Er wanderte vor 150 Jahren aus: Wie ein Bündner Schmied sein Glück in Neuseeland fand

Schweizer Mini-Kolonie
Er wanderte vor 150 Jahren aus: Wie ein Bündner Schmied sein Glück in Neuseeland fand

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Dutzende Schweizer zogen im vorletzten Jahrhundert ans andere Ende der Welt. Sie folgten dem Ruf eines Bündner Berglers, der sein Glück schon gefunden hatte.

Matthias Stadler aus Auckland
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Da tuckert man auf einer Strasse im Niemandsland auf der anderen Seite der Welt gemütlich durch die Landschaft, sieht mehr Kühe als Personen und entdeckt auf einem Schild plötzlich einen bekannten Schweizer Namen: «Kalin». Das «ä» ist zwar verloren gegangen, aber trotzdem ist klar: Hier, im Westen der neuseeländischen Nordinsel, wohnt jemand, dessen Wurzeln in Einsiedeln liegen müssen.

Das überrascht eigentlich nicht. Die Gegend rund um den Vulkan Taranaki, dessen perfekte Form die weitläufige, grüne Landschaft dominiert, wird seit knapp 150 Jahren von Schweizern bewohnt.

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Wer Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts von der Schweiz nach Neuseeland auswanderte, liess sich oft hier nieder. Dass da ein eindrücklicher Berg steht und die Ausgewanderten an ihre Heimat erinnert, hat wohl nur vordergründig damit zu tun.

Der erster Schweizer war mit James Cook unterwegs

Angefangen hat die Geschichte der Schweizer in Neuseeland allerdings noch früher. Der Maler John Webber begleitete den berühmten britischen Entdecker James Cook 1777 auf dessen dritter Südseereise. Der Schweizer in London, Sohn eines ausgewanderten Berners, hatte den Auftrag, die Expedition in die abgelegene Welt in Bildern festzuhalten, und war der erste Schweizer, der neuseeländischen Boden betrat. Seine Werke sind noch heute in verschiedenen Galerien, etwa in London und Wellington, zu bestaunen.

John WebberBritisch-Schweizerischer Maler

John Webber
Britisch-Schweizerischer Maler

Wikimedia / Oporinus

Es sollte gut 80 Jahre dauern, bis weitere Schweizer das andere Ende der Welt erreichten. Es waren mehrheitlich Tessiner und einige Bündner. Dies zeichnet Joan Waldvogel, selber Tochter von Schweizern, in ihrem Buch «Swiss Settlers In New Zealand» (Peter Lang Verlagsgruppe) nach. Ihre Suche nach wirtschaftlichem Glück – sprich Gold – führte die oft jungen Männer zuerst nach Australien. Als das Gold dort seltener wurde, zogen sie weiter nach Neuseeland.

Auf der Suche nach Gold

Ab den 1870er-Jahren waren es viele Bündner Bauern, später auch solche aus der Zentralschweiz, den Kantonen Bern, Zürich, St. Gallen und Aargau, die in Neuseeland ein neues Leben beginnen wollten. Felix Hunger, ein Schmied aus Safien Platz GR, spielte eine entscheidende Rolle, wie Joan Waldvogel im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt. «Er brachte den Ball für andere Schweizer Bauern ins Rollen.»

Hunger, geboren 1837, verliess als 19-Jähriger die Schweiz, unter anderem wegen des Klimas, Richtung Australien. Später siedelte er, möglicherweise auf der Suche nach Gold, auf die neuseeländische Südinsel über. Anfang der 1870er-Jahre schliesslich zog es ihn in die Region Taranaki an der Nordküste. Es sei eine Gegend, in der man als «harter Arbeiter gut über die Runden kommen kann», hielt er in einem Brief fest.

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1874 reiste er in die Heimat zurück, um sich eine Frau zu suchen und sie nach Neuseeland mitzunehmen. Er hatte aber ein weiteres Ziel: So viele abenteuerlustige Schweizer wie möglich zu überreden, mit ihm nach Neuseeland zu reisen. «Wir wollen junge Personen, die mit der Landwirtschaft vertraut sind – und so viele junge Frauen und Mädchen wie möglich, die Kühe melken und Butter und Käse herstellen können.» Dies schrieb ihm ein Bekannter aus Neuseeland. Denn die neuseeländische Regierung unterstützte, ja förderte zu dieser Zeit die Einreise von Europäern in das junge und noch kaum entwickelte Land.

Felix Hunger berichtete in seinem Umkreis im Bündnerland von den Möglichkeiten, die Bauern in Neuseeland hätten. Viele von ihnen fackelten nicht lange, geplagt von wirtschaftlichem Elend, Überpopulation und kaum Aussicht, einmal einen Hof in der Heimat übernehmen zu können. Sage und schreibe zwei Dutzend Personen überzeugte Hunger, das alte Leben hinter sich zu lassen, die über hundert Tage dauernde Schifffahrt und einen Neustart in Neuseeland zu wagen. «Ihr Traum war es, dereinst einen eigenen Hof mit Land zu haben», erklärt Joan Waldvogel.

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Eidgenossen schwören nicht auf die Königin

Die meisten waren mit ihm verwandt und liessen sich in seiner Nähe nieder. Die Region Taranaki wurde so zu ihrer neuen Heimat. Als in den Jahren und Jahrzehnten darauf mehrere hundert andere Schweizer aus ähnlichen Gründen nach Neuseeland auswanderten, zog es viele von ihnen ebenfalls in die Gegend, da es «dort bereits eine eta­blierte Schweizer Gemeinschaft gab, die die Neuankömmlinge sowohl moralisch wie auch tatkräftig unterstützte», führt die Autorin aus.

Für viele Auslandschweizer wurde der Traum eines eigenen Hofs und eines besseren Lebens Realität, sie galten als tüchtig und zuverlässig. Im Neuseeland des späten 19. Jahrhunderts halfen sie mit Pionierarbeit, der Landwirtschaft den Boden zu ebnen. Felix Hunger baute die erste Milchproduktionsanlage in der Gegend mit auf.

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Obwohl die meisten von ihnen in Neuseeland ein gutes Leben aufbauen konnten, liessen sie sich das Schweizerische nicht einfach so austreiben. So hält Waldvogel im Buch eine Szene fest, in der sich ein Schweizer einbürgern lassen wollte, es aber aufgrund des verlangten Treueschwurs auf die britische Königin schliesslich unterliess.

Er habe dies an der Einbürgerungszeremonie erfahren und den völlig verdatterten Verantwortlichen zusammen mit anderen Schweizern erklärt, dass «wir Eidgenossen nichts mit jedweder Aristokratie zu tun haben wollen. Wir haben stets dagegen gekämpft und gehen nicht in diese Zeiten zurück.»

Mathias Sempach hat hier ­geschwungen

Die Gegend um den Vulkan Taranaki ist noch heute ein «Schweizer Nest». Das beweist etwa das Schwingfest, das einmal pro Jahr – im Februar – vom dortigen Schweizerverein veranstaltet wird und als kultureller Höhepunkt der Auslandschweizer in Neuseeland gilt. So lässt sich jeweils der Schweizer Botschafter die Gelegenheit nicht entgehen und verfolgt das Geschehen persönlich vor Ort. Und mit Matthias Sempach nahm im Jahr 2013 sogar ein Spitzenschwinger am Anlass teil – später im selben Jahr wurde er in Burgdorf Schwingerkönig.

Auch der Pionier Felix Hunger sorgte dafür, dass Schweizer Nachkommen die Traditionen pflegen. Er hatte zusammen mit Margreth, die er, zurück in der Schweiz, kennen gelernt und geheiratet hatte, in der neuen Heimat sechs Kinder. Dank ihm und anderer Ausgewanderter sind Schweizer Tra­ditionen wie auch Nachnamen auf der anderen Seite der Welt nach wie vor präsent, beispielsweise Gredig oder ­Kuriger – und auf einer Strasse im Niemands­land eben auch Kalin, ohne Umlaut.

Auswanderungsmotive heute: Die Liebe und weniger Stress

Im Jahr 1874 lebten 183 Schweizer in Neuseeland. 1916 waren es bereits deren 670. Heute zählt das Bundesamt für Statistik über 7000 Auslandschweizer im Land. Es zieht sie dieser Tage nicht mehr prioritär in die Region Taranaki. Die meisten Schweizer leben heute in und um Neu­seelands grösste Stadt Auckland im Norden der Nordinsel.

Anders als vor 150 Jahren ist heute auch nicht mehr wirtschaftliche Not der Hauptgrund für aus­wanderungsfreudige Schweizer. Laut Joan Waldvogel, die ein Buch dazu verfasst hat, sind die Hauptgründe heutzutage die Liebe und die Sehnsucht nach einem freieren und entspann­teren Leben. (mst)