Der Basler Architekt Hannes Meyer (1889–1954) war der zweite Direktor am Bauhaus. Seine Ideen des Konstruktivismus und Funktionalismus waren aber zu radikal. Nicht nur am Bauhaus.

Zwei Schlagworten begegnet, wer zu Hannes Meyers Arbeit am Bauhaus recherchiert. Er sei der «unbekannte Direktor» gewesen und habe die Losung «Volksbedarf statt Luxusbedarf» vertreten. Tatsächlich wird der Schweizer in Schriften über das Bauhaus meist nur als kurze Übergangslösung zwischen Gründungsdirektor Walter Gropius und Schlussdirektor Mies van der Rohe dargestellt. Dies geschah aber eher nach Gropius’ Willen und aus politischem Kalkül als aufgrund von Fakten.

Der gelernte Maurer und Bauzeichner bildete sich an der Gewerbeschule Basel weiter, er arbeitete in Berlin, München und Essen, leistete Militär- und Aktivdienst. Ab 1919 führte Meyer sein eigenes Büro in Basel mit Hans Wittwer. In der Genossenschaftssiedlung Freidorf in Muttenz (1919–23) konnte er sein sozial gedachtes und Pestalozzi verpflichtetes «Prinzip der kleinen Kreise» realisieren. Mit kühnen konstruktivistischen Entwürfen für die Petersschule in Basel und den Völkerbundpalast in Genf wurden Meyer/Wittwer international bekannt.

1927 wurde Hannes Meyer von Gropius zum Leiter der Architekturabteilung in Dessau berufen und 1928 zum Direktor ernannt. Er organisierte den Betrieb neu: Mehr Unterricht für Studenten wie Meister, mehr Praxis, eine grössere Nähe zur Industrie und «Volksbedarf statt Luxusbedarf» waren sein Credo. In der «Bauhaus-Zeitschrift» schrieb er 1929 – in seiner typischen Kleinschreibung: «bauen und gestalten sind eins, und sie sind ein gesellschaftliches geschehnis. (...) die neue bauschule ist eine erkenntnislehre vom dasein.» Er propagierte das Kolletiv, den «sozialen ausgleich» und wollte «keine begabtenauslese». Sichtbar machten Meyer/Wittwer Ideen in einem Laubenganghaus in Dessau-Törnten und im dezentral konzipierten, in die Landschaft eingebetteten Schulbau für den Deutschen Gewerkschaftsbund in Berlin-Bernau.

Aus Angst vor dem Einfluss des «Kommunisten Meyer» wurde er 1930 mit Getöse entlassen. Ihre Ideen hofften Meyer und einige seiner Studenten in Moskau verwirklichen zu können. Doch dort galt er bald als «reaktionär» und «kosmopolitisch». Einer Verfolgung entzog er sich 1936 durch die Rückkehr in die Schweiz. Im solothurnischen Mümliswil baute er ein Kinderheim. Von 1939–1949 suchte er seine architektonischen wie politischen Ideen als Professor in Mexiko zu verwirklichen, kehrte 1949 desillusioniert zurück – und arbeitete mangels Aufträgen primär theoretisch. Er starb 1954 im Tessin.

Erst nach dem Ende des Kalten Krieges wurde Hannes Meyers Werk unideologischer betrachtet und auch rehabilitiert. Thomas Flierl bilanziert: «Meyers genuin schweizerischer Beitrag zu einer reflektierten Moderne» werde erst heute sichtbar.

Philipp Oswalt: «Hannes Meyers neue Bauhauslehre». Birkhäuser, 352 S. Thomas Flierl: «Hannes Meyer und das Bauhaus. Im Streit der Deutungen». Spector Books, 80 S.