Die US-Schauspielerinnen Busy Philipps und Keke Palmer hatten bis vor kurzem das gleiche Geheimnis: Sie haben abgetrieben. Nun reden sie erstmals im Internet darüber. Busy Philipps entschied sich mit 15 Jahren gegen ein Kind. Keke Palmer mit 24: «Ich machte mir Sorgen wegen meiner Karriere und hatte Angst, Beruf und Familie nicht unter einen Hut zu bringen.»

Mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit wollen sie ein Zeichen gegen «den Rückfall» setzen, den Amerika gerade erlebt. Anfang Mai entschied der US-Staat Georgia: Frauen sollen keine Schwangerschaften mehr beenden dürfen, sobald der Herzschlag des Fötus zu hören ist. Das ist bereits in der sechsten Woche möglich.

Die Realität zeigt: Zu diesem Zeitpunkt wissen viele Frauen noch gar nicht, dass sie schwanger sind. Letzte Woche folgte Alabama: Das Parlament will Abtreibungen in fast allen Fällen verbieten – auch bei Vergewaltigung. Ärzte, die sich nicht an das Gesetz halten, sollen mit bis zu 99 Jahren Haft bestraft werden.

Die Antiabtreibungsaktivisten jubeln, wie sie es immer tun: Zu laut, kritisiert Busy Philipps. Auch deshalb hätten betroffene Frauen bisher meist geschwiegen. Damit müsse nun Schluss sein, meint Philipps. Und beginnt in ihrer eigenen Late-Night-Show mit Reden. «Die Statistik zeigt, dass eine von vier Frauen eine Schwangerschaft abbricht. Und dann sitzt man da und denkt, dass man keine Frau kennt, die eine Abtreibung hatte. Doch, Sie kennen mich.» Dann erzählte sie ihre Geschichte.

Kampf gegen alte Strukturen

Die Reaktionen auf ihre Sendung überwältigen Philipps. Ihre Produzentin rät ihr, den Hashtag #Youknowme (zu Deutsch: Du kennst mich) ins Leben zu rufen. Philipps zögert. Doch dann lässt sie sich ein auf den Kampf gegen «die letzten alten Männer, die versuchen, ihr Patriarchat und ihre Macht in irgendeiner Art aufrechtzuerhalten», wie sie gegenüber der «New York Times» sagt.

Dabei nutzt sie die gleiche Strategie, die schon dem Hashtag #Metoo zum Siegeszug um die Welt verholfen hat: persönliche Geschichten aus dem Leben. Neu ist die Idee nicht. Unter dem Hashtag #shoutyourabortion macht seit 2015 Aktivistin Lindy West auf die Tabuisierung von Abtreibungen aufmerksam. Philipps Prominentenbonus versetzt der Bewegung einen Schub: 70 000 Frauen haben in den sozialen Medien schon von ihrem Schwangerschaftsabbruch erzählt.

Die Emotionen gehen hoch, die Zahlen runter: In den USA nimmt die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche seit Jahren ab. Ende der 1980er-Jahre trieben noch 1,6 Millionen Frauen jährlich ab, unterdessen sind es noch rund 1,1 Millionen. Das gleiche Bild zeigt sich bei den Teenagerschwangerschaften.

Dauerhaftere Verhütungsmethoden wie die Dreimonatsspritze, neue und bessere Arten der Aufklärung und RealitySerien, die das komplizierte Leben von jungen Müttern nach ungewollter Schwangerschaft zeigen, nennen Experten als Gründe für den Rückgang.

Dass sich der Ton zwischen Abtreibungsgegnern und Abtreibungsbefürwortern wieder verschärft, hat mit Präsident Donald Trump zu tun. Er hatte im Wahlkampf versprochen, abtreibungskritische Richter einzusetzen. Sechzehn Gliedstaaten sind gerade dran, strengere Abtreibungsgesetze zu erlassen.

Die Unterschiede innerhalb der USA sind riesig: Das liberale Kalifornien verfügt über 150 Abtreibungskliniken, das konservative Mississippi nur über eine. Wer es vermag, reist für den Abbruch über die Grenze in einen fortschrittlicheren Staat.

Vorurteile halten sich

«Je höher der sozioökonomische Status der Frauen, desto weniger ungewollte Schwangerschaften gibt es», sagt René Hornung, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Die Bevölkerung in der Schweiz sei gut informiert und beraten. «Das ermöglicht einem Grossteil der Frauen, ihre Familie zu planen.»

Rund 10 000 Frauen in der Schweiz brachen 2017 dennoch eine Schwangerschaft ab. In den ersten zwölf Wochen können sie das straffrei tun, danach muss eine schwere körperliche Schädigung oder seelische Notlage der werdenden Mutter vorliegen. 2002 sprach sich die Bevölkerung für diese Fristenregelung aus. «Wir haben den Diskurs geführt. Jede andere Gesellschaft muss das auch tun und diese Frage für sich beantworten», sagt Hornung.

Der Schwangerschaftsabbruch erfolgt bis zur neunten Woche per Pille, danach in einer Operation. «Nicht jede Frau ist nach dem Eingriff seelisch beeinträchtigt», räumt Hornung mit einem Klischee auf. Aber: «Frauen, die abtreiben, schämen sich noch immer. Auch weil sich die Stereotypen über sie hartnäckig halten», sagt die Berliner Feministin und Autorin Sarah Diehl. Sie seien traumatisiert, verantwortungslos, gefühlskalt, egoistisch, hätten bei der Verhütung geschlampt, heisse es bis heute.

Dabei funktioniere Verhütung nun mal nicht immer. Diehl meint: Eine Abtreibung sei eine sehr verantwortungsbewusste Tat. «Gemäss Studien haben 60 Prozent der Frauen, die sich für einen Abbruch entscheiden, bereits Kinder. Es ist also auch ein Entscheid für die anderen Kinder.» Busy Philipps trage mit ihrer Aufforderung das Schweigen über Abtreibung zu brechen zur Selbstbestimmtheit der Frau bei: «Nur wenn Frauen ihre Abtreibungsgeschichten erzählen, merkt die Gesellschaft: Jede Geschichte ist anders. Erst dann verschwinden die Klischees.»

Hoheit über den eigenen Körper

Im Vergleich zu den USA ist es in der Schweiz ruhig um das Thema Schwangerschaftsabbrüche geworden. Nur wenn es um Pränataldiagnostik geht, flammt die Debatte kurz wieder auf. Betroffene lassen sich meist nur anonym zitieren. Das zeigt: Mit der Fristenregelung scheint sich die Diskussion fast erübrigt zu haben, das Tabu ist geblieben.

Eine die es bricht, ist die Basler Schauspielerin und Regisseurin Bettina Dieterle: «Ich war 28 und nicht fähig, dem Kind das zu geben, was ich ihm hätte geben wollen. Ich hatte den falschen Mann und gerade erst mit der Schauspielerei begonnen», erzählt sie. Also entschied sie sich gegen das Baby. «Es war eine schreckliche, aber die richtige Entscheidung. Keine Frau treibt ab, ohne dass es etwas mit ihr macht», sagt sie.

Sie echauffiert sich über die politischen Entscheide in den USA. Ein Rückschritt ins Mittelalter sei das. Es werde kriminalisiert, was nicht kriminalisiert gehöre: «Die Frauen müssen doch das Recht haben, über ihren Körper und ihr Leben zu entscheiden.»

Bettina Dieterle stammt aus einem Umfeld, in dem es üblich ist, selbstbestimmt zu entscheiden. «Ich musste mich nie rechtfertigen, fast jede meiner Freundinnen hat ebenfalls eine Abtreibung hinter sich.» Diese Bedingungen wünscht die 53-Jährige auch den jungen Frauen von heute. «Eine Frau, die mit den Kindern daheim bleibt, gilt als Hausmütterchen. Eine Mutter, die arbeiten geht, als Egoistin. Und mit einer Frau, die keine Kinder hat, stimmt sowieso etwas nicht. Von diesen Verurteilungen müssen wir wegkommen.» Ein Hashtag genügt da nicht, ist sie überzeugt. «Diese Themen gehören auf die Strasse und in die Tagespolitik.»