Alltagsrassismus
Was darf man denn überhaupt noch sagen? Wie sie den sprachlichen Fettnäpfchen gekonnt ausweichen

Warum ist Kamala Harris nicht dunkelhäutig, was ist das Problem mit Afrika und warum schreibt man weiss kursiv? Eigentlich ist die Sache mit der diskriminierungsfreien Sprache nicht so schwierig. Wenn man die wichtigsten Begriffe kennt.

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Menschen in Genf nehmen an einer BLM-Demonstration teil.

Menschen in Genf nehmen an einer BLM-Demonstration teil.

Keystone

Alle paar Monate passiert es. Irgendwo tritt jemand in ein rassistisches Fettnäpfchen, rutscht auf dem blanken Parkett der politisch korrekten Sprache aus und landet direkt in einer braunen Pfütze voller Rassismusvorwürfe.

Ein Ort, wo manche sich gerne suhlen, aber viele nicht sein wollen. Schon gar nicht eine SP-Politikerin, die der US-Vize-Präsidentin ein Kompliment machen wollte und sagte, dass diese sicher gut tanzen könne, weil sie eine dunkelhäutige Person aus Hawaii sei.

Krass rassistisch war das nicht, eine stereotype und falsche Wortwahl war es aber sicher. Und auch, dass etwas gut gemeint war, macht es nicht frei von Diskriminierung. Und schon sind wir mittendrin in einer überhitzten und gehässigen Diskussion darüber, was man denn noch sagen darf, ohne dass einen die Twitter-Antirassismus-Polizei dafür in die Schandecke stellt.

Die Angst vor einer «politisch korrekten» Sprachlosigkeit ist übertrieben

Die einen fürchten schon wieder um ihre Freiheit, die anderen fühlen sich missverstanden und die Dritten verstummen, damit sie ja nichts Falsches sagen. Das führt nirgends hin. Dabei wäre es einfach. Sensibel über Differenz zu sprechen, ist nicht so schwer, wie manche denken. Wir können aber gemeinsam an einer Sprache arbeiten, die niemanden ausschliesst oder diskriminiert Vorausgesetzt, man ist ein Mensch, dem es wichtig ist, dass er so spricht, dass sich andere nicht verletzt fühlen.

Wir haben an dieser Stelle, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ­ewige Gültigkeit, zusammengetragen, welche Begriffe problematisch sind und vor ­allem warum. Damit wir wenigstens wissen, worüber wir streiten. Denn gar nicht mehr miteinander zu sprechen, das ist die schlechteste aller ­Optionen.

Schwarz

Die politisch korrekte Bezeichnung für schwarze Menschen ist: Schwarze Menschen. Klingt einfach, ist es auch. Nur weisse Menschen tun sich damit übertrieben schwer. Weil mit «Schwarz» nicht wirklich die Farbe Schwarz gemeint ist, wird das «S» grossgeschrieben. Denn diesen Begriff haben Schwarze Menschen selbst für sich gewählt. Sie wurden nicht zuerst von anderen so genannt. Wer sich als Schwarzer Mensch bezeichnet, drückt damit aus, dass er sich zu einer Gruppe von Menschen zählt, die aufgrund ihrer Hautfarbe Erfahrungen mit Rassismus machen. So bezeichnet sich die Vize-Präsidentin Kamala Harris als Schwarz, auch wenn ihre Hautfarbe relativ hell ist. Denn es geht nicht um den Teint, sondern soziokulturelle Zugehörigkeit.

Weiss und Weisssein

Weiss und Weisssein bezeichnen ebenso wie Schwarzsein keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe, sondern eine Zugehörigkeit. «Mit Weisssein ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt», schreibt Amnesty International. Weisse Menschen sind in dieser Lesart Menschen, die keine Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe erleiden. Man schreibt «weiss» darum kursiv.

Farbige

Für Schwarze Menschen selbst ist es keine Frage: Es gibt keine «Farbigen», sie empfinden diesen Begriff als abwertend. Umgekehrt gefragt, wer sind denn die Farblosen? Und sind Spanier oder Chinesen auch irgendwie farbig? Die sprachlichen Relikte «Farbige» und «Dunkelhäutige» stammen aus der Kolonialzeit und wurde im deutschsprachigen Raum in den Fünfzigerjahren als Ersatzbegriff für das eindeutig rassistisch erkannte «N-Wort» geläufig.

Ausländer

Für Menschen, die nicht in der Schweiz leben und wohnen ist Ausländer die richtige Bezeichnung. Für Menschen, die in der Schweiz fest niedergelassen sind ist der Begriff problematisch, weil sie die Schweiz als ihre Heimat bezeichnen, hier arbeiten und Steuern bezahlen. Amnesty International rät die Begriffe Einwanderin oder Migrant zu benutzen.

People of Colour/ POC

In den vergangenen Jahren hat sich auch die Bezeichnung «People of Colour» als internationale Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung durchgesetzt. Die Bezeichnung stammt ursprünglich aus der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er und ist eine Wiederaneignung und positive Umdeutung der abwertenden Zuschreibung «Coloured.»

Rasse

Gibts bei Menschen nicht. «Es gibt keine biologische Begründung für eine Einteilung in Rassen und eine solche hat es auch nie gegeben. Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus – und nicht dessen Voraussetzung», schrieben Wissenschafterinnen und Wissenschafter in einer Begründung zur Abschaffung des Begriffs 2019.

Besser spricht man von Gruppen, Gesellschaften, Ländern oder Populationen. Diese Wörter sind wertfrei.

N-Wort

Geht gar nicht, weil extrem abwertend, ein Schimpfwort. Wer es immer noch benutzt, outet sich als jemand, dem seine eigenen Begrifflichkeiten wichtiger sind als der Respekt gegenüber Schwarzen Menschen. Das Wort stammt aus der Kolonialzeit und dem Sklavenhandel und wurde stets benutzt, um Menschen zu erniedrigen und abzuwerten. Eltern ist es auch durchaus zuzumuten ihren Kindern zu erklären, weshalb Pippi Langstrumpf heute die Tochter eines Südseekönigs ist.

Immer noch ein starkes Mädchen, auch wenn ihr Vater nun ein Südsee- und nicht mehr ein N-König ist.

Immer noch ein starkes Mädchen, auch wenn ihr Vater nun ein Südsee- und nicht mehr ein N-König ist.

Archiv CHM

Afrika

Afrika ist ein Kontinent und nicht das Herkunftsland von allen Schwarzen Menschen. Besser das tatsächliche Herkunftsland benennen und wenn dies nicht herauszufinden ist, dann einfach weglassen, meist sagt die familiäre (und oft eine bis zwei Generationen zurückliegenden Herkunft) einer Person weniger über sie aus, als wo sie zur Schule gegangen ist. Menschen können auch nicht afrikanisch aussehen, dazu ist der Kontinent zu gross und divers.

Intention vs. Effekt

Die Intention, also die Absicht, ist bei rassistischen und diskriminierenden Aussagen auch wenn sie eine gute sein sollte eine schlechte Ausrede. «Aber ich habe das doch gar nicht so gemeint», hinter her zu schieben, nützt nicht viel. Wichtig ist, welchen Effekt das Verhalten beim Gegenüber hat. Wenn Ihnen jemand eine Ohrfeige gibt und danach sagt: «Ups, war nicht so gemeint», ändert das mal nichts daran, dass ihnen die Backe schmerzt Eine Entschuldigung ist trotzdem angebracht.

Struktureller Rassismus

Diskriminierende Tendenzen werden nicht nur von offenen Rassisten, sondern auch von vermeintlich toleranten Menschen praktiziert, das ist dann meist unter strukturellem Rassismus zu verbuchen. Und schwierig zu erkennen, selbst für Betroffene. Denn viele Vorurteile sind tief in unserer Gesellschaft verankert. Man spricht dann auch von Alltagsrassismus. Bemerkungen wie «Darf ich deine Krüseli anfassen» oder «Ihr Jugos arbeitet halt nicht so gerne, könnt dafür gut tanzen» gehören in diese Kategorie der rassistischen Stereotype. Struktureller Rassismus meint aber auch die über Jahrhunderte gewachsene Art des Zusammenlebens, durch die einzelne Gruppen privilegiert sind und andere diskriminiert sind, und die uns als normal erscheint.

Token und Tokenism

Den Begriff Quoten-Schwarzer kennt man. Und genau darum geht es beim Tokenism. Ein Beispiel: Es wird eine Schwarze Person ins Unternehmen geholt, die aber dann bei jedem rassistischen Witz mitlacht.«Es geht also nicht darum, die eigene Unternehmenskultur in Frage zu stellen, sondern sich einen Token ins Bötchen zu holen, der den eigenen Rassismus bestätigt und dadurch bagatellisiert. Nach dem Motto: Wenn die Schwarze Arbeitskollegin kein Problem damit hat, dann kann es ja kein Rassismus sein», schreibt der Blogger und Aktivist Tarik Tesfu in seinem Glossar für «Sprache ohne Rassismus». Ausserdem wird ein Token nicht als Individuum wahrgenommen, sondern immer als Repräsentation für eine vermeintlich homogene Gruppe: «Mit Pünktlichkeit haben die es ja nicht so... »

Quellen: www.amnesty.de www.edi.admin.ch

Bücher: Exit Racism von Tupoka;
Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten von Alice Hasters

Podcast: Einfach Leben von Anja Glover, mehrere Folgen über Rassismus in der Schweiz via Spotify oder Apple