Debatte
Pro und Kontra: Sommerzeit, Winterzeit – braucht es das Hin und Her?

Die Nacht auf Sonntag dauert eine Stunde länger: Wir stellen auf Winterzeit um. Am 26. März 2016 wird wieder eine Stunde geklaut – zurück auf Sommerzeit. Braucht es das? Pro: Toni Widmer, Redaktor. Kontra: Matthias Zehnder, Chefredaktor bz Basel.

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Winterzeit – Sommerzeit – Winterzeit – ... Braucht es dieses Hin und Her überhaupt?

Winterzeit – Sommerzeit – Winterzeit – ... Braucht es dieses Hin und Her überhaupt?

Keystone

Die Nacht auf den kommenden Sonntag dauert eine Stunde länger: Wir stellen auf Winterzeit um. Daran dürfte kaum jemand Anstoss nehmen. Bloss: Die Stunde wird uns wieder schlagen und die Zeit uns einholen - wenn wir am 26. März 2016 wieder auf Sommerzeit umstellen müssen. Das heutige Pro und Contra zum heurigen Abschied von der Sommerzeit.

PRO von Toni Widmer, Ressortleiter Freiamt

«Unabhängig von Zeit, kann der Hund zwei Cervelats fressen»

Toni Widmer, Ressortleiter Freiamt

Toni Widmer, Ressortleiter Freiamt

Nordwestschweiz

Vom anfänglichen Skeptiker zum absoluten Sommerzeit-Fan geworden, vor allem dank der langen Abende ohne Kunstlicht.

Alle Jahre wieder das gleiche Geschrei: Die Hunde hätten keinen Appetit, die Vögel würden nicht mehr pfeifen, Kühe den Bauern die Milch verweigern. «Die Natur steht Kopf», behaupten die Gegnerinnen und Gegner der Sommerzeit. Mit schöner Regelmässigkeit, zweimal pro Jahr. Im Frühling, wenn die Uhren eine Stunde vor-, und im Herbst, wenn sie wieder zurückgestellt werden.

Ich behaupte das Gegenteil. Unsere Hündin würde jeweils auch am Morgen nach der Zeitumstellung zwei Cervelats nacheinander fressen, sofern ich sie
ihr gäbe. Die Singvögel zwitschern im Gärtchen vor dem Schlafzimmer im Frühling jeweils genauso schön, nur beginnen sie nach meiner (vorgestellten) Uhr etwas später. Darauf, dass es den Krähen wegen der Umstellung auf Winterzeit für ein paar Tage die Sprache verschlägt, habe ich schon manchen Herbst vergebens gehofft. Bleibt das mit den Kühen: Ich habe die Schweizer Bauern noch nie über zu wenig Milch jammern gehört, über zu wenig Geld für die Milch jedoch schon.

Als die Sommerzeit im Frühling 1981 in der Schweiz erstmals umgesetzt wurde, gehörte ich zu den Skeptikern. In jener Samstagnacht hatten wir mit unserem Tanzmusik-Sextett einen Auftritt. Es gab mit dem Veranstalter eine lange Diskussion darüber, ob wir jetzt unsere Uhren schon um Mitternacht eine Stunde vorstellen durften oder erst nach dem Auftritt. Im ersten Fall wäre um zwei Uhr schon drei Uhr gewesen, und wir hätten eine Stunde der vertraglich vereinbarten Spielzeit eingespart. Wir haben uns damals mit dem Veranstalter geeinigt und bis um vier Uhr gespielt, weil dann effektiv erst drei Uhr war, im Herbst desselben Jahres das Ganze aber gekehrt: Um zwei Uhr war Feierabend, obwohl wir nach der Uhr hätten bis um drei Uhr spielen müssen.

Mittlerweile bin ich zum absoluten Sommerzeit-Fan geworden. Ich kann es im Frühling jeweils kaum erwarten, bis die Abende endlich wieder länger werden. Was gibt es Schöneres, als nach einem strengen Arbeitstag noch etwas länger ohne künst liches Licht draussen zu sitzen, oder in den Ferien am Strand die freien Abende so richtig lang geniessen zu können. Ich mag die Sommerzeit. Und unsere Parson-Russel-Hündin mag sie auch. Mit und ohne Cervelat.

CONTRA von Matthias Zehnder, Chefredaktor bz Basel

«Die Sommerzeit führt bloss zu schlechteren Schulnoten»

Matthias Zehnder, Chefredaktor bz Basel

Matthias Zehnder, Chefredaktor bz Basel

Nordwestschweiz

Bei Lichte besehen hat die Sommerzeit nur Nachteile. Die Schweiz hat sie deshalb in einer Volksabstimmung abgelehnt.

Warum eigentlich kennen wir die Sommerzeit? Warum kurbeln wir zweimal im Jahr an unseren Uhren und machen Kinder, Katzen und Kühe verrückt? Es gibt zwei gängige Begründungen: Um Energie zu sparen. Und: Damit der Tag länger hell ist und wir in der Freizeit mehr Sonne geniessen können.

Alles falsch. In einer Antwort auf eine Motion von Yvette Estermann schrieb der Bundesrat 2010: «Die Sommerzeit wurde in der Schweiz nicht eingeführt, um Energie zu sparen, sondern um eine Übereinstimmung der Zeitregelung unseres Landes mit derjenigen benachbarter Länder erreichen zu können.»

In der Tat: In den Sommermonaten des Jahres 1980 war die Schweiz zu einer «Zeitinsel» geworden, weil sie im Gegensatz zu den Nachbarstaaten und weiteren europäischen Staaten keine Sommerzeit eingeführt hatte. Obwohl das Schweizer Volk die Einführung der Sommerzeit in einer Volksabstimmung 1978 deutlich verworfen hatte, sah sich das Parlament gezwungen, die Sommerzeit 1981 trotzdem einzuführen. Die Nachteile im Umgang mit dem europäischen Ausland waren zu gross. Der Bundesrat schreibt: Die «verkehrsorganisatorischen und volkswirtschaftlichen Nachteile einer von den Nachbarstaaten abweichenden Zeitregelung» seien riesig. Die Sommerzeit ist damit ein schönes Beispiel dafür, wie abhängige die Schweiz von Europa ist.

So oder so ist das Kurbeln an den Uhren ein Blödsinn. Es bringt nichts, es lässt sich damit übrigens auch keine Energie sparen. Das Vorstellen der Uhr im Frühling vergrössert aber in einem entscheidenden Punkt den Gap zwischen Wünschbarem und Realität: Die Schule fängt noch früher an. Verschiedene Studien zeigen, dass Teenagerhirne vor neun Uhr einfach nicht funktionieren. Die biologischen Rhythmen von Adoleszenten ticken anders, sie sind später wach. Der Sommerzeit wegen müssen sie ein halbes Jahr lang noch früher zur Schule, als ihrer biologischen Uhr zuträglich wäre. Mit verheerendem Resultat für die Noten von Frühprüfungen. Kurz: Die Sommerzeit führt bloss zu schlechteren Schulnoten.

Also: weg mit der Sommerzeit. Bloss ist Bern dafür die falsche Adresse. Das muss schon Brüssel richten. Und dafür müsste die Schweiz in Europa mitreden können, sonst wird sie wieder zu einer Zeitinsel.