Coronapandemie

Wir sollten nicht – und tun es doch: Warum wir ständig unser Gesicht berühren

Wir berühren ständig unser Gesicht – und das könnte verschiedene Gründe haben.

Wir berühren ständig unser Gesicht – und das könnte verschiedene Gründe haben.

Wir sollten uns in Zeiten des Coronavirus nicht ins Gesicht greifen. Doch unser Gehirn braucht diesen Impuls. Und vielleicht machen wir es sogar häufiger nach dem wir jemandem die Hand gegeben haben.

«No! No!», schreit die Computerstimme, wenn man das Kinn mit der Hand aufstützt. Via der Website donottouchyourface.com kann man eine künstliche Intelligenz aktivieren, die einem mittels Webcam das Ins-Gesicht-Greifen abtrainiert. So wird man auf eine Handlung aufmerksam, die sonst unbewusst abläuft: Wir streichen Strähnen aus dem Gesicht, kratzen die Nase, massieren die Augen, fummeln am Mund rum, mehrmals pro Stunde.

Das ist keine gute Idee in Zeiten des Coronavirus, denn entweder die Viren fliegen einem direkt ins Gesicht, wenn man mit jemandem spricht – oder man befördert sie eben mit der Hand selbst dort hin.

Deswegen kursieren im Internet jetzt zahlreiche Tipps, wie man sich das abtrainieren kann ­– ob das tatsächlich gelingt, ist nicht erwiesen. Interessant ist jedoch, warum wir es tun. Der Juckreiz ist nicht der häufigste Grund. Sondern unser Gehirn. Am häufigsten fassen wir uns nämlich ins Gesicht oder an den Kopf, wenn wir gestresst sind.

Wir tun’s, wenn das Arbeitsgedächtnis überlastet ist

Hirnforscher der Universität Leipzig um Martin Grunwald haben 2014 in einer Studie untersucht, was dabei im Gehirn geschieht. 14 Personen mussten dazu verschiedene Gegenstände ertasten und sich diese für fünf Minuten merken. Diese Zeitspanne wurde mit unangenehmen Tönen unterbrochen.

Die Probanden wurden gefilmt, ihre Hirnströme und die Aktivität der Vorderarmmuskeln gemessen. Die Aufzeichnungen ergaben, dass sich die Personen häufiger ins Gesicht griffen, wenn sie die unangenehmen Töne hörten. Jene Gehirnströme, die mit der Speicherung von Informationen zu tun haben, stiegen beim Ertasten an, sanken jedoch während der Töne, weil das Arbeitsgedächtnis ausgelastet war. Auch die Ströme der Verarbeitung von Emotionen veränderten sich – die Probanden waren gestresst. Nachdem sie sich aber im Gesicht berührt hatten, normalisierte sich die Hirnaktivität.

Offenbar hilft uns also eine Berührung im Gesicht, die Überforderung auszugleichen und Gefühle zu regulieren. Die Eigenstimulation hat für unsere Informationsverarbeitung beziehungsweise Konzentration also durchaus seine Wichtigkeit.

Schon Ungeborene greifen sich ins Gesicht

Zu Beginn des Lebens ist diese Handlung ebenfalls wichtig: Den Mund bei Berührung zu öffnen, ist für Säuglinge ein überlebenswichtiger Impuls, um Trinken zu lernen. Schon im Mutterbauch wird beobachtet, wie sich ungeborene Kinder im Gesicht berühren und später den Mund dazu öffnen. Und eine Studie zeigte, dass Ungeborene sich häufiger ins Gesicht griffen, wenn die Mutter rauchte - und das Kind deswegen gestresst war.

Und noch etwas könnte eine Rolle spielen: 2015 ergab eine Studie von israelischen Forschern, dass sich Personen häufiger ins Gesicht griffen und dabei die Luft doppel so stark durch die Nase einzogen, nachdem sie jemandem die Hand gegeben hatten. Möglicherweise, vermuteten die Forscher, testen wir so den Geruch der anderen – wie es auch Tiere tun.

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