Interview

Zürcher Philosoph Alain de Botton fordert: «Die Schule soll auch Liebe unterrichten»

Alain de Botton - in Zürich aufgewachsen, heute in London lebend.

Alain de Botton - in Zürich aufgewachsen, heute in London lebend.

Alain de Botton eröffnet in Zürich eine Schule für Lebensfragen und hat eine Menge über die Liebe zu sagen.

Alain de Botton ist der Typ Philosoph, den man in einem Londoner Pub antreffen könnte, um mit ihm über die Welt zu philosophieren. Oder noch besser, über die Liebe. Aber nicht über die Schmetterlinge im Bauch und die langen Spaziergänge zu zweit. Sondern über die Herausforderungen im Alltag – wie Wäsche, Kinder und Ikea-Besuche. Der 46-jährige Philosoph hat ein Buch über den Lauf der Liebe geschrieben.

Vor 20 Jahren haben Sie Ihr erstes Buch über die Liebe geschrieben. Nun Ihr Buch «Der Lauf der Liebe». Haben Sie Ihre Meinung über die Liebe geändert?

Liebe ist eine komplizierte Sache. In meinem ersten Buch ging es darum, den richtigen Partner zu finden, während mein zweites Buch zeigt, was passiert, wenn man diesen Menschen gefunden hat. Ich schreibe vielmehr von der «Langzeit-Liebe», während mein erstes Buch romantischer war. Am Anfang ist alles aufregend und bezaubernd. Die Kunst liegt aber darin, die Liebe in unserem Alltag zu erhalten.

In der Langzeit-Liebe gibt es keine Romantik?

Es gibt nicht diese Romantik, wie sie uns die Liebesromane und -filme vorgaukeln. Wären wir uns dies bewusster, würden sich vielleicht weniger Paare trennen. Zu der Liebe gehört, dass wir uns streiten, traurig sind oder sexuelle Bedürfnisse zu kurz kommen.

In Ihrem Buch hört der Protagonist Rabih auf, seiner Frau von seinen sexuellen Fantasien zu erzählen. Schweigen und Lügen die eigentlichen Feinde der Liebe, schreiben Sie. Sind Geheimnisse nicht auch wichtig?

Wir brauchen beides. Manchmal kann die Wahrheit zerstören, manchmal die Lüge. Dass wir sexuelle Fantasien für uns behalten, ist eine Kreation der Gesellschaft. Diese gibt vor, dass Partner nur Fantasien haben, wenn es in der Beziehung langweilig ist, wenn uns etwas fehlt. Klar, spricht niemand über seine Fantasien.

«Generell muss einem sehr an einem Partner gelegen sein, ehe man ihn überhaupt betrügen will.» Verstehen Sie es als Kompliment, wenn der eigene Partner eine Affäre hat?

Es fühlt sich nicht gut an, betrogen zu werden. Oft werden Affären als Zeichen von Langeweile gesehen. Paradoxerweise haben Partner aber nicht Affären, weil sie gelangweilt sind, sondern weil sie in Schwierigkeiten sind und die Nähe zum eigenen Partner wieder suchen. Sie sind vielleicht wütend oder verletzt und können nicht darüber sprechen.

Wie meinen Sie das? Das müssen Sie uns erklären.

Affären werden oft entdeckt, und sie wollen entdeckt werden. Partner möchten etwas sagen, wissen aber nicht wie. Was dann passiert, ist aber sehr schmerzhaft. Die betrogene Person ist verletzt und es wird möglicherweise nie diskutiert, weshalb der Partner eine Affäre angefangen hat.

Und wie gehen Betroffene mit ihrer Eifersucht um?

Mit Eifersucht können wir nicht umgehen.

Weshalb?

Sie ist ein gewaltiges und entsetzliches Gefühl. Sie ist eine ernsthafte Krankheit. Es ist wie mit einer Lungenentzündung. Einer Person mit einer Lungenentzündung würden wir auch nicht sagen: «Ach, komm aus dem Bett und reiss dich zusammen.» Eine eifersüchtige Person leidet sehr stark.

Sie sagen, eine Ehe ist erst möglich, wenn wir bereit sind zu lieben und nicht nur geliebt werden wollen. Sind wir zu egoistisch für die Ehe?

Egoisten wissen nicht, wie sie Liebe geben können. Sie leiden. Wir müssen bereit sein, Schwäche zu zeigen, Hilfe anzunehmen und vom Partner zu lernen. Wir sind keine Experten. Bestimmt nicht in der Liebe. Liebe muss gelernt werden.

Schreiben Sie deshalb nicht nur Bücher, sondern haben auch eine Lebensschule «The School of Life» gegründet?

Wir bräuchten ein nationales Schulsystem, in welchem Lehrer nicht nur Geografie, Physik oder Mathematik unterrichten, sondern auch Lektionen über Beziehungen, Liebe und emotionale Intelligenz anbieten. Die Idee hinter School of Life ist, Menschen in ihren Lebensfragen zu unterstützen.

Welche Lektionen unterrichtet die School of Life?

Wir sind keine Schule, in der Schüler Fächer belegen. Wir bieten Kurse zu Themen an wie: Eltern und Kinder, Ehemann und Ehefrau, wie Familien funktionieren. Wir schauen aber auch, wie Unternehmen arbeiten, die Verrücktheit, die in Unternehmen vor sich geht – Stress, Burnout und Ängste.

Sie planen eine School of Life in Zürich.

Wir haben zwölf Standorte weltweit, im Frühling 2017 möchten wir in Zürich einen weiteren eröffnen. In Zukunft kommen in der Schweiz womöglich noch mehr dazu. Es wäre grossartig, wenn ein Land wie die Schweiz das erste emotional intelligente Land in der Welt werden würde.

Sie denken viel über die Liebe nach – haben Liebe gelernt. Wie beeinflusst das Ihre Beziehung zu Ihrer Frau?

Es macht die Beziehung besser. Auf keinen Fall aber ist die Beziehung perfekt.

Sie ist aber so perfekt, dass sie bereits seit 13 Jahren hält.

Partner müssen miteinander reden. Wir müssen uns auf den Anderen einlassen, ihn untersuchen, uns in ihn hineinfühlen. Wenn wir für unseren Partner ein Nachtessen vorbereiten, er dann nach Hause kommt und nicht Lust hat auf ein Schnitzel, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man ist eingeschnappt, beginnt zu streiten und der Abend ist gelaufen. Oder man fragt, was denn heute schiefgelaufen ist. Geht mit euren Partnern um, wie mit Kindern.

Weil auch wir Erwachsene ein Kind in uns tragen? So schreiben Sie es im Buch.

Wir haben diese Idee, vom Erwachsen sein. Wir lassen keine Schwäche zu, gehen streng mit uns selber um. Das Kind in uns zieht sich in eine Ecke zurück und weint. Wir stampfen solange darauf rum, bis es zerstört ist, wir krank werden, an einer Depression leiden.

Wäre unser Interview anders verlaufen, hätten wir uns wie Kinder behandelt?

Hätte ich mir das Kind in Ihnen vorgestellt, hätte ich mir vorstellen können, dass sie mit einem schwierigen Chef zu kämpfen oder Probleme zu Hause haben. Anstatt zu denken, dass sie für eine Zeitung schreiben, professionell sind und ihr Leben im Griff haben. Generell sollten wir uns immer bewusst sein, dass wir das Gegenüber nicht als unverletzlicher Erwachsener sehen sollten, der genau weiss, was er tut. Denn er weiss es nicht.

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