Spiritismus/Hellsehen
Der begehrte Kontakt nach drüben

Es gibt eine Disposition oder «Anfälligkeit» für das Übernatürliche. Solche Menschen glauben, Stimmen zu hören oder Dinge zu sehen, von denen andere keine Ahnung haben. Sie treffen damit einen Nerv in der Gesellschaft. Die Medizin hat Namen dafür: Von «Dissoziative Störung» bis «Schizophrenie». Aber wir sind empfänglicher für diese Verirrung, als wir gemeinhin meinen.

Christoph Bopp
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Gewisse Gehirne sind offenbar eher befähigt, «Stimmen zu hören», als andere.

Gewisse Gehirne sind offenbar eher befähigt, «Stimmen zu hören», als andere.

image/science images

11000 Mitglieder umfasse sie, behauptet die «Spiritualists’ National Union», die Vereinigung der Menschen in Grossbritannien, welche gemeinsam haben, dass sie «Stimmen» hören, deren Herkunft sie nicht genau erklären können. Im Deutschen nennt man das Phänomen, mit dem Übernatürlichen in Kontakt treten zu können, «Spiritismus»; im Englischen «spiritualism». Adam J. Powell, ein Theologe von der Universität Durham, und Peter Moseley, ein Psychologe der Universität Newcastle upon Tyne, wollten dem Phänomen ein bisschen auf den Grund gehen und befragten 65 Mitglieder der SNU, wie es um ihre übersinnlichen oder medialen Fähigkeiten stehe. Die Antworten verglichen sie mit einer Kontrollgruppe von 143 nicht in gleicher Weise «begabten» Menschen.

Zuerst die Eigenerfahrung, dann der Versuch der Einordnung

Auffällig ist, dass 71 Prozent der Medien behaupten, sie hätten keine Ahnung gehabt, was Spiritismus sei, bevor sie sich ihrer Fähigkeiten bewusst wurden. Sie «hörten Stimmen» und wollten dann wissen, woher die kämen. Die Erfahrungen seien also nicht durch den Wunsch motiviert oder verursacht worden, mit Verstorbenen in Kontakt zu treten.

Natürlich stellt man mit dieser Frage eine Weiche. Wenn man das Phänomen zu erklären versucht, drängen sich zwei Möglichkeiten auf: Es ist entweder ein psychisches Phänomen, das mit naturwissenschaftlichen Methoden und Mitteln erklärt werden kann. Man landet dann bei gewissen psychischen Eigenschaften, welche Leute besitzen, welche sie zu Medien geeignet machen. Dazu gehört die Fähigkeit, sich extrem auf etwas konzentrieren zu können: Selbstversenkung oder Entrückung. Das kann so weit führen, bis man für nichts mehr empfänglich ist, was «von aussen» an die Sinne kommt. Oder man erklärt es als eine psychische Schutzfunktion, um mit Trauer – dem Verlust eines nahen Menschen – zurechtzukommen. Der Wunsch, den Kontakt mit den Verlorenen aufrechtzuerhalten, führt zur Selbsthypnose: Man hört, was man hören möchte.

Das typische Setting einer Séance, einer spiritistischen Sitzung.

Das typische Setting einer Séance, einer spiritistischen Sitzung.

Die spiritistische Séance als Modeerscheinung

Heute lokalisieren wir «Geister» in alten Schlössern oder versetzen sie an bestimmte Orte, wo sie «umgehen» müssen, weil der Frevel, den sie begangen haben, nicht gesühnt werden kann. Das 18. Jahrhundert «erfand» die Praxis, die Geister in der heimischen Stube zu beschwören. Das war die «spiritistische Séance», wenn ein Medium in Trance versetzt wurde, um mit den Geistern der Verstorbenen zu kommunizieren. Das Setting war beliebt, man sass im Dunkeln um einen runden Tisch, die Hände auf der Tischoberfläche, das Medium auf oder oben am Tisch. Beliebt sind Kommunikationen mit Verwandten (das Medium muss Details wissen) oder mit berühmten Persönlichkeiten (dazu reichen weniger Kenntnisse).

Natürlich stand dem die Idee des naturwissenschaftlichen Experiments Pate. Und dass der «Spiritismus» gerade während und nach der Aufklärung eine Hochblüte erlebte, hat zu tun damit, dass es während der Aufklärung von «Geistersehern», welche mit den Engeln redeten, nur so wimmelte. Das war die andere Seite. Das Christentum verbietet Hellseherei und andere okkulte Dinge. Aber die Menschen des 18. Jahrhunderts waren auch empfänglich für «technische» Fantasien: Mit den Angehörigen «drüben» in Kontakt zu treten, war nicht undenkbar. Das Medium als eine Art Telegraf/Telefon.

Die Fox-Schwestern : (von links) Maggie, Kate und Leah behaupteten 1848 in Rochester (USA) mit Geistern mittels Klopfzeichen in Verbindung treten zu können. Später gaben sie zu, sie fabriziert zu haben.

Die Fox-Schwestern : (von links) Maggie, Kate und Leah behaupteten 1848 in Rochester (USA) mit Geistern mittels Klopfzeichen in Verbindung treten zu können. Später gaben sie zu, sie fabriziert zu haben.

wikipedia

Die Fox-Schwestern und der Spiritualismus in Amerika

Die Jahre vor dem Bürgerkrieg waren bewegte Zeiten in den USA. Das macht das Phänomen der Fox-Schwestern, Maggie, Kate und Leah, überhaupt erst möglich. 1848 ging es los. Waren die Schwestern zugegen, hörte man ein mysteriöses Klopfen. Bald machte man einen Hausierer, der im Haus der Familie ermordet worden sein sollte, dafür verantwortlich. Der «Geist» – bald waren es mehrere – konnte mit «Ja» oder «Nein» auf Fragen antworten, rechnen konnte er sowieso und mit einem ausgeklügelten System, das die Anzahl Klopfzeichen mit dem Alphabet verband, auch inhaltlich Auskunft geben.

Das Phänomen wurde ausgiebig untersucht, eine natürliche Erklärung war nicht zu finden. Und auch kein Anzeichen für Betrug. An Dritten, die gerade das beweisen wollten, fehlte es nicht. Die Schwestern wurden ausgiebig untersucht, für Experimente auch gefesselt. Und ganz gentlemanlike bestimmte man ein Frauenkomitee, um nach Hilfsmitteln in den Kleidern zu suchen. Alles vergeblich. Die Fox-Schwestern wurden berühmt und gingen auf Tournee.

Der Spiritualismus fand besonders in den USA einen grossen Widerhall. Die amerikanische Gesellschaft bestand aus hartgesottenen Materialisten (man will sein Glück machen) und vertriebenen Idealisten und Utopisten, welche im neuen Land ihre Vision des «richtigen Lebens» verwirklichen wollten. Da musste das Übernatürliche und Übersinnliche eine starke Faszination ausüben. 1888 war es allerdings aus: Die Geschwister Fox gaben den Betrug zu. Die Klopfzeichen hatten sie mit den Gelenken an Fingern und Zehen produziert, der Rest war Hysterie.

Der blinde Hitler im Lazarett: «Ich beschloss, Politiker zu werden»

Adolf Hitler - fotografiert beim Rhetorik-Training von seinem Leibfotografen Heinrich Hoffmann.

Adolf Hitler - fotografiert beim Rhetorik-Training von seinem Leibfotografen Heinrich Hoffmann.

Hysterie spielt auch eine Rolle bei einer beliebten Mystifikation von Hitlers Aufstieg. Sie wird vom englischen Psychologen David Lewis in seinem Buch «The Man Who Invented Hitler» (2004) erzählt. Der Wahrheitsgehalt ist nicht unumstritten. Hitler erzählt in «Mein Kampf», wie er im Herbst 1918 nach einem Giftangriff blind im Lazarett gelegen sei und dort von der Niederlage Deutschlands erfahren habe. Das sei die Stunde seiner «nationalen» Erweckung gewesen.

Lewis findet einiges merkwürdig an dieser Erzählung. Die Details stimmen nicht. Was für ein Gas solle das gewesen sein, das so eine Wirkung hervorgerufen habe? Und warum das Lazarett Pasewalk in Pommern, weit weg von der Front? Das Lazarett sei für Patienten vorgesehen gewesen, welche eine geistige Beeinträchtigung, ein Trommelfeuertrauma zum Beispiel, davongetragen hätten, schreibt Lewis. Hitler sei nicht vom Gas geblendet gewesen, sondern hätte einen psychischen Zusammenbruch erlitten.

Edmund Forster als Professor in Greifswald in den 1930er Jahren.

Edmund Forster als Professor in Greifswald in den 1930er Jahren.

uni greifswald

Und Lewis nennt auch den Namen des Mannes, der Hitler «geheilt» hat: Edmund Forster (1878-1933). Dieser sieht schnell: Die Medizin kann hier nichts ausrichten. Forster ist Fachmann für Nervenkrankheiten, besonders für Hysterie. Hitler ist erblindet, weil er die Realität, die Niederlage Deutschlands und die Novemberrevolution, nicht sehen will. Er hypnotisiert Hitler: Er müsse die Blindheit selbst überwinden. Und er könne das, weil Schicksal oder Vorsehung ihn für etwas Grosses ausersehen hätten. Das funktioniert – bei Hitlers Psyche nicht anders zu erwarten – ausgezeichnet. Er sieht wieder. Und begibt sich auf seine Mission, Deutschland wieder gross zu machen.

Hitlers Krankenakte ist natürlich verschwunden. Forster begeht 1933 nach NS-Schikanen Selbstmord. 1918 war Hitler ein Niemand. Besonders auffällig: Er bleibt Gefreiter, Führungsfähigkeiten traut ihm in der Armee niemand zu. Es gibt einen Roman von einem Ernst Weiss, 1938 im Exil in Paris geschrieben: «Ich, der Augenzeuge», in dem die Pasewalk-Episode kaum verschleiert erzählt wird. Weiss begeht nach dem Einmarsch der Nazis 1940 Selbstmord. Und Anmerkungen des Psychiaters Karl Kroner, der 1918 in Pasewalk gearbeitet hat, aus dem isländischen Exil in einem Report des US-Geheimdienstes von 1943. Kroner berichtet dort, Forster hätte Hitler behandelt.

Jan Erik Hanussen (geboren 1889 - im gleichen Jahr wie Hitler - als Herrschmann Chaim Steinschneider, war Jude und wurde 1933 von SA-Schergen ermordet).

Jan Erik Hanussen (geboren 1889 - im gleichen Jahr wie Hitler - als Herrschmann Chaim Steinschneider, war Jude und wurde 1933 von SA-Schergen ermordet).

Für Hitler braucht es zwei Hypnotiseure

David Lewis legte 2018 noch nach: «Triumph of the Will? How Two Men Hypnotised Hitler and Changed the World». Der andere Hypnotiseur ist Erik Hanussen (eigentlich Hermann Steinschneider, 1889-1933), ein Schwindler und Hochstapler, von Geburt ein österreichischer Jude. In den 1920er/1930er-Jahren in Berlin eine Berühmtheit. Er soll Hitlers Körpersprache perfektioniert haben. Dafür gibt es keine Belege.
Auch Hanussen wurde ermordet. Wahrscheinlich von der SA, weil er
den Reichstagsbrand «vorausgesehen» hatte. Man verdächtigt ihn gar, im Auftrag der Nazis den mutmasslichen Brandstifter Marinus van der Lubbe hypnotisiert zu haben. Mit der SA-Führung und anderen NS-Zirkeln war Hanussen gut vernetzt. Offenbar hat er 1933 den Bogen überspannt.