Reisen

Zu Fuss auf den höchsten Berg Westafrikas

Das letzte Stück bis zum Gipfel des Mount Bintumani hat es in sich. Doch die Aussicht dort oben ist grandios.

Das letzte Stück bis zum Gipfel des Mount Bintumani hat es in sich. Doch die Aussicht dort oben ist grandios.

Wandern ist nicht unbedingt etwas, das man mit Sierra Leone in Verbindung bringt. Tourismus auch nicht. Ein abenteuerlicher Reisebericht.

Ich weiss auch nicht, was ich mir gedacht habe, spontan den höchsten Berg Westafrikas zu erklimmen. Zwei Wochen zuvor war ich in Sierra Leone angekommen, einem der untouristischsten Länder der Welt. Viele Sehenswürdigkeiten gibt es hier nicht, nicht einmal viel Infrastruktur. Asphaltierte Strassen finden sich nur zwischen den grössten Städten, und selbst Elektrizität und fliessendes Wasser sind ein Privileg der bessergestellten urbanen Bevölkerung.

Deshalb die Stirnlampe in meinem Rucksack. Wanderschuhe und Sportkleider hatte ich allerdings keine eingepackt. Die Möglichkeit, wandern zu gehen, war mir nicht in den Sinn gekommen. Nach einer Studienreise wollte ich Sierra Leone auf eigene Faust bereisen. Im Städtchen Kabala im Norden des Landes hatte ich zuvor Alie kennen gelernt, der im Gästehaus Kabala Hill View arbeitet. Der junge, sportliche Mann hatte mir enthusiastisch von der Möglichkeit einer Wanderung auf den 1945 Meter hohen Mount Bintumani erzählt. Ich dachte: Warum nicht – und befand ich mich Hals über Kopf im Abenteuer.

Unterwegs: Die Aussicht ist das Ziel.

Unterwegs: Die Aussicht ist das Ziel.

Mit der Machete durchs Dickicht und an Maniokfeldern vorbei

Mit Wandern in der Schweiz hatte dieses Unterfangen nicht viel zu tun. Das begann schon bei der Anreise: Fahrer Alhassan, Alie und ich sassen zu dritt auf dem Motorrad und fuhren über eine staubige Buckelpiste, abwechselnd tiefe Löcher und grosse Steine umfahrend. Auf einmal endete der Weg abrupt vor einem breiten Fluss. Wir zogen die Schuhe aus und krempelten die Hosenbeine hoch. Fahrer Alhassan stiess sein Gefährt durch das kniehohe Wasser, Alie und ich folgten. Anfänge einer Brückenkonstruktion waren zwar auszumachen, doch stammten diese von der vorherigen Regierung. Seit dem Regimewechsel im letzten Jahr haben die neuen Machthaber die alten Pläne gestoppt, um später nur für die selber initiierten Projekte Lob einzuheimsen.

Am späten Nachmittag erreichten wir das Dorf Sinekoro. Auch wenn ich nicht die erste Person war, die diese Wanderung in Angriff nahm, so sind Touristen hier immer noch eine Seltenheit. Traditionsgemäss begrüssten wir das Dorfoberhaupt, einen älteren Mann in Jogginghose und verwaschenem T-Shirt. Beim anschliessenden Rundgang lernte ich, wie Kaffee und Reis produziert werden. Zwei Häuser besassen einen Dieselgenerator, wo die Bewohner gegen eine Gebühr ihr Handy aufladen.

Früh am nächsten Morgen starteten Alie, Alhassan und ich die Wanderung, begleitet von Balla, dem Bergführer aus dem Dorf. Er kannte den Weg und befreite die von Pflanzen überwucherten Pfade mit der Machete. Wir kamen an Erdnuss- und Maniokfeldern vorbei und erreichten einen Wald, dessen Vegetation an einen Dschungel erinnerte. Kleinere Flüsse überquerten wir auf Baumstämmen balancierend oder auf etwas, das man mit viel Fantasie als Hängebrücke bezeichnen könnte. Nach zwei Stunden erreichten wir Camp 1.

Der Weg führt durch von Pflanzen überwucherte Pfade.

Der Weg führt durch von Pflanzen überwucherte Pfade.

Nach einer Trinkpause begannen wir den Aufstieg. So steil war ich noch nie einen Berg hochgeklettert. Von Wandern konnte längst nicht mehr die Rede sein. Nach mehreren Stunden erreichten wir ein Plateau, auf dem sich Camp 2 befand. Wobei wie schon bei Camp 1 diese Bezeichnung masslos übertrieben war: Natürlich hatte ich kein Gästehaus erwartet, aber nicht einmal ein einfacher Unterschlupf war zu sehen, nur eine Feuerstelle.

Unterwegs gibt es weder ein Gasthaus noch eine Verpflegungsmöglichkeit

Unterwegs gibt es weder ein Gasthaus noch eine Verpflegungsmöglichkeit

Ein Stück Schweiz zum Abendessen

Nach ein paar Minuten meinte Alie: «Komm, wir gehen zu Camp 3. Dieser Teil ist weniger steil, das Schwierigste haben wir hinter uns.» Da ich nicht wusste, was ich hier bis zum Anbruch der Nacht tun würde, willigte ich ein. Der Weg führte durch Felder mit hohem Elefantengras und vereinzelten Felsformationen. Endlich konnten wir die Aussicht über die umliegenden Berge, Täler und Ebenen geniessen. «Heute ist es etwas dunstig, aber sonst könnte man bis Guinea sehen», sagte Alie.

Das Essen wird über loderndem Feuer zubereitet.

Das Essen wird über loderndem Feuer zubereitet.

Als ich den Gipfel erblickte, erwachte mein Ehrgeiz. Der Weg sah unglaublich steil aus, aber irgendwie schafften wir es doch, auch wenn wir die letzten paar hundert Meter am Felsen hochklettern mussten. Die Mühe war es wert, die Aussicht vom höchsten Punkt Westafrikas war grandios. Bevor es dunkel wurde, machten wir uns an den Abstieg zu Camp 3, wo wir übernachten würden. Balla hatte einen Kochtopf mitgenommen sowie ein Säckchen Reis, Sardinen und Maggi – jene Schweizer Gewürzmischung, die in Afrika um einiges beliebter ist als in ihrem Heimatland.

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