Macht das Virus Weihnachten entspannter oder stressiger?

Weihnächtlicher Schlagabtausch
Macht das Virus Weihnachten entspannter oder stressiger?

Bild: Bridgeman

Ein Virus bedrängt unsere vermeintlich schönsten Wochen, die selige Weihnachtszeit. Halb so schlimm, meint unser Autor, der sich auf eine entspannte Zeit freut. Eine Katastrophe, findet unsere Autorin. Ihr graut vor dem Kleinfamilien-Gebastel.

Christian Berzins und Katja Fischer De Santi
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Christian Berzins:
«Das werden die besten Weihnachten seit Jahren»

Christian Berzins.

Christian Berzins.

Bild: Pascal Mora

Der Zauberschnee zum Adventsbeginn war nur das Amuse-­Bouche. 2020 werden die besten Weihnachten seit Jahren. Die Corona-Einschränkungen lenken alles auf die rechte Bahn, sie gemahnen zur Vernunft, Besinnung, Einkehr und Stille. Wünschten wir uns je etwas anderes?

Wer in Zürich 1. Dezember in die Bahnhofhalle trat, begann zu jubeln: Die Halle war leer, zeigte sich in ihrer aus­ladenden Pracht. Sogar der Allerwerteste von Niki de Saint ­Phalles Schutzengel war sichtbar, denn kein Edelstein-Produzent pflanzt heuer eine Tanne davor, um sie als Werbeträger zu missbrauchen. Kein einziges Weihnachtsmarkt-Holzhäuschen steht in der Halle: Es gibt weder Quittensekt noch Murmelisalben. Und das Tollste: Nirgends wird klebrig-kopfwehfördernder Glühwein ausgeschenkt. Die Lehre des Lockdowns ist vom Staat verordnet: «Gönn Dir das Bessere!»

Christian Murer-Zuber

Wäre es nicht so kalt ge­wesen, die Leute wären reihum auf den Boden gesessen und hätten ihre Züge abfahren lassen. Waren wir in diesen Dezembertagen einst getrieben von Hektik und einem übervollen Terminkalender – Betriebs- und Team-Weihnachtsessen, Krippenspiel, bunter Abend im Verein, Städtetrip, Geschenke­schlacht, Advents- und Weihnachtskonzerte, Glühweintrinken, Kindertheater –, herrscht dieses Jahr das wundersame Nichts. Und natürlich kommt auch kein Samichlaus: Höchste Zeit, denn seit ich hörte, dass er statt des bösen Schmutzli nette Zwergli dabei hat, die kein dunkles Wort über die Welt oder die Kinder verlieren, ist er für mich gestorben.

Die Adventszeit 2020 braucht keine Gesten von aussen, sie findet in unseren vier Wänden statt. Und vielleicht für einmal sogar in unserem Herzen. Manche hängen dieser Tage Kerzenschmuck auf den Balkon, wollen dieser dunklen Welt Licht schenken, ihr Mut zusprechen, ihr applaudieren wie dem Gesundheitspersonal im Mai. Aber längst haben wir doch gelernt: Statt Applaus will man lieber mehr Lohn.

Das Genfer Gesundheitspersonal protestierte dieses Jahr und forderte mehr Lohn.

Das Genfer Gesundheitspersonal protestierte dieses Jahr und forderte mehr Lohn.

Keystone

Bei so viel Leere haben wir endlich Zeit, uns zu überlegen, was da am 24. Dezember auf uns zukommt. Oder eben nicht. Wir sind im Lockdown Meister der Leere geworden, haben sie gefüllt mit Grossartigkeiten: mit Tolstoi und eigenem Brot.

Noch wird gerechnet, gebangt und gehofft, auf dass das grosse Familienweihnachtsessen stattfinde: Aber wenn Sie Ihre Verwandten mögen, verzichten Sie am besten darauf. Vom Tisch ist damit auch die leidige Diskussion, bei wem gefeiert wird. Nun kommt keine Tante ins Haus, die den 13-jährigen Neffen mit einem Moleskine und Büchern verstört. Es gibt keine Familienfest-Orga­nisatoren, die alles so ernst ­nehmen, dass man als Gast kaum atmen kann. Es kommt auch kein komischer Onkel ­vorbei, der über den Bordeaux die Nase rümpft, aber noch nie einen Wein mitgebracht hat.

Es gibt keinen Streit darüber, ob die Musik zu laut oder zu leise sei, auch nicht, ob man singen oder nicht singen soll. Keine Politdiskussionen und schon gar keine Debatte, ob es Maske und Impfung braucht.

Wir sitzen mit unseren wenigen Liebsten zu Hause, teilen auch den Küchendienst. Aufgetischt wird das Tollste, was wir im Coronajahr erkocht haben. Nicht vergessen: Im Kühlfach liegen noch hausgemachte Morchelravioli aus dem Frühling!

Heiligabend wird ein Hochfest der Ruhe, denn statt in den Mitternachtsgottesdienst zu eilen, rätseln wir um 22.30 Uhr auf dem Sofa über das Johannesevangelium. Wer schon am ersten Vers «Im Anfang war das Wort» verzweifelt, wechselt zu Lukas. Oder zu Netflix. Oder singen wir auf dem Balkon «Stille Nacht» mit den Nachbarn (gelernt im Corona­früh­ling!)! Um Mitternacht läuten die Kirchenglocken, und wir wissen: Jetzt schlägt die rettende Stund. Alles wird gut. Spätestens am 4. April – an Ostern.

Katja Fischer De Santi:
«Das wird die strengste Adventszeit meines Lebens»

Katja Fischer De Santi.

Katja Fischer De Santi.

Bild: Ralph Ribi

Man liest es allenthalben: Corona soll uns eine besinnliche ­Adventszeit bescheren, endlich keine vorweihnachtliche Terminhetze mehr, dafür lustiges Basteln und Backen im kontaktreduzierten Familienkreis. Ja, wenn das denn so lustig wäre – 24 Tage lang, ohne Glühweinapéro dazwischen.

Ja, wenn der Weihnachtsstress eben nicht genau aus diesem lustigen, kleinfamiliären Gebastel und Gebacke herrühre würde. Wer schon einmal das Glück er­fahren durfte, mit Vorschulkindern Guetzli zu backen, der weiss, wie wenig besinnlich es ist, Teigresten von Türfallen ­abzukratzen, während die Mailänderli im Ofen verkohlen und das jüngste Familienmitglied die gerade ausgestochenen ­Engel wieder zu Teig vermanscht.

O du fröhliche Weihnachtszeit! Dieses Jahr wirst du ruhiger, aber auch anstrengender als je zuvor. Denn Weihnachten wird auf den innersten Kreis reduziert, alles bleibt an Mama und Papa hängen. Basteln im Familienkreis, vorlesen im Familienkreis, am besten inszenieren wir auch noch ein Krippenspiel im Familienkreis.

Aus Kapazitätsgründen muss jeder drei Rollen gleichzeitig spielen: Ich übernehme Hirtin, Maria und Schaf und das Christkind mache ich grad auch noch. Das Multitasking habe ich ja im Muttergen, mit dem Weihnachtsvirus angesteckt werd ich, seit ich Kinder habe, jährlich. Dagegen geimpft sind nur die Väter.

Fast schon zwanghaft überfällt mich Anfang Dezember zuerst das schlechte Gewissen und dann der Drang, zu dekorieren und zu basteln. Was wäre ich nur für eine Mutter, wenn das Haus zum ersten Advent nicht in goldenem Licht erstrahlen würde? Kerzen da, Tannenzweige hier, und bitte dann auch recht schön strahlende Kinderaugen. Aber Weihnachten ist eben mehr als eine Lichterschlange vor und ein Adventskalender im Haus. Es ist Jubel, Trubel, Heiterkeit, und das bitte kollektiv und nicht zurückgezogen in der gutmütterlichen Stube.

Auch dieses Jahr muss gebastelt und gebacken werden.

Auch dieses Jahr muss gebastelt und gebacken werden.

Keystone

Der Weihnachtsstress hat durchaus seinen höheren Sinn. Es ist kein Zufall, dass Jesus Christus uns in der dunkelsten Zeit des Jahres erschien. Der Dezember ist ohne Weihnachtstrubel wie ein ewiger November, grau und dunkel und mit Corona auch noch einsam.

Ein Adventsfenster ersetzt keinen feuchtfröhlichen Umtrunk mit den Nachbarn. Onlineshopping ist nicht das Gleiche wie ein regionaler Adventsmarkt mit lauter bekannten Gesichtern. Es muss nicht immer alles gleich sein, Traditionen kann man verändern und anpassen. Aber Weihnachten aus sich selbst zu erschaffen, ­Samichlaus, Christkind und Adventswichtel in Personalunion zu sein, und das alles aus dem Homeoffice heraus, das ist anstrengend.

Darf man auch mal sagen. Denn da ist dieses Jahr kein Grosi weit und breit, das sich noch traut, mit den Enkeln Weihnachtsguetzli zu backen, kein Familiengottesdienst, der den Kindern die Weihnachtsgeschichte näherbringt, da sind auch keine Chor- und Musikproben, die dafür sorgen, dass Weihnachten nach etwas klingt. Selbst der Samichlaus hat virenbedingt in letzter Minute abgesagt.

Nun singen und erzählen, basteln und backen wir halt für uns allein. Den Mehrwert zu sehen, fällt mir schwer, die intrinsische Motivation war nie so meins. Die Mehrarbeit spüre ich hingegen jetzt schon. Weihnachten mit Schutzkonzept und Hygienemassnahmen ist wie Nächstenliebe aus der Ferne, ein schlechter Witz. An den 24. Dezember mag ich da gar noch nicht denken. Fallen alte Traditionen weg, tauchen neue Fragen auf. Wer mit wem, wie lange und wo? Weihnachten neu zu planen, es dabei allen recht zu machen, das ist der grösste Stressfaktor von allen.

Aber was solls? Glitzer drüber, Jingle Bells an, und weiter gehts. Nur noch schnell die ­Flügel richten, das Christkind kommt bald.

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