Raketenstart
China besiedelt das All: Drei Astronauten sind unterwegs

In der Umlaufbahn der Erde entsteht Chinas erste Raumstation. Ein Raumfahrzeug bringt nun die ersten drei Männer hin. Damit markiert das Land auch Stärke gegenüber dem Westen.

Niklaus Salzmann
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Die chinesische Raumstation soll 2022 ihren Betrieb aufnehmen (Visualisierung). Derzeit befindet sich erst das zylinderförmige zentrale Modul in der Umlaufbahn.
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Salut 1 wurde am 19. April 1971 von der Sowjetunion ins All gebracht: die allererste Raumstation. Sie bot fünf Personen Platz, es hielten sich jedoch nur drei an Bord auf – und sie kamen ums Leben, als sich bei der Landung ein Ventil unbeabsichtigt öffnete. Es folgten beinahe im Jahresrhythmus weitere sowjetische Stationen bis zu Saljut 7 im Jahr 1982.
Das Rennen zum Mond hatten die USA gewonnen, bei den Raumstationen wurden sie nur Zweite. Am 14. Mai 1973 schossen sie Skylab ins All. Dabei wurde die Station beschädigt und musste in der Umlaufbahn repariert werden. Im Laufe eines Jahres wurde sie von drei Teams à drei Männer bewohnt. Es war die einzige rein amerikanische Raumstation.
Am 19. Februar 1986 sandte die Sowjetunion das erste Element der Raumstation Mir in die Umlaufbahn der Erde. Es war damals das grösste menschgemachte Objekt im All und damit ein wichtiges Prestigeprojekt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Mir international ausgerichtet. In 15 Jahren betraten 104 Menschen aus 13 Ländern die Station.
Die Erfahrungen von der Mir waren entscheidend, um eine noch grössere Anlage zu bauen: die Internationale Raumstation ISS. Sie wird von den Raumfahrtagenturen der USA, Russlands, Europas, Japans und Kanadas betrieben. Auch die Schweiz ist beteiligt. Seit zwanzig Jahren ist sie durchgehend bewohnt. Der Platz reicht für sechs Personen.

Die chinesische Raumstation soll 2022 ihren Betrieb aufnehmen (Visualisierung). Derzeit befindet sich erst das zylinderförmige zentrale Modul in der Umlaufbahn.

Adrian Mann / www.imago-images.de

Noch mangelt es China an Erfahrung in der Raumfahrt. Der bisher längste Aufenthalt chinesischer Astronauten im All dauerte 32 Tage – das hatten die USA und die Sowjetunion schon in den Siebzigern überboten. Doch nun macht China ernst mit dem Aufstieg zur Weltraummacht. Wenn alles klappt, startet das Raumschiff «Shenzhou 12» mit drei Astronauten am Donnerstagmorgen um 3:22 Uhr mit einer Rakete in der Wüste Gobi. Ziel ist «Tianhe», das zentrale Modul einer neuen Raumstation, das in rund 400 Kilometern Höhe die Erde umkreist. Drei Monate lang sollen die Astronauten dort arbeiten. Es ist der Beginn einer permanenten Besiedlung des Alls durch China.

Nächste Mission startet bereits im Oktober

Das Raumschiff soll an dasjenige Element der Raumstation, das bereits im All schwebt, andocken. Das Stationsmodul ist zylinderförmig, 17 Meter lang und 4 Meter im Durchmesser, ungefähr so schwer wie ein Eisenbahnwagen. Die Astronauten sollen technische Tests durchführen und Material für den späteren Betrieb der Raumstation vorbereiten. Es stehen auch diverse Aufgaben ausserhalb der Fahrzeuge an, was die Mission besonders anspruchsvoll macht. Die Raumanzüge wurden bereits im Mai von einem unbemannten Versorgungsraumschiff zur Station gebracht.

Nicht zuletzt will China auch Erfahrung mit längeren Aufenthalten in der Schwerelosigkeit sammeln, die dem Land noch fehlen. Im Oktober sollen schon die nächsten Menschen zur Station fliegen und sechs Monate dort verbringen. Der ehrgeizige Fahrplan sieht vor, dass die Raumstation 2022 voll betriebsbereit ist. Bis dahin soll sie mit zwei Labormodulen ergänzt werden.

Die erste bemannte Raumfahrtmission von China seit fünf Jahren ist am Donnerstagmorgen erfolgreich gestartet. Drei Astronauten erreichten die neue chinesische Raumstation im Orbit. Während drei Monaten sollen sie dort Arbeiten, Tests und Experimente durchführen.

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Bald die einzige Raumsstation

Die chinesische Raumstation bleibt aber deutlich kleiner als die Internationale Raumstation ISS, deren Kapsel dreimal so lang ist und für sechs statt nur drei Menschen Platz bietet. Die ISS umkreist seit über 20 Jahren die Erde, allerdings ist ihre Zukunft ungewiss. Russland stellt seine Beteiligung ab 2025 in Frage, weil aufgrund des Alters mit einer Häufung von technischen Problemen zu rechnen sei – und weil die politischen Spannungen zu den USA zugenommen haben. Das könnte das Ende der ISS bedeuten, und damit wäre die chinesische schon bald die einzige bewohnte Raumstation.

Russland will zwar bis 2030 ebenfalls wieder eine Station in der Umlaufbahn platzieren. Doch vieles deutet darauf hin, dass China die Nachfolge der Sowjetunion beziehungsweise Russlands als nächste grosse Raumfahrtmacht angetreten hat. 2019 hat China mit einer Landung auf der dunklen Seite des Mondes Aufsehen erregt, und vor wenigen Tagen markierte das Land mit Rover-Fotos Präsenz auf dem Mars.

Das nächste Rennen zum Mond ist lanciert

Zusammen mit Russland will China zudem auf dem Mond oder in der Umlaufbahn eine Forschungsstation aufbauen, wie die Raumfahrtagenturen der beiden Länder im April bekanntgaben. China plant auch, wieder Menschen zum Mond zu senden. Es zeichnet sich ein neues Rennen zum Mond ab, diesmal zwischen China und USA, mehr als fünfzig Jahre nach der letzten bemannten Mondlandung. Der neue US-Präsident Joe Biden sieht für 2022 bereits eine Erhöhung des Nasa-Budgets vor.

Damit kristallisieren sich im Weltall erneut die Fronten des Kalten Kriegs heraus – China und Russland auf der einen Seite, die westlichen Länder unter inoffizieller Führung der USA auf der anderen. Einst hatte es Hoffnung auf Entspannung gegeben: 1975 dockten ein sowjetisches und ein amerikanisches Raumfahrzeug aneinander an, ein Kosmonaut und ein Astronaut der verfeindeten Nationen gaben sich die Hand. Später arbeiteten Russland und die USA bei der ISS Hand in Hand. Doch als sich China an der ISS beteiligen wollte, sperrten sich die USA dagegen – und nun ist Russland voraussichtlich auch bald weg. Die Lösung weltlicher Konflikte findet sich offenbar doch nicht im All.