seiner Patienten, die ihn wegen einer möglichen Infektion aufsuchen, diagnostiziert Satz keine Borreliose.

Ob eine psychische Krankheit von einem Zeckenstich herrührt, ist noch schwieriger zu sagen: Diese können diverse andere Ursachen haben. «Alles Borrelien zuzuschreiben, wäre ein bisschen einfach», sagt auch Facharzt Matthias Kessler mit einer Praxis fürIntegrative Medizin in Luzern. Er verlässt sich aber auf den Lymphozytentransformationstest (LTT), welcher einen Infekt nachweisen soll. Die Krankenkassen bezahlen ihn jedoch nicht, weil er auch auf andere Aktivierungen des Immunsystems reagieren kann.

Vor Schreck erstarren muss man bei einem Zeckenbiss dennoch nicht: Zwar trägt rund ein Drittel der Zecken in der Schweiz den Erreger in sich. Aber das heisst nicht zwingend, dass man sich bei einem Stich auch infiziert, geschweige denn später erkrankt. Einen Arzt aufsuchen sollte man, wenn sich die Einstichstelle errötet oder grippeähnliche Symptome auftreten.