Musterknaben
Sie kicken sauber – aber noch sauberer hinterlassen Japans Fussballer die Mannschaftskabine

An der Fussball-WM in Katar fiel die japanische Mannschaft nicht nur durch das 2:1 gegen Deutschland auf, sondern auch, weil sie nach dem Spiel die Kabine super aufgeräumt hinterlassen. Das hat auch religiöse Gründe.

Felix Lill, Tokio
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Die japanische Nationalmannschaft hinterlässt nach dem WM-Spiel in Katar ihre Kabine extrem ordentlich aufgeräumt.

Die japanische Nationalmannschaft hinterlässt nach dem WM-Spiel in Katar ihre Kabine extrem ordentlich aufgeräumt.

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Es war ein Bild, das sogar diejenigen begeisterte, die sich für Fussball nicht begeistern können: Eine blitzblankgeputzte Kabine, aufgenommen nicht vor dem Spiel, sondern danach, und das auch noch nach einem heroisch erkämpften Sieg, der viel Grund zum Feiern gegeben hatte. Bei der seit eineinhalb Wochen laufenden Fussball-WM der Männer hatte Japan sein erstes Gruppenspiel nach einem frühen Rückstand noch 2:1 gegen Deutschland gewonnen. Aber die Kabine sah eben nicht aus wie das Schlachtfeld nach einer Siegesfeier. Im Gegenteil.

Das Foto, das die Putzkolonne im Gastgeberland Katar aufgenommen hatte, markierte insofern eine Sensation, weil sie offenbar ein japanisches Alleinstellungsmerkmal dokumentiert hat. Von keinem anderen Land wird berichtet, dass dessen Nationalmannschaft ihre Kabine derart geordnet hinterlässt. Neu sind die Bilder aber nicht: Bei jeder Weltmeisterschaft sieht die japanische Kabine nach einem Spiel sehr ordentlich aus.

Vielleicht sind die Götter ja dann auch dem Fussballteam gut gesinnt: Fans räumen die Tribüne auf nach dem Spiel gegen Costa Rica am 27. November.

Vielleicht sind die Götter ja dann auch dem Fussballteam gut gesinnt: Fans räumen die Tribüne auf nach dem Spiel gegen Costa Rica am 27. November.

Fabio Ferrari / Imago

Wenn die japanische Mannschaft am Donnerstag gegen Spanien um den Einzug in den Achtelfinal kämpft, dürften die Putzkräfte der WM den Japanern die Daumen drücken. Sollten die «Samurai Blue», wie sich die japanische Auswahl im Bezug auf ihre blauen Trikots auch nennen, dagegen mit dem Ende der Gruppenphase aus dem Turnier ausscheiden, dürften sie immerhin ein letztes Mal die Welt mit ihrer Liebe zu Ordnung und Sauberkeit entzücken.

Wenn schon kein Pokal, dann doch den Fairplay-Preis

Teilweise geht es hier um eine Art von Patriotismus, der über das blosse Siegen hinausgeht. Denn der Wunsch, im Ausland einen positiven Eindruck von der eigenen Kultur zu hinterlassen, ist in Japan wohl stärker ausgeprägt als in vielen anderen Ländern. So prangen im japanischen Fussballmuseum in der Tokioter Innenstadt auch nicht nur mehrere Fussballtrophäen sowie Hinweise auf die WM 2002 im eigenen Land. Mit ebenso viel Stolz wird dort ausgestellt, dass japanische Mannschaft häufig den Fairplay-Preis gewinnen. Die Botschaft: Japan steht für Regeltreue und Respekt.

Etwas Ähnliches steckt hinter den ständig sauberen Kabinen nach der Nutzung durch japanische Athleten. Während im Vordergrund der Respekt gegenüber den Gastgebern steht, ist es kein Zufall, dass dieser auch in Ordnung und Sauberkeit ihren Ausdruck findet. Es handelt sich nämlich um wichtige Tugenden im ostasiatischen Land. So beobachtet man auch bei japanischen Fussballfans im In- und Ausland, wie sie die von ihnen besetzten Teile der Tribüne nach dem Spiel aufräumen, ehe sie das Stadion verlassen.

Ihre Sauberkeit ist religiös begründet

Der Ursprung liegt vermutlich in der japanischen Urreligion Shinto, die auf Sauberkeit viel Wert legt. Vor dem Besuch in einem Schrein wäscht man sich die Hände, teils auch den Mund, um für den Besuch bei den Göttern, die von den Schreinen bewohnt werden, möglichst reinlich zu sein. Das japanische Wort «kirei» bedeutet sowohl schön als auch sauber. Daher verwundert kaum, dass das Strassenbild japanischer Städte im Vergleich zu anderen Ländern meist sehr sauber und ordentlich ist.

Praktisch niemand wirft seinen Müll auf den Boden, in grösseren Städten kehren Putzkolonnen nächtlich die Strasse. In der Schule lernt der Nachwuchs auch nicht nur Mathematik, japanische Schriftzeichen und Geschichte, sondern ausserdem das korrekte Kehren des Bodens und andere Grundregeln des Putzens. Den eigenen Dreck zu entfernen, gilt hier nicht vor allem als lästige Aufgabe, die man lieber anderen überlässt, sondern als Teil der eigenen Verantwortung.

Die Ordnung ist inzwischen ein Export-Produkt

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch erklären, warum die japanische Gesellschaft mit der Buchautorin Marie Kondo über die vergangenen Jahre eine Art Superstar des Aufräumens hervorbrachte. Kondo brachte die Ordnung und das Aufräumen mit einer Grundidee des Shinto zusammen: Die Wertschätzung für alles – nicht nur Menschen, sondern auch Gebrauchsgegenstände, die einem dienlich sind. Selbst Gegenstände verdienen demnach gute Behandlung. Kondo wurde damit weltberühmt, formulierte eigentlich aber eine japanische Banalität.

So ist es in Japan kaum eine Schlagzeile wert, dass die heimische Nationalmannschaft im Ausland Kabinen säubert. Eher überrascht die Begeisterung aus der ganzen Welt, die sich offenbart, wie untypisch diese japanische Praxis ist. Wobei das nicht so bleiben muss: Als Japans Mannschaft und Fans bei der WM in Russland vor vier Jahren schon einmal positiv auffielen, fanden sie bald Nachahmer.

Zumindest von Fans aus Senegal, Uruguay und Saudi-Arabien wurde damals nach WM-Begegnungen berichtet, wie auch diese ihren Müll selbst wegräumten. Das könnte sich diesmal wiederholen. Je weiter Japan im Turnier kommt, desto mehr Menschen aus anderen Ländern könnten von sauberen Kabinen und Tribünen inspiriert werden.