Der Wind fährt durchs Containerdorf, rüttelt an Wohnwagen und zerrt am Gestänge der Stahlkonstruktionen der Freiluftbühne. Irgendwie scheinen nur noch die Götter helfen zu können, soll die Vorstellung am Abend stattfinden. «Tschou zäme, ig bi der Hoschi!», ruft Thomas U. Hostettler (48) und stapft mit spitzen Stiefeln gegen die Sturmböen an. Mit der rechten Hand fährt er sich durch seinen blonden Irokesenkamm, den linken Arm hält er schützend um die Schultern von Bon.

«Das wird schon!», versucht Hoschi das skeptische Stirnrunzeln ringsum zu glätten. Bon kuschelt sich in die Zuversicht seines Vaters wie in ein Schaffell. Angst hat der 6-Jährige keine, er ist von klein auf an alle Wetterlagen im Artistendorf von Karl’s kühne Gassenschau (KKG) gewohnt.

Vorerst ist es dennoch besser, sich in der zentralen Grossküche unter dem Planendach zu verkrümeln. Den Holzwänden entlang reihen sich Kühlschränke, Kochherde und Abwaschbecken, an den Holztischen mit Vintagestühlen aus dem Brocki wird gegessen, diskutiert, erzogen. «Hey Vättu, darf ich eine Gummischlange?», fragt Bon den Papa. «Vor dem Mittagessen? Naja, ausnahmsweise!» Hoschi öffnet den XXL-Eimer mit dem süssen Gewürm, der Junge zieht eins davon heraus und kaut zufrieden darauf herum.

Bon ist ein Karl’s-kühne-Gassenschau-Kind. Nicht das einzige. «Seit geraumer Zeit ist das Unternehmen ein ziemlich fruchtbarer Ort», erzählt Hoschi und fischt für sich selber auch eine farbige Gummischlange aus dem Topf. Was vor über 30 Jahren als Strassenvariété und Gauklerschau mit einer Handvoll Jungkünstlerinnen und -künstlern in Eigenregie begann, wuchs zu einer Grossfamilie und zu einem Grossspektakel heran. Eine «Gassenschau» ist Karl’s kühne längst nicht mehr. Über 100 Leute arbeiten in einem logistischen Grossreigen zusammen: Licht-, Show-, Elektro- und Pyrotechniker, Dramaturginnen, Musiker, Bühnenbildner, Requisiteurinnen und Schauspieler, Köche, Buchhalterinnen und Kommunikationsfachleute. Die Seele von KKG aus den 1980ern hat sich durch das Wachstum nicht verändert – noch immer strömt Herzblut für die Kunst des Schrägen in den Adern der Kreativtruppe. «Wir sind eine grosse Gemeinschaft, leben meist friedlich – und manchmal auch etwas chaotisch zusammen», sagt Hoschi. Aber die Menschen in der Crew würden sich gegenseitig auch auffangen, wenn es jemandem schlecht gehe. «Karl’s kühne ist definitiv meine zweite Familie.»

Hoschis erste Familie lebt in Bern, dort verbringt er während der Saison die spielfreien Tage als Hausmann und Vater. In den Wintermonaten, wenn die Gassenschau pausiert, übernimmt er Rollen in Film und Theater. Da Hoschis Frau ebenfalls Schauspielerin ist, sogen die drei Kinder – 16, 6 und 3 Jahre alt – die Theaterwelt buchstäblich mit der Muttermilch auf. «Manchmal kam Marie mit den Babys mit zu meinen Proben und zückte, während ich auf der Bühne stand, zäck!, den Busen und stillte die Kleinen», erzählt er.

Leben im Wohnwagen

Klar, auch in einer Künstlerfamilie liegen die Nerven manchmal blank: Wenn der Terminkalender überquillt, wenn Proben und Aufführungen beider Eltern kollidieren, wenn ein Kind krank ist und die wunderbare Oma gerade in den Ferien weilt. Dann wird verhandelt und es werden die Wortklingen gekreuzt. Beim Erzählen springt Hoschi vom Stuhl auf und führt theatralisch die Gemengelage aus Temperament, Dynamik und Verzweiflung vor. «Durchatmen!», sage er sich dann jeweils, «irgendwie gehts immer!»

Auf dem Weg über die Holzbrücke zum Wohnwagen zeigt Bon auf einen Schleimbrei zwischen zwei Nacktschnecken. «Hast du gewusst, dass kranke und alte Schnägge von den anderen aufgefressen werden?», fragt er. Der von Gestrüpp und Unkraut überwucherte Industriepark, auf dem Karl’s kühne Gassenschau aufgebaut ist, birgt üppiges Lernmaterial: Füchse, die nachts um den Wohnwagen streifen, eine Halfpipe, auf der man mit Papa um die Wette rennen kann und unzählige Winkel, die Überraschungen bergen. «Hey, Bon», ruft Hoschi, «hier hängen ja Walderdbeeren!»

Bon wohnt zwar nicht immer bei Hoschi im Artistendorf, häufig aber übers Wochenende oder während der Chindsgi-Ferien. Dann hausen die beiden im Wohnwagen, schwatzen, schweigen, lachen zusammen und holen bei Regenwetter Bilderbücher aus einem der mit Schnitzereien verzierten Schränklein, an denen Familienfotos kleben. Die Jumpsuit-Pyjamas – ein blauer für Bon, ein grüner für Hoschi – liegen auf den gemachten Betten wie das Versprechen für Abenteuer auch im Schlaf.

Gedanken- und Unterwelt

Noch ist es hell. Vater und Sohn sitzen auf dem Veranda-Vorplätzchen des Wohnwagens. Über Blumenkistchen baumeln kleine Lampions, rot, blau, grün, und am Stamm eines verdorrten Bonsai-Bäumchens lümmelt ein Plastikskelett. Licht, Vergänglichkeit, Tod – für Hoschi sind die grossen Themen des Lebens begehrenswerter als Haus, Offroader und geblähtes Bankkonto. Die Reflexionen darüber, woher wir kommen, wohin wir gehen, fliessen manchmal breiter als der Rhein durch Hoschis laut geäusserten Gedankenstrom. «Wir Menschen sind doch alle aus Sternenstaub gemacht», philosophiert er. Dann zieht er die schwarze Unterhose mit Totenkopf vom Wäscheständer und faltet sie sorgfältig zusammen. «Die gehört zu meinem Kostüm für die Show», schiebt er erklärend nach. Bon gefällt der Superman-Slip besser.

Ein Vater, der während Shows durch die Luft fliegt, in einer Rockband singt, Punkfrisur trägt und mit dem Sohn über die Vorliebe von Unterwäsche-Motiven spricht – kann das ein guter Papa sein? Ein besserer! Hoschi tollt zwar herum wie ein Kind und hat das Temperament eines Gummiballs, der durch die Gegend hüpft auch mit plötzlichen Richtungswechseln, aber immer kontrolliert. Er ist grossherzig, doch mit klarer Linie. Und er ist sich seiner Verspieltheit bewusst: «Ich bin zwar manchmal ein wenig crazy, als Vater aber eher old school», sagt er. Alte Schule? «Ich versuche, meinen Kindern Anstand und Höflichkeit beizubringen.» Man dürfe ein bisschen frech sein, müsse dabei aber immer Charme bewahren: Grüezi sagen; Hand geben; vor dem Zug und Tram warten, bis alle ausgestiegen sind. Pädagogische Grundlagen, die das Zusammenleben erleichtern. «Meine Kinder sollen lernen, dass das Leben schöner ist, wenn die Menschen freundlich zueinander sind.»

Im Bauch der wuchtigen Bühne ist für Bon Schluss mit Auskundschaften. «Ned umeseckle!», ruft Hoschi. Hier in der Unterwelt des Artistenunternehmens, unter Tonnen von Stahl, warten riesige Fantasiegefährte, zusammengebastelt aus Waschmaschinen, Mikrowellen und Ölfässern auf ihren Einsatz. Treppchen hoch und Treppchen runter stehen hydraulische Maschinen und liegen Kabelbündel dick wie Pneus. Von oben donnert der Sound von AC/DC aus meterhohen Boxen. Hoschi sitzt am Schminktischchen in der Garderobe, pudert sich das Gesicht und zeichnet mit dem Kajal schwarze Kringel vom Auge bis über die Wangenknochen. Bon stülpt derweil eine von Papas unzähligen Perücken über seinen Kopf. Irgendwann, wenn er gross ist, will er auch mitmachen bei Karl’s kühner Gassenschau, «aber eher als Pyrotechniker und nicht als Schauspieler», wägt er ab.

Oben auf der Tribüne füllen sich die Ränge. Bon sitzt zum gefühlt hundertsten Mal in der vordersten Zuschauerreihe. Direkt zu seinen Füssen liegt die Szenerie mit grünen Hügeln aus Kunstrasen. «Guck, gleich fliegt Papa aus dem Loch!», flüstert er. Sekunden später pfeilt Hoschi mit einer Art Menschenschleuder aus dem Boden, Kehrichtsäcke fliegen durch die Luft, Monster und Raketen tauchen auf. Den Zuschauern bleibt während der zweistündigen Show mehr als einmal der Mund offen stehen. Bon aber ist abgeklärt, er kennt das Stück in- und auswendig. Zu Hause spielt er das Stück jeweils minutiös mit Playmobil nach.

Von den Standing Ovations nach der Schlussszene bekommt Bon aber nichts mehr mit. Die kleinen Augenlider sind zugefallen, der Kopf auf die Brust gesunken. Kaum ist der Applaus verhallt, eilt Hoschi von der Bühne auf seinen Sohn zu, hebt ihn auf die Arme und trägt ihn zum Wohnwagen. Dort fliegt Bon, nach einem Gutenachtkuss von Papa, im blauen Jump- suit-Pyjama ins Traumland.

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