Mit B-Seiten gegen Wegwerfmentalität

Sechs Jahre nach «Neon Golden» legen The Notwist den Nachfolger «The Devil, You + Me» vor. Eine neue Platte, das bedeutet für die bayrische Band konservativ: Ein Werk schaffen, einen Punkt in der Geschichte markieren, eine Zäsur setzen.

Martin Büsser
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In fortlaufender Bewegung: The Notwist sind stets wandelbar und damit jeweils auf der Höhe der Zeit. (Bild: Poolbar)

In fortlaufender Bewegung: The Notwist sind stets wandelbar und damit jeweils auf der Höhe der Zeit. (Bild: Poolbar)

Die Aufnahmen zu «Neon Golden» hatte Jörg Albrecht im Studio filmisch begleitet. Sein preisgekrönter Dokumentarfilm «On/Off The Record» (2002) macht deutlich, mit wie viel Akribie die Gruppe im Studio vorgeht. Man fühlt sich an Godards Klassiker «Sympathy For The Devil» (1968) über die Entstehung jenes Songs der Rolling Stones erinnert. Beide Filme vermitteln das Gefühl, dass hier Geschichte geschrieben wird.

Aber ist es 2008 noch zeitgemäss, über neue Tonträger so zu schreiben, als ob danach die Uhren neu gestellt werden müssen? Ist Musik nicht zum Wegwerfprodukt geworden, heute veröffentlicht, morgen vergessen? Genau gegen diese Haltung arbeiten die aus Weilheim stammenden Acher-Brüder an, sei es, dass sie in zahllosen Nebenprojekten schön gestaltete Platten in Siebdruckcover veröffentlichen, sei es, dass sie mit ihrer Stammband The Notwist an perfekt arrangierten Popsongs arbeiten.

Bestechend einfach

Das neue Werk «The Devil, You + Me» ist geradezu eingängig geworden, voller einschmiegsamer Melodien und ohne ausufernde Improvisationen, kaum eine Nummer ist länger als drei Minuten geraten. Doch darin besteht die Kunst von The Notwist: Ihre Musik wirkt bestechend einfach, an keiner Stelle überladen. Erst wenn man genau hinhört, verblüffen all die Details, wegen derer die Band so lange im Studio getüftelt hat. Sämtlicher Zusatz klingt weder nach Ornament noch nach Ballast, sondern unterstreicht die Klarheit der einprägsamen Songs.

Die 1989 unter Grunge-Einfluss gegründeten Notwist haben wie kaum eine andere deutsche Band Musikgeschichte mitgeschrieben. In den Neunzigern waren sie die einzige deutsche Band, die an den sogenannten Post-Rock andockte, den von Jazz beeinflussten Chicago-Sound ? la Tortoise. «Neon Golden» schaffte schliesslich den Anschluss an die grossen romantischen Prog-Pop-Entwürfe von Radiohead oder Sigur Ros. Gesungen wurde stets auf Englisch, denn The Notwist haben sich nie als genuin deutsche Musiker empfunden. Inzwischen verkauft die Band aus der bayrischen Provinz mehr Tonträger in Grossbritannien als im eigenen Land.

Anachronistischer Trotz

Bleibt eine Band, die so viel Wert auf Werkbewusstsein legt, von der Krise der Musikindustrie verschont? The Notwist wissen es selbst noch nicht. Bereits tauchte die komplette CD als Download im Netz auf. «Jetzt stellt sich die Frage», so Markus Acher, «ob sich die Leute, die Notwist mögen, das aus dem Netz ziehen. Aber egal, was passiert: Wir reagieren auf so etwas mit Trotz. CD und LP sollen sehr schön werden, entgegen dieser Wegwerfmentalität.» Doch dann kommen ihm Zweifel: «Vielleicht nehmen viele Leute Musik gar nicht mehr so wahr wie wir selbst. Wir denken ja noch in B-Seiten, total anachronistisch!»

Vor einigen Jahren hat die Band ein Angebot von Vodafone abgelehnt, die eines ihrer Stücke als Werbejingle verwenden wollte. Es ging um viel Geld. «Nicht unsere Zielgruppe!», hatte Acher lakonisch geantwortet. Künstlerische Selbstbestimmung ist der Band bis heute wichtig; Perfektionismus und Punk-Haltung müssen sich nicht ausschliessen.

The Notwist: «The Devil, You + Me», City Slang/TBA.