Studie
Trotz des Lockdowns und Verschiebung von OPs: Alle dringenden Blinddarmoperationen wurden gemacht

Anhand der Zahlen einer häufigen Operation zeigen sich die Auswirkungen des Lockdowns. Das Resultat beseitigt einen Verdacht.

Sabine Kuster
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Zuerst wurde befürchtet, dass wegen des Lockdowns wichtige Operationen nicht durchgeführt werden. Laut einer Studie war dies jedoch nicht der Fall.

Zuerst wurde befürchtet, dass wegen des Lockdowns wichtige Operationen nicht durchgeführt werden. Laut einer Studie war dies jedoch nicht der Fall.

Keystone

Während des ersten Lockdowns wurden nur noch die notwendigsten Operationen in den Spitälern durchgeführt. Dies, um möglichst viele Kapazitäten für Corona-Patienten freizuhalten, insbesondere wegen des Anästhesie-Personals und der Beatmungsgeräte.

Es ist aber befürchtet worden, dass dies negative Auswirkungen auf die übrige medizi­nische Versorgung hatte und manche Patienten deswegen möglicherweise zu spät operiert worden seien.

Gemäss einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGGH) war dies jedoch nicht der Fall. Die Einschätzung verschiedener Schweizer Spitäler fällt unterschiedlich aus.

Für die Studie wurden Versicherungs-Abrechnungen aller Blinddarmoperationen aus 1000 Kliniken in Deutschland ausgewertet. 90 davon waren kinderchirurgische Kliniken. Der Zeitraum des Lockdowns 2020 sowie sechs Wochen davor und danach wurden verglichen und auch das Jahr 2019 miteinbezogen. «So hatten wir den ­direkten Vergleich zwischen Normal- und Ausnahmezustand», sagt Udo Rolle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie.

Dabei zeigte sich, dass die Operationen von komplizierten Blinddarmentzündungen trotz des Lockdowns konstant blieben. «Das ist entscheidend, denn bei einer komplizierten Appendizitis ist die Darmwand durchbrochen, und es darf keine Zeit verloren werden», so Rolle.

Abwarten mit Operieren geht manchmal auch

Bemerkenswert ist: Die Rate der Eingriffe bei einer unkomplizierten akuten Blinddarmentzündung hingegen sank während des Lockdowns um 18 Prozent im Vergleich zu 2019. Die Chirurgen bewerten dies als «sehr differenziertes Vorgehen der Mediziner», denn in solchen Fällen müsse nicht unbedingt sofort operiert werden. Vermutlich hätten die Bauchschmerzen mit Flüssigkeitsgabe, Antibiotika und Abwarten gelindert werden können. Der Rückgang der Blinddarmoperationen betraf vor allem Frauen und die Altersgruppe von einem bis 18 Jahren.

In der Schweiz wurde dies offenbar selten gemacht: Beim Unispital Zürich sagt die Medienverantwortliche Martina Pletscher: «Am USZ wird eine Blinddarmentzündung grundsätzlich operiert.» Die konservative Behandlung mit Antibiotika sei keine Standardbehandlung und werde nur sehr selten angewandt, etwa, wenn ein Patient sich gegen eine Operation entscheidet oder ein Patient wegen seines sonstigen Gesundheitszustands inoperabel sei. Entsprechend sind während des Lockdowns üblich viele Blinddarmoperationen durchgeführt worden.

Keine einheitliche Einschätzung in der Schweiz

Doch im Kantonsspital Luzern heisst es: «Der Befund dürfte auch für die Schweiz stimmen. Mit dem Verbot von nicht dringlichen Operationen durch den Bundesrat wurden weniger akute Fälle nicht mehr operiert.»

Das Berner Inselspital geht auf diesen Aspekt nicht ein, sagt aber: «Die Studie ist methodisch gut gemacht, sodass es gut möglich ist, Ähnliches für das Inselspital zu finden.»

Alles gut bei der medizinischen Versorgung also? Nur seitens des Kantonsspitals Aarau heisst es: «Wir haben den Eindruck, dass komplizierte Blinddärme zugenommen haben, weil Patienten länger warteten, bis sie ins Spital kamen.» Erhoben worden sei dies aber nicht.