Polarforschung
Sensationelle Entdeckung: In der Todeszone unter dem antarktischen Eis leben Tiere

Auf einem Felsblock unter einer 900 Meter dicken Eisschicht stiess ein Forschungsteam auf Schwämme und andere Lebewesen, die nach der gängigen Theorie dort gar nicht vorkommen könnten.

Niklaus Salzmann
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Das Forschungsteam lässt eine Kamera ins Loch in der 900-Meter-Eisschicht. (Das Tier im Bild hat nichts mit der Entdeckung zu tun.)

Das Forschungsteam lässt eine Kamera ins Loch in der 900-Meter-Eisschicht. (Das Tier im Bild hat nichts mit der Entdeckung zu tun.)

Bild: Huw Griffiths/ British Antarctic Survey

Ohne Licht kein Leben. Nur wo die Sonne hin scheint, können Pflanzen gedeihen, die dann wiederum von Tieren gefressen werden und so die ganze Nahrungskette erst ermöglichen. Zwar leben auch in der stockdunklen Tiefsee Fische und andere Tiere. Aber auch sie sind darauf angewiesen, dass in den obersten, lichtdurchfluteten Wasserschichten Algen wachsen, die nach ihrem Absterben nach unten sinken.

Dort, wo das Meer ganzjährig von dickem Eis bedeckt ist, wachsen hingegen keine Pflanzen. Darunter kann sich gelegentlich ein Fisch oder eine Qualle verirren, aber unbewegliche Tiere wie Schwämme sollten da eigentlich keine zu finden sein. Umso grösser das Erstaunen eines internationalen Forschungsteams, das in der Antarktis unter einer 900 Meter dicken Eisschicht am Meeresboden Sedimentproben nehmen wollte und dort auf einen von sesshaften Tieren besiedelten Felsblock stiess. Nebst Schwämmen seien da möglicherweise auch verschiedene noch unbekannte Arten zu finden, heisst es in der Medienmitteilung. Der grösste Schwamm war rund 9 Zentimeter lang.

Stockfinster und unter null Grad

Das Wasser ist stockdunkel und minus zwei Grad kalt (der Gefrierpunkt von Salzwasser liegt unter null Grad). Das offene Meer liegt 260 Kilometer entfernt – und die Strömung geht in die falsche Richtung. Wovon ernähren sich also die dort lebenden Tiere? Darauf hat das Forschungsteam noch keine klare Antwort. «Unsere Entdeckung wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet», sagt der Erstautor der Studie, der Biogeograf Huw Griffiths von der British Antarctic Survey, laut Medienmitteilung.

Unter den Lebewesen auf dem Felsbrocken könnten sogar bislang unbekannte Tierarten sein.

Unter den Lebewesen auf dem Felsbrocken könnten sogar bislang unbekannte Tierarten sein.

Bild: Huw Griffiths/ British Antarctic Survey

In der Studie, die am Montag in der Fachzeitschrift «Frontiers in Marine Science» publiziert wurde, nennt das Autorenteam aber einige mögliche Nahrungsquellen. So könnte es sich bei einem Teil der gefundenen Lebewesen um fleischfressende Schwämme handeln, die sich von vorbeischwimmenden Tierchen ernähren.

Pflanzliche Nährstoffe können ins Meer gelangen, wenn unter dem Eis Wasser vom Land her einströmt. Auch die Eisschicht selber enthält Nährstoffe, die beim Schmelzen ins Meerwasser gelangen. In der Region um das Bohrloch schmelze aber nur sehr wenig Eis, heisst es in der Studie. Trotzdem vermutet das Autorenteam, dass der knapp ein Meter grosse Felsblock zuvor im Eis steckte und an der Fundstelle herausgeschmolzen ist. Der Meeresboden ist in dieser Region sonst von feinkörnigen Sedimenten und kieselsteingrossen Bruchstücken bedeckt.

Die Entdeckung wackelt an den Grundlagen anderer Studien

In einem zweiten Bohrloch konnte das Team einen einzelnen Schwamm auf einem kleineren Stein entdecken, kam aber mit der Kamera nicht nah genug heran für genauere Untersuchungen. In weiteren Bohrlöchern, die zum Teil viel näher am offenen Meer lagen, fanden sich keine Spuren von Leben.

Die Erforschung der Lebensräume unter dem Eis steht noch ganz am Anfang. Die neue Entdeckung deutet aber darauf hin, dass das Nahrungsangebot reicher sein könnte, als bisher vermutet. Das stellt wiederum Erkenntnisse aus anderen Forschungsgebieten in Frage. Denn üblicherweise wird anhand der Fossilien in den Sedimenten darauf geschlossen, wo das Meer in früheren Zeiten von Eis bedeckt war und wo nicht.