Sexualität
Porno-Produzentin Blakovich: «Alles, was Geld bringt, findet Mutter gut»

Im Interview mit der «Nordwestschweiz» erklärt die Porno-Produzentin Syd Blakovich, warum sie keine Scham kennt, wie ihre Familie mit ihrem Beruf umgeht und sie trotzdem nicht Ärztin wurde.

Lorenzo Berardelli
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Porno-Produzentin Syd Blakovich: «Vor der Kamera ist der Sex immer anders, da die Kamera dich beeinflusst, wie du dich bewegst und verhältst.»

Porno-Produzentin Syd Blakovich: «Vor der Kamera ist der Sex immer anders, da die Kamera dich beeinflusst, wie du dich bewegst und verhältst.»

Keystone

Heute startet in Zürich das Filmkunstfestival Porny Days, an dem Sie auch teilnehmen. Warum sollen es die Schweizer besuchen?
Ein vielschichtiges Festival, wie es die Porny Days sind, passt zu der Internationalität der Schweiz. Wenn Sie eine fixe Vorstellung haben, was Pornografie ist, dann lade ich Sie gerne ein, zu kommen, und fordere Ihre fixe Vorstellung heraus. Pornografie ist nicht das, was Sie denken, was es ist.

Was lernen wir an den Porny Days?
Die Porny Days geben Ihnen eine Auswahl von verschiedenen Filmen. Sie behandeln Sexualität, Liebe, Gender, Körperlichkeit und Pornografie. Also wenn Sie jemand sind, der nur gerne Hardcorepornos schaut, dürfen Sie gerne zu Hause bleiben. Aber wenn Sie Ihr Verständnis erweitern möchten, was das Genre ist und was es alles kann, dann kommen Sie vorbei.

Sie stehen auf Frauen und haben lange selber als Darstellerin in «QueerPornos», also Sexfilmen für homo-, bi- und transsexuelle, gearbeitet, jetzt stehen Sie hinter der Kamera. Warum dieser Wandel?
Es ist auch als talentierte Darstellerin nicht einfach, über die Runden zu kommen. Entweder braucht man noch andere Jobs oder man brennt aus. Also habe ich mein eigenes Geschäft aufgebaut, was viel Zeit braucht. Zudem habe ich geheiratet – meine Frau ist Schweizerin.

Wie sind Sie in die Pornobranche gekommen?
Für mich hatte es sehr viel mit meinem Coming-out als Lesbe zu tun. Dadurch wurde ich ein anderer Mensch und warf die Pläne meiner Eltern, Ärztin zu werden, über den Haufen. Ich entschloss mich, Kunst zu machen und lernte viele homosexuelle Künstler kennen, die ihre Inspiration in der Pornografie fanden. Für gewöhnlich war Homosexualität tabu. Doch die Pornografie war einer der wenigen Orte, wo Homosexualität gefeiert wurde. Deshalb begann ich mich dafür zu interessieren und wurde selber zur Darstellerin.

Porny Days

Die Porny Days finden vom 27. bis 29. November im Kino Riffraff in Zürich statt.

Ist Pornografie Kunst?
Kunst ist für mich nicht nur etwas, das den Verstand, sondern auch den Körper stimulieren sollte. Auch Pornografie kann Kunst sein. Ich mag Kunst, die wie ein Schlag ins Gesicht ist und eine Reaktion von einem verlangt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns zu fest auf Kunst fixieren, die nur zu einem gewissen Grad geht (sie zeigt mit ihrer Hand auf Brusthöhe) und nicht bis hier hin (sie zeigt über ihren Kopf hinweg). Ich mag die ganze Bandbreite.

Doch wie war genau Ihr Schritt von der Theorie zur Praxis?
Bereits als ich meine Fotoabschlussarbeit machte, war es für mich natürlich, wie meine Models, nackt vor der Linse zu stehen. Auch wenn ich nicht von Hippies erzogen wurde, spürte ich keine Scham. Zudem war es einfach für mich, vor die Kamera zu stehen, in einem Team, wo alle meine Freunde waren. Meinen ersten Dreh machte ich zusammen mit einer Freundin – ein Wrestling-Sex-Video bei einer Mainstream-Firma.

Wie reagierte Ihre Familie?
Mein Vater meinte nur, ob ich nicht denke, dass dies entwürdigend für Frauen sei. Ich lachte ihn nur aus. Ich wusste, dass er selber Porno-Magazine hatte. Für mich war es Spass, gutes Geld und die Leute, mit denen ich arbeitete, waren sehr höflich und professionell. Meine Mutter ist eine Geschäftsfrau. Alles, was Geld bringt, sah sie als gut an. Mein Coming-out als Lesbe war für sie viel schwieriger. Sie war sehr religiös. Geldmachen ist im kapitalistischen Amerika in Ordnung, doch meine sexuelle Orientierung war für sie schwer zu verdauen.

Wie viele Filme haben Sie gemacht?
Wir werden im Sommer mit «Snapshot» die Premiere unseres fünften Langfilms feiern. Daneben haben wir etliche Kurzfilme und Webserien produziert. Als explizite Darstellerin habe ich in etwa 20 bis 50 Produktionen mitgewirkt.

Kam es vor, dass Sie sich während des Drehs in jemanden verliebt haben?
Für gewöhnlich war es andersrum. Ich verliebte mich in Frauen und dann fragte ich sie, ob sie Lust auf einen Dreh mit mir hätten. Authentische Videos sind sehr erfolgreich. Der Nachteil: Wenn du mit jemandem Schluss machst, gibt es immer noch ein Video mit der Ex im Internet – und dieses wird dann fälschlicherweise unsterblich.

Wenn ich Bäcker wäre und den ganzen Tag Brötchen backen müsste, hätte ich am Abend keine Lust mehr, zu Hause weiterzubacken. Wie war es bei Ihnen?
Vielleicht bin ich eine ungewöhnliche Person. Für mich gibt es gewisse Dinge im Leben, von denen ich nie genug kriegen kann. Sex ist eines davon. Ich bin allenfalls eine Ausnahme der Regel. Falls ich Backen lieben würde, würde ich wahrscheinlich auch abends noch Kuchen backen. Vor der Kamera ist der Sex aber immer anders, da die Kamera dich beeinflusst, wie du dich bewegst und verhältst.

Wie beeinflusst Ihr ehemaliges Leben als explizite Darstellerin Ihr aktuelles Sexleben mit Ihrer Frau?
Heute habe ich Grenzen um mein Privatleben herum. Ich würde meine Frau nie zu einem Dreh mitbringen. Sie denken vielleicht, man könnte jemandem eine Technik zeigen. Also man kann all diese verrückten Moves lernen und wenn sie auf Video zu sehen sind, ist das auch oft beeindruckend. Aber im realen Leben kommt es beim Sex nicht auf die Technik an, sondern viel mehr auf die Verbindung.

Was sind die grössten Vorurteile gegenüber Pornografie?
Es sei eine grosse Party, doch es ist keine. Stattdessen geht es sehr professionell zu und her. Ein weiteres Vorurteil ist, dass die Darsteller irgendwie psychisch angeknackst, seelisch verletzt, missbraucht oder krank seien. Das stimmt überhaupt nicht. Nur wenn jemand Sex und Sexualität anders anschaut, als jemand anderes, heisst das nicht, dass man krank oder amoralisch ist.

Warum konsumieren vor allem Männer Pornos?
Pornografie wurde bisher vor allem von und für Männer gemacht. Ich habe aber das Gefühl, dass es viele Frauen gibt, die an Pornografie interessiert sind, jedoch nicht finden, was für sie passen würden.

Was würden Sie gerne in der Branche ändern?
Ich würde gerne mehr unterschiedliche Produzenten mit den verschiedensten Hintergründen sehen – nicht nur mehr Frauen, sondern unterschiedliche Repräsentationen von sexuellen Orientierungen und von überall aus der Welt. Es wäre spannend, zu sehen, wie sich die Konsumentenbasis verändern würde.

Wie denken Sie, dass sich die Porno-Industrie weiterentwickeln wird?
Die Branche steckt in einer Sackgasse. Die meisten Technologien sind der Erwachsenenindustrie nicht zugänglich. Man kann auf Facebook keine Nacktbilder posten. App Stores erlauben es nicht, Apps für die Erwachsenenbranche anzubieten. Wenn man Pornos im Stile vom Apple Store kaufen könnte, würde es die Internet-Piraterie zwar nicht eliminieren, jedoch würde es wie bei der Musik genutzt werden. Es ist bequem mittels Knopfdruck zu bekommen, was man möchte. Jemand müsste eine Plattform für uns erschaffen.

Was meinen Sie zu Virtual Reality?
Sie ist grossartig. Sobald eine neue Filmtechnologie erfunden wird, wird es sogleich bei Sexfilmen angewandt. Virtual Reality sehe ich als einen der Wege, welchen die Pornografie einschlagen wird. Und zwar aus dem Grund, weil es Leuten die Möglichkeit bietet, ein neues Geschäft zu eröffnen.

Sie machen Queer-Pornos. Haben Sie keine Konkurrenzprobleme mit den Mainstream-Firmen?
Nein, da wir mit unserem Angebot eine Nische ausfüllen, müssen wir nicht mit anderen konkurrieren, sondern können Kooperationen mit der einen oder anderen Firma vorantreiben.

Werden Ihre Filme nur von homosexuellen Personen geschaut?
Ich denke, dass es durchmischt ist und auch ein grosser Teil von unseren Zuschauern Heterosexuelle sind.