Gesellschaft
Mann oh Mann, die neue Problemzone in den Ladenregalen

Den Frauen kann man mit Büchern fast nichts mehr raten. Also endecken die Verlage nun eine neue Problemzone: die Männerwelt. Sie ist die neue Zielgruppe der Ratgeberliteratur – Tipps erhalten die Männer für alle Lebenslagen

Silvia Schaub
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Ratgeberliteratur für Männer boomt. Dabei gibt es Bücher für alle Lebenslagen.

Ratgeberliteratur für Männer boomt. Dabei gibt es Bücher für alle Lebenslagen.

Keystone

Früher fühlten sich in der Ratgeberecke der Buchhandlungen vor allem die Frauen angesprochen. Auf weibliche Sorgen abzielende Ratgeber wie «Liebe dich selbst, sonst liebt dich keiner. Ein neues Selbstwertgefühl für Frauen» oder «Das Arroganz-Prinzip. So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf» gibt es zuhauf. Doch Frauen kann man literarisch fast nicht mehr beraten, jeder noch so schwarze Fleck in der weiblichen Psyche wird längst mit einem Ratgeber abgedeckt. Also fokussieren nun die Verlage zunehmend auf eine andere Problemzone: die Männerwelt.

Bis vor wenigen Jahren wurde die männliche Zielgruppe noch kaum beachtet. Vereinzelt fand man in den Regalen ein Buch über Sexualität oder Kochen. Entsprechend viel Potenzial bietet diese Nische – und sie boomt: Ob es um Stilfragen, Krankheit, Ernährung, Erziehung oder Höflichkeit geht. Für alles hagelt es männerspezifische Ratschläge.

Neue Erwartungen an die Männer

Das neue Phänomen findet einen guten Nährboden in Zeiten, wo sich viele Männer durch die veränderten Erwartungen an einen «richtigen Mann» verunsichert fühlen. «Die traditionellen Qualitäten – abenteuerlustig, durchsetzungsstark, selbstbewusst – soll der Mann von heute weiterhin mitbringen, gleichzeitig aber auch ganz neue Qualitäten», stellt der Zürcher Markus Theunert von Männer.ch, dem Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen, fest. Sie sollen nun auch sozial kompetent, fürsorglich und hingebungsvoll sein. «Klar entsteht in dieser Gleichzeitigkeit widersprüchlich anmutender Ansprüche Orientierungsbedarf.»

In den letzten Jahrzehnten sind die Männer an der Seitenlinie gestanden, in der Hoffnung, der heftige weibliche Wind des Aufbruchs würde wieder abflauen. «Dies ist nicht geschehen», stellt Marco Caimi fest. «Im Gegenteil: Auf der Wiese der Hoffnung standen viele Narren. Männer sind mehr gefordert denn je und damit verunsichert in ihrem ureigenen Rollenverständnis.»

Manche Bücher fallen eher unter die Kategorie «skurril». Wie zum Beispiel «Undateable – 311 Dinge, die dafür sorgen, dass Männer solo bleiben», wo die Autorinnen der Männerwelt, mitteilen, was sie anzuziehen, zu sagen und zu tragen haben – oder vielmehr was nicht. Oder «Ganz Mann! Ganz fit. Das Beckenboden-Training für mehr Potenz und Kontinenz», das Männern mit Erektionsstörungen und Blasenschwäche helfen soll.

Aus Männersicht beleuchtet

Viele Buchtitel aber gehen männerspezifische Themen seriös und kompetent an: Denn es macht durchaus Sinn, Themen wie Depression, Krisen oder Gesundheit aus Männersicht zu beleuchten. Gerade die Männergesundheit war bis vor kurzem ein völlig unbeachtetes, brachliegendes Feld, wie Marco Caimi, Arzt und Autor von «Wechselwirkungen – ein Männerbuch über Gesundheit und Spiritualität», feststellt. «Nach gut 40 Jahren Emanzipation werden Männer jetzt aber auch öffentlich krank, in Sport, Politik und Wirtschaft oder bringen sich gar um. Dies weckt Bedürfnisse und Begehrlichkeiten.» Deshalb auch wird Caimi im März 2014 in Basel die erste Männerpraxis der Schweiz eröffnen.

Das Angebot an genderspezifischer Ratgeberliteratur ist nun zwar vorhanden. Aber wird sie auch angenommen? «Hoffentlich sind auch Männer so herausgefordert, dass sie diese Auseinandersetzung wagen», meint Markus Theunert dazu. Auch wenn immer noch die Meinung vorherrscht, dass ein «richtiger Mann» keine Probleme hat. «Das macht es vielen schwer, ihre Verunsicherungen einzugestehen und auch Unterstützung in Anspruch zu nehmen.»

Einen Ratgeber zu kaufen und sich helfen zu lassen, sind allerdings zwei Paar Schuhe: Wenn es um die Früherkennung von Belastungen und die Inanspruchnahme professioneller Hilfe geht, so Theunert, seien die Männer nach wie vor sehr zurückhaltend. «Viele fressen alles in sich hinein und suchen erst Hilfe, wenn sie auf dem Zahnfleisch kriechen.» Meist muss etwas Dramatisches oder Einschneidendes passieren, «bevor sie Hilfe annehmen», weiss der Mediziner Marco Caimi fest. Dies stellt auch der Berner Psychologe Allan Guggenbühl fest. Dann erst beginnen sie nachzudenken, innezuhalten oder sich helfen zu lassen. Allerdings seien sie weit offener, als oft dargestellt werde, so Guggenbühl. «Im Gegensatz zum Klischee sind sie oft bereit, wirklich etwas zu verändern.»

Frauen erhöhen die Auflage

Ein dickes Geschäft ist die Männer-Ratgeberliteratur freilich noch nicht. Und die Auflagen wären wohl noch geringer, wenn die Bücher allein von den Männern gekauft würden. Es ist davon auszugehen, dass es oft die Frauen sind, die diese Bücher kaufen und ihren Männern schenken. Viele werden sie auch gleich selbst lesen, um sie besser zu verstehen. Fachmann Marco Caimi: «Etwas, was wir Männer umgekehrt nie tun würden.»

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