Martin Ackermann

Neuer Taskforce-Chef: «100 Infektionen pro Tag sind in Ordnung, aber der Aufwand wird immer grösser»

Martin Ackermann gestern in Bern vor einer Sitzung mit dem BAG.

Martin Ackermann gestern in Bern vor einer Sitzung mit dem BAG.

Martin Ackermann, der neue Präsident der Covid-19-Taskforce, redet in seinem ersten grossen Interview, über Clubs, Reisen und die Probleme beim Contact-Tracing. Das drängendste Problem scheint nicht lösbar: Die Registrierung von Rückkehrern aus Risikoländern an der Grenze.

Seit Ende März lässt sich der Bundesrat wissenschaftlich durch die Pandemie begleiten: Der damals gegründeten Swiss National Covid-19 Taskforce gehören rund 70 Forscherinnen und Forscher mit zehn Expertengruppen von allen Hochschulen an. Einige von ihnen wie Marcel Salathé, Marcel Tanner und der Präsident Matthias ­Egger stehen seither regelmässig im Rampenlicht. Sie haben den Bundesrat verschiedentlich offen kritisiert.

Nun tritt Präsident Egger zurück, bleibt aber Mitglied einer Expertengruppe. Das Amt übernimmt ab 1. August Martin Ackermann. Er war Vizepräsident, trat aber selten auf. Nun gibt er gegenüber der CH Media sein erstes grosses Interview.

Ackermann ist an der ETH Zürich Professor für Mikrobiologie und am Wasserforschungsinstitut Eawag Leiter der Abteilung Umweltmikrobiologie. Er ist 49 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau und zwei schulpflichtigen Kindern in Zürich.

Hat Sie der Abgang von Matthias Egger überrascht?

Martin Ackermann: Nein, gar nicht. Zwischen Matthias und mir war es laufend ein Thema, wie er Leiter der Taskforce und gleichzeitig Chef des Schweizerischen Nationalfonds sein kann. Es ist für die Forschungslandschaft wichtig, dass er sich dieser Rolle wieder voll zuwenden kann. Deshalb war sein Abgang ein naheliegender Schritt.

Matthias Egger tritt als Leiter der Covid-19-Taskforce Ende Juli ab.

Matthias Egger tritt als Leiter der Covid-19-Taskforce Ende Juli ab.

Sie haben auch keine unwichtige Aufgabe an der ETH...

Für mich ist dies auch eine Herausforderung, aber es ist für mich sicher einfacher als für Matthias Egger. Es war von Anfang an klar, dass er das Präsidium für eine gewisse Zeit machen kann. Ich finde, er war die perfekte Person, um die Taskforce zu starten. Vom Nationalfonds her hatte er eine sehr gute Übersicht darüber, wer in der Schweiz an was forscht. Er sorgte dafür, dass die Taskforce schnell in die Gänge kam.

Der scheidende Präsident äusserte seine Meinung dezidiert. Zum Beispiel als der Bund zögerte, im ÖV die Maskenpflicht einzuführen. Letzte Woche sagte er, dass die Zahl der heruntergeladenen Covid-Apps miserabel tief sei. Werden Sie diesen Kurs fortführen?

Ich finde es essenziell, eine unabhängige und starke Stimme der Wissenschaft in dieser Krise zu haben. Den Beitrag von Matthias Egger fand ich sehr konstruktiv und wertvoll. Ich selber werde dies aber anders handhaben: Wir werden in den Medien zu den verschiedenen Themen vermehrt die Expertinnen und Experten der Taskforce zu Wort kommen lassen. Ich werde die Gesamtsicht vertreten.

Egger ist Epidemiologe. Sie sind Mikrobiologe. Können Sie die Pandemie ebenso gut einschätzen?

Ich kann nicht die epidemiologische Perspektive einnehmen. Aus meiner Sicht muss die Leitung der Taskforce aber nicht aus der Epidemiologie kommen. Denn die Covid-19-Krise betrifft alle Aspekte unseres Lebens. Deshalb braucht es die Wissenschaft aus allen Disziplinen.

Was muss am drängendsten angepackt werden?

Erstens, eine gute Kommunikation mit der Bevölkerung ist extrem wichtig. Denn erst dann wirken die Massnahmen. Das BAG und die Kommunikationsagenturen mit ihren Plakaten und Informationsfilmen werden weiterhin eine grosse Rolle spielen. Zweitens ist es wichtig, gute Daten über die Epidemie in der Schweiz zu haben. Viele Akteure sind daran, sie zu sammeln  – denn es ist zentral zu wissen, in welchen Situationen die Ansteckungen stattfinden.

Eine gute Kommunikation mit der Bevölkerung ist ihm wichtig: Martin Ackermann.

Eine gute Kommunikation mit der Bevölkerung ist ihm wichtig: Martin Ackermann.

Meinen Sie die Covid-App oder die Contact-Tracer?

Beide. Contact-Tracer finden heraus, wer sich wahrscheinlich wo angesteckt hat. Die Covid-­App hat ein grosses Potenzial, aber deren Wirksamkeit muss erst noch überprüft werden. Beispielsweise wie viele der benachrichtigten Leute tatsächlich infiziert worden sind.

Solange nicht mehr Leute die App installieren, muss man es als gescheitertes Element der Pandemie-Bekämpfung bezeichnen. Oder sehen Sie das anders?

Die Tracing-App ist ein wichtiges Element unter allen Dingen, die wir ausprobieren im Kampf gegen die Epidemie. Nun muss man die nächste Gruppe von Leuten erreichen und sie von der App überzeugen können.

Auch die Handhabe der Contact-Tracer ist noch recht beschränkt. Zwar könnten die Kantone mit bis zu 10000 Franken büssen, wer sich nicht an die Quarantäne hält. Aber anderseits werden keine Videocalls gemacht, um das auch zu überprüfen. Müsste die Kontrolle verschärft werden?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es wichtig, dass sich die Leute an die Quarantäne halten. Aber wie man dies sicherstellt, ist ein politischer Entscheid.

Ist das auch Ihre Haltung bezüglich der Clubs?

In Innenräumen, in den sich viele Leute aufhalten, die keine festen Sitzplätze haben, ist die Ansteckungswahrscheinlichkeit besonders hoch. Und wenn es Ansteckungen gibt, müssen alle damals Anwesenden in Quarantäne – das wissen wir aus epidemiologischer Sicht. Was man mit diesem Wissen macht, ist eine politische Entscheidung.

Ihr Vorgänger sagte, die Leute sollten den Clubs fernbleiben.

Die Situation ändert sich ständig. In der Schweiz war die Situation zu gewissen Zeiten so gut, dass man die Clubs öffnete. Vor zwei Wochen hat die Taskforce darauf hingewiesen, dass die Fallzahlen steigen. Das war der Kontext dieser Aussage. Ausserdem können sich Mitglieder immer persönlich detaillierter äussern, wie das Herr Egger gemacht hat.

Wie risikoreich schätzen Sie die Sommerferien ein?

Im Moment haben wir zu wenig Informationen darüber, wie viele Leute aus den Risikoländern in die Schweiz einreisen. Und wie viele sich freiwillig melden.

Sollten die Einreisenden am Flughafen und der Grenze abgefangen und registriert werden?

Diese Informationen wären in der Tat sehr wertvoll. Doch wir haben das an einer Sitzung am Dienstag eingehend diskutiert und kamen zum Schluss, dass eine solche Kontrolle der Masse im Grenzverkehr auf der Schiene und der Strasse nicht realistisch ist. Und es stellt sich auch die Frage, ob die Bevölkerung so ein Vorgehen mittragen würde. Nun muss sich auf jeden Fall die Kommunikation verbessern: Die Leute müssen sich bewusst werden, dass Sie selber ein Risiko eingehen, wenn sie in Risikoländer verreisen.

«Die Leute müssen sich bewusst werden, dass Sie selber ein Risiko eingehen, wenn sie in Risikoländer verreisen», sagt Martin Ackermann.

«Die Leute müssen sich bewusst werden, dass Sie selber ein Risiko eingehen, wenn sie in Risikoländer verreisen», sagt Martin Ackermann.

Der Pandemie-Pulsmesser ist die tägliche Fallzahl – warten Sie noch täglich darauf?

Ja, die schaue ich jeden Tag an. Die Schweiz hat es geschafft, die Fallzahlen auf ein tiefes Niveau zu bringen. Das ist viel wert. Nun müssen wir es halten.

Das neue Plateau mit rund 100 neuen Fällen pro Tag ist also akzeptabel?

Ja, das ist in Ordnung. Aber je höher die Fallzahlen, desto höher wird der Aufwand, sie konstant zu halten und das exponentielle Wachstum zu verhindern. Das wird zu wenig diskutiert. Dabei kann es sein, dass das Contact-Tracing wieder an den Anschlag kommt. Dann müsste man wieder andere Massnahmen durchsetzen, welche auf die Wirtschaft und die Leute grosse Auswirkungen haben.

Kann man sich irgendwo etwas zurücklehnen?

Wir wissen viel mehr über das Virus, die Übertragungswege, die Masken, das Social Distancing. Wir können uns nicht zurücklehnen, aber das gibt uns mehr Sicherheit.

Gilt das auch bezüglich der Kinder-Frage? Viele Kinder gehen nun zu den Grosseltern in die Ferien.

Die Frage ist immer noch heikel. Kinder erkranken erwiesenermassen weniger und übertragen die Krankheit seltener. Aber es kommt vor. Bezüglich einer Empfehlung passe ich.

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