Psychologie
Zu viel Freizeit macht unglücklich

Zwei Stunden frei täglich wäre gut, aber es darf auch nicht zu viel sein. Entscheidend fürs Wohlbefinden ist aber nicht nur, wie viele freie Zeit wir haben, sondern auch, wie wir sie füllen.

Niklaus Salzmann
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Ungut ist, wenn bei viel freier Zeit ein Gefühl mangelnder Produktivität aufkommt.

Ungut ist, wenn bei viel freier Zeit ein Gefühl mangelnder Produktivität aufkommt.

Pixabay

Der Tag hat einfach zu wenig Stunden. Und am Ende ist es die Freizeit, die zu kurz kommt – die wenigsten können spontan eine Stunde früher Feierabend machen, um vor dem Abendessen eine Runde joggen zu gehen.

Mit ein bisschen mehr Freizeit ginge es uns besser, nehmen wir deshalb an. Doch stimmt das wirklich? Ein Forschungsteam um die Psychologin Marissa Sharif von der Universität Pennsylvania wollte es genau wissen. Das Team analysierte dazu die Antworten, die 35375 Amerikanerinnen und Amerikaner in zwei nationalen Umfragen zu diesem Thema gemacht hatten.

Tatsächlich bestätigte sich: Wer mehr Freizeit hat, ist glücklicher. Bis ungefähr zwei Stunden pro Tag. Dann aber verliert sich der Effekt, mit drei, vier Stunden Freizeit wird es nicht mehr besser. Wer über fünf Stunden frei hatte, war gemäss den Fragebogen sogar wieder weniger glücklich.

Produktiv oder sozial

Zu viel Freizeit? Das mag komisch klingen, ist aber ein Problem, das etwa Rentnerinnen und Rentnern begegnen kann. Das Forschungsteam untersuchte deshalb in einem Online-Experiment auch, wie der Effekt gelindert werden kann. Dazu mussten die Teilnehmenden sich vorstellen, täglich entweder dreieinhalb oder sieben Stunden Freizeit zu haben, und beschreiben, wie sie diese verbrachten.

Es zeigte sich, dass das Wohlbefinden unter einem Gefühl von mangelnder Produktivität leiden konnte. Zum Problem wird die viele Freizeit, wenn sie mit unproduktiven Tätigkeiten wie Fernsehen gucken gefüllt wird. Wer hingegen Sport treibt oder einem Hobby nachgeht, fühlt sich auch mit sieben freien Stunden noch ähnlich wohl. Ebenfalls empfehlenswert sind laut der Studie soziale Aktivitäten.

Erfasst wird nur die Arbeit

So wichtig freie Zeit für das Wohl des Menschen ist, sie kriegt in vielerlei Hinsicht wenig Aufmerksamkeit – oder dann nur in Zusammenhang mit Arbeit. Beispielsweise ist in der Psychologie gut erforscht, wie viele Pausen es fürs produktive Arbeiten braucht. In der Schweiz führt der Bund exakt Statistiken zur Arbeit, nicht aber zur Freizeit. Im Jahr 2020 leisteten die Vollzeit-Erwerbstätigen zum Beispiel jede Woche 47 Minuten nicht kompensierte Überzeit. Diese dürfte gut und gerne wegfallen. Aber den Traum vom Leben ohne Arbeit sollten wir aufgeben, es wäre nicht gut für unser Wohlbefinden.

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