TV-Sendung
Nun hat sogar Heidi Klum genug von den ewig gleichen Models

Bisher galt bei der Sendung «Germanys Next Topmodel» immer: Schlank, schön, nach Mass. Doch jetzt ist 2021 - und grosse Shows und Publikumssender entdecken den Marktwert von Diversität.

Anna Miller
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19.11.2020, Berlin: Das ehemalige Model und Moderatorin Heidi Klum steht bei den Dreharbeiten für eine neue Staffel «Germany's next Topmodel» am Set am Hotel Adlon.

19.11.2020, Berlin: Das ehemalige Model und Moderatorin Heidi Klum steht bei den Dreharbeiten für eine neue Staffel «Germany's next Topmodel» am Set am Hotel Adlon.

Kay Nietfeld/DPA

Models, die Pigmentfehler am ganzen Körper haben, denen ein Bein fehlt, die weder Frau noch Mann sind: Soweit nichts Neues. Die Modebranche hat diese Menschen schon vor ein paar Jahren für sich entdeckt. Diese Einzelnen, die der breiten Masse suggerieren sollen, dass wir alle anders sein dürfen, und das okay ist.

Seien wir ehrlich: Wie viel hat’s gebracht? Nach all den Jahren, in denen weltweit dünne, weisse Frauenkörper mit Idealmassen die Medien beherrschten und alles andere als hässlich galt, steigen wir Frauen doch auch jetzt noch mit einem schlechten Gefühl aus dem Bett. Da hilft ein menschliches Feigenblatt auf einem Laufsteg eines berühmten Designers nicht viel. Doch jetzt scheint sich das Blatt tatsächlich zu wenden. Modelmutter Heidi Klum hat für die neuste Staffel «Germanys Next Topmodel» die grosse Diversität ausgerufen. Jetzt sind taubstumme Frauen dabei, kurvige, kleinere, grössere. Keine Mindestgrösse, keine Altersbeschränkung.

Bequem wird nun gefeiert, was über Jahre diskriminiert wurde

Die schlanke Silhouette eines perfekten Frauenkörpers ist aus dem Logo verbannt, Modelmasse interessieren plötzlich zumindest vordergründig nicht mehr, und wenn die Modelmädchen plötzlich die Gebärdensprache lernen müssen, weil eine von ihnen sie sonst nicht versteht, fördert das zumindest den Gedanken an Inklusion. Natürlich springt der grosse Publikumssender Pro Sieben damit auf einen längst fahrenden Zug auf. Bequem wird nun gefeiert, was über Jahre diskriminiert wurde - das ist aber bei jeder grossen Bewegung so. Irgendwann wird das, was eine Minderheit schon seit Jahrzehnten predigt, zum neuen Mainstream.

Und so ist nun auch Diversität im Modelbusiness angekommen. Man kann das nun kritisieren als billige Masche - oder dankbar sein dafür, dass ein Sender mit Millionenpublikum endlich die richtigen Anreize setzt und damit bewusst und unbewusst das Bild des vermeintlich «perfekten» Mädchens zumindest ansatzweise ausweitet. Natürlich lebt die Show immernoch davon, dass die Menschen, die darin vorkommen, überdurchschnittlich gut aussehen.

Ist das klassische Schöne bald nicht mehr gefragt?

Keine Ahnung, was diejenigen machen werden, die zukünftig mit klassischer Schönheit weit kommen wollen – vielleicht werden sie von niemandem mehr gebucht, weil sie nicht speziell genug sind. Insofern bleibt das krasse System von Auswahl und Abwahl, von Hierarchie auf der visuellen Ebene, von erfolgreicher Präsentation und dem Verkauf des eigenen Ichs, weiterhin das Gleiche. Die einen gehören dazu, die anderen nicht, so funktioniert Status nunmal, irgendetwas müssen wir ja zu bewundern haben.

Immerhin nutzen ein paar ehemalige Topmodel-Gewinnerinnen ihre Bekanntheit, um mit Tabus zu brechen, die, hätten wir alle ein bisschen mehr Menschenverstand, gar keine sein müssten. Und so hat Stefanie Giesinger, Topmodel-Gewinnerin aus dem Jahr 2014, einen Sport-Werbespot mit Nike gedreht, in welchem sie über ihre Periode spricht. Das Internet feiert sie nun für das Brechen eines Tabus. Es gibt also noch viel zu tun, wenn es um die Frage geht, was oder wer eigentlich normal ist. Ganz egal, wie das dann aussieht.