Frauenstreik

Zum Beispiel Annemarie und Lea: Mutter und Tochter erzählen, warum sie auf die Strasse gehen

Annemarie Gloor mit ihrer Tochter Lea Dauwalder und Enkelin Meret vor dem Frauenstreik.

Annemarie Gloor mit ihrer Tochter Lea Dauwalder und Enkelin Meret vor dem Frauenstreik.

Tausende von Frauen gehen heute auf die Strasse. Weshalb eigentlich? Zwei Frauen aus zwei Generationen erzählen — und dabei geht es ganz oft um ihre Männer

«Auch Frauen sollen in Würde altern können»

Annemarie Gloor, Jahrgang 1953

«Ich bin in Roggwil aufgewachsen. Ein Dorf im Oberaargau: ländlich und sehr konservativ. Mein Vater war ein Pascha, meine Mutter wehrte sich aus meiner Sicht viel zu wenig. Darunter hatte ich gelitten und für mich war klar, dass ich nicht so leben wollte. Nach der Schule lernte ich Damenschneiderin, später machte ich noch eine Ausbildung zur Sozialpädagogin. Ich habe nie eingesehen, weshalb ich meine Arbeit aufgeben sollte. Nach der Geburt meiner drei Kinder nahm ich jeweils unbezahlte Ferien, doch für mich war immer klar, dass ich erwerbstätig bleibe. Ich mochte den Kontrast: Ich war eine bessere Mutter, weil ich berufstätig war. Doch ich war auch eine bessere Berufsfrau, weil ich Mutter war. Diese Lebensbereiche haben sich gegenseitig befruchtet. Die beiden Aufgaben waren bereichernd. Meines Erachtens hat das Ernährermodell keine Überlebenschancen. Es ist ein Skandal, wenn gut ausgebildete Mütter ihren Jobs auf Eis legen.

Auch mein Mann, er war Lehrer, arbeitete in einem Teilpensum. Wir teilten uns Erwerbs- und Care-Arbeit auf. Damals war unser Modell noch recht exotisch; ich musste mich auch immer wieder dafür rechtfertigen. Wenn etwas mit den Kindern nicht rund lief, dann hörte ich Sprüche wie: «Du solltest halt mehr zu Hause sein». Als die Kinder klein waren, arbeitete ich im Durchschnitt zwischen 40 und 45 Prozent. Anfänglich stellte sich oft ein Gefühl der Überforderung ein. Nebst meiner Berufstätigkeit war ich diejenige, die Kindergeburtstage, Arztbesuche und so weiter organisierte, das Finanzielle regelte und den Hauptteil des Haushaltes machte. Häufig war ich «muderig» und es dauerte eine gewisse Zeit, bis ich merkte, was meiner Unzufriedenheit zugrunde lag. Heute spricht man von «mental load»: Ich war die Direktorin unserer Familienfirma, führte die Regie in allen Abteilungen. Mein Mann war zwar auch zu Hause und die Kinder waren gut aufgehoben. Dass es an seinen Familientagen meist Ravioli gab, war kein grosses Problem. Doch waschen, staubsaugen, einkaufen ... Das Allermeiste blieb an mir hängen. Heiri hat immer geholfen, wenn ich darum gebeten oder wenn ich ihm Aufgaben übertragen habe. Eine auftragerteilende Direktorin wollte ich aber nicht sein. Deshalb haben wir die Bereiche aufgeteilt, mein Mann übernahm das Putzen. Auch wenn ich ein anderes Level habe: Nachputzen kam nie infrage. Ich frage mich, woher dieser «mental load» kommt, dieses Gefühl der Überforderung, weil sich die Frau für alles zu Hause verantwortlich fühlt. Vielleicht hat es mit den tradierten Rollenbildern zu tun. Die meisten Männer sind mit Müttern aufgewachsen, die sich zu Hause um alles kümmerten. Und Frauen hatten als Modell ebendiese Mütter.

Beim Frauenstreik 1991 ging ich auf die Strasse für die Gleichstellung, vor allem für die Forderung nach dem gleichen Lohn. Mir war auch wichtig, dass ein Frauenbewusstsein entstand. Dass wir die Arbeit niederlegten, für die man oft keine Anerkennung bekommt. Was blieb vom Frauenstreik ’91? Ich staune immer wieder darüber, wie wenig sich seither geändert hat. Die jungen Frauen «chätschen» an den gleichen Themen wie wir. 1991 gehörten ich und mein Mann zu jenen sieben Prozent der Paare, welche die Haus- und Erwerbsarbeit aufteilten. Es schockiert mich, dass diese Prozentzahl heute nicht viel höher ist. Heute beteilige ich mich in Bern bei einer Staubsaugeraktion der alten Frauen. Grossmütter betreuen beispielsweise während 80 Millionen Stunden pro Jahr ihre Enkel. Diese Care-Arbeit muss anerkannt werden und in die Altersvorsorge einfliessen. Die Renten der Frauen sind 37 Prozent tiefer als die von Männern. Ich selbst könnte von meiner Rente nicht leben. Auch Frauen sollen in Würde altern können.»

«Sobald man Kinder hat, ist die Frau eingespurt»

Lea Dauwalder, Jahrgang 1985

«Frauen haben die gleichen Chancen wie Männer. So dachte ich, bis ich mein erstes Kind bekam. Mein Mann und ich entschieden uns für ein Halbe-Halbe-Modell: Beide arbeiten 60 Prozent. Und die Reaktionen? Bei mir hiess es: «Oh, du arbeitest so viel?» Bei meinem Mann: «Ach, du kannst reduzieren?» Ja, mein Mann hat einen Karriereknick. Doch ich genau so. Sobald man Kinder hat, ist die Frau eingespurt. Klar, zu Beginn besteht eine besonders enge Mutter-Kind-Bindung durch das Stillen. Doch ab drei Monaten stellen sich für Frauen und Männer dieselben Fragen nach Karriere und Familienarbeit.

Ich glaube, die Frauen kämpften in den 70er-Jahren bewusster für ihre Rechte. Heute tappen viele Frauen in eine Falle, weil sie von der Chancengleichheit ausgehen. Wie viel man arbeitet, ist ein individueller Entscheid. Auch ich möchte nicht 100 Prozent arbeiten. Doch ich finde es ungerecht, wie über Mütter geurteilt wird, die voll berufstätig sind. Die knapp 90 Prozent der Väter, die 100 Prozent arbeiten, werden hingegen nicht hinterfragt.

Für die Gleichberechtigung ist es problematisch, dass typische Frauenberufe schlecht bezahlt sind. Mein Mann und ich verdienen ähnlich, das erleichtert die Diskussion über eine egalitäre Arbeitsteilung. Wenn eine Coiffeuse mit einem IT-Manager Kinder hat, wird es komplizierter. Die Finanzen dürfen jedoch nicht das einzige Argument sein. Denn es ist problematisch, wenn Frauen jahrelang nicht in ihre Pensionskasse einbezahlen oder ganz aus der Berufswelt fallen.
Ich arbeite als Papierrestauratorin. Mit meinem Pensum kann ich noch Verantwortung übernehmen. Das ist wichtig, sonst wird die Arbeit unbefriedigend. Mein Mann ist Handwerker, nach der Geburt des ersten Kindes hatte er ebenfalls auf 60 Prozent reduziert. Es liegt an den Männern, Teilzeitarbeit einzufordern. Sie müssen hinstehen — wie bei Lohnverhandlungen. Das Aushandeln über die Aufgabenteilung in einer Beziehung ist ein permanenter Prozess. Manchmal sind diese Diskussionen anstrengend. Doch es lohnt sich.

Vom Halbe-Halbe-Modell haben wir uns mittlerweile verabschiedet, mein Mann hat sein Pensum auf 80 Prozent erhöht. Er hatte das Gefühl, im Job nirgends hinzukommen. Und während zweier Tagen die Woche zwei kleine Kinder zu betreuen, ist nicht nur lustig. Ich fühlte mich wohl mit meinen 60 Prozent, er nicht. Es war nicht einfach, das egalitäre Modell fallen zu lassen. Doch Gleichberechtigung heisst nicht, dass nur ich mein Erwerbspensum wählen kann. Jetzt ist unser Modell stimmig. Weil am Anfang beide gleich viel zu Hause waren, ist vieles richtig vorgespurt. Die Hausarbeit teilen wir uns immer noch hälftig.

Mein Arbeitgeber erlaubt uns, ab 15.30 Uhr die Arbeit niederzulegen. Der Streik von ’91 hat einiges ins Rollen gebracht. Ich glaube, dass die Strasse etwas bewegen kann. Die Rollen sind in der Schweiz zementiert. Wir müssen aktuell um einen Vaterschaftsurlaub von zwei oder vier Wochen kämpfen. Mein Mann hatte jeweils einen Tag frei bei der Geburt der Kinder, das ist lächerlich: Oft sind die Kinder nach diesem Tag noch gar nicht auf der Welt. Als Mutter muss man sich fragen: Wie lange darf ich mir erlauben, nach der Geburt zu Hause zu bleiben und den bezahlten Mutterschaftsurlaub eventuell noch etwas zu verlängern? Dabei ist Mutterschaft planbar. Nicht wie ein verletzter Fuss nach einem Grümpelturnier, wenn ein Mitarbeiter einen Monat in die Reha muss.

Jetzt habe ich viel über Familien gesprochen. Wichtig ist mir aber: Beim Frauenstreik geht es um mehr.»

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