Spätfolgen

Wie Flüchtlinge lernen, mit ihrem Trauma umzugehen

Jeder zweite Flüchtling wird von «Flashbacks» und Albträumen gequält. Ohne psychologische Hilfe werden sie diese nicht wieder los.

Jeder zweite Flüchtling wird von «Flashbacks» und Albträumen gequält. Ohne psychologische Hilfe werden sie diese nicht wieder los.

Flüchtlinge erleben im Krieg und auf der Flucht blanken Horror. Bei uns angekommen, geht der Schrecken weiter: Viele leiden an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Hilfe finden sie beispielsweise im Unispital Zürich.

Der Koffer ist schnell gepackt: Nur das Nötigste darf mit. Wie lange die Flucht dauert, ist ungewiss. Ebenso, wo sie vorbeiführen wird und vor allem wo die Reise dereinst enden wird. Meist sind viele Verwandte bereits abgereist, auch die meisten Wohnungen in der Nachbarschaft stehen oft schon leer. Immer wieder sind aus der Ferne Bomben zu hören. Todesangst und Stress: Der nächste Bus fährt bald, vielleicht ist es der letzte, der die Stadt verlässt.

Solche Schrecken hinterlassen Spuren. Jahre später sitzen manche der Flüchtlinge im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsspital Zürich und warten auf eine Sprechstunde: Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) macht ihnen das Leben schwer. Klinikdirektor Ulrich Schnyder überrascht das nicht: «Schon Bedrohung und Flucht an sich sind psychisch enorm belastend», sagt er. Viele Flüchtlinge machten noch weit Schlimmeres durch: Sie haben Bomben in der Nähe explodieren und Menschen sterben sehen, wurden gefoltert oder haben unterwegs ihre Familie verloren.

Heftiges Trauma – und dann?

Schnyder, Psychiater mit Spezialgebiet PTBS, ist immer wieder verblüfft: «Der Mensch ist eigentlich ein erstaunlich resilientes Wesen und fähig, mit allen möglichen Belastungen adäquat umzugehen». Dementsprechend leben viele nach einem heftigen Trauma halbwegs normal weiter, finden einen Weg, sogar die Erinnerung an Vergewaltigung und Todesangst zu verdrängen. Andere leiden zwar unter Depressionen, Schmerzzuständen oder flüchten sich in den Alkohol, funktionieren aber trotzdem einigermassen weiter.

Etwa jeder zehnte Betroffene entwickelt jedoch eine Posttraumatische Belastungsstörung. Bei Flüchtlingen steigt diese Zahl sogar drastisch an, wie eine im Fachjournal «Molecular Psychiatry» kürzlich publizierte Studie des Arztes Enrico Ullmann vom Universitätsklinikum Dresden zeigt: Mindestens jeder zweite Flüchtling leide an dieser Störung und brauche dringend psychologische Hilfe. Ohne diese werden sie ihr Leiden nicht los.

Sogenannte «Flashbacks», plötzlich aufflammende realistische Horrorerinnerungen, und Albträume quälen dann die Betroffenen stets von Neuem. Situationen und Orte, die sie an das Schreckliche erinnern, meiden sie zwar krampfhaft, dennoch fühlen sie sich abgestumpft, schuldig oder verängstigt. Viele leiden zudem unter sogenannter Hypervigilanz, einem Zustand der dauerhaften Anspannung, der Betroffene schreckhaft und gereizt macht.

Warum der Horror nicht loslässt

Ulrich Schnyder, gross gewachsen, elegante Krawatte und blaue, teilnahmsvolle Augen, kennt viele solche Schicksale. Zu viele. Der Psychiater beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Menschen, die Traumatisches erlebt haben und damit nicht fertig werden. Kürzlich hat Schnyder ein Lehrbuch über die Therapie von Posttraumatischen Belastungsstörungen publiziert, und er unterrichtet an der Universität Zürich Studenten in Psychotraumatologie. Zugleich versucht er, in Psychotherapiesitzungen schwer traumatisierten Menschen wieder in ein erträgliches Leben zurückzuhelfen: Vergewaltigten Frauen, verunfallten Menschen und Kriegsflüchtlingen. 

Ihnen ist eines gemeinsam: Sogar wenn sie inzwischen in Sicherheit leben, können sie die Geschehnisse
nicht hinter sich lassen. «Sie erleben die Situationen jedes Mal wieder von Neuem durch, mit allen Gefühlen», erklärt Schnyder. Und fügt hinzu: «Sie können nicht abstrahieren, dass ihre Lebenssituation jetzt anders ist.» Die psychischen Folgen belasten die Opfer, aber auch ihre Familien. Besonders vertrackt: Weil sich die Psyche zum Schutz quasi ausklinkt, im Fachjargon bekannt als «Dissoziation», kann das autobiografische Gedächtnis leiden. Bei Befragungen durch die Behörden schildern dann Flüchtlinge ihre Erinnerungen oft bruchstückhaft, immer wieder anders, und wirken dadurch unglaubwürdig. Obwohl ihre Geschichten ebenso tragisch wie wahr sind.

Manche dieser Geschichten machen sogar den erfahrenen Psychiater Schnyder sprachlos. Wie jene, die er bei seinem ersten Gespräch mit einer Frau aus dem Kosovo-Krieg erfuhr. «Aus den Unterlagen sah ich, dass sie im Konzentrationslager mehrmals vergewaltigt worden war», erinnert er sich. Behutsam lenkte er das Gespräch darauf, sagte, das müsse für sie sehr schlimm gewesen sein. Denn das ist ein wichtiger Punkt seiner Traumatherapie: Anteilnahme zeigen, das Gefühl vermitteln, dass jemand bereit ist, das Schreckliche mitzutragen. Aber die Frau schüttelte nur den Kopf und sagte: «Vergessen Sie die Vergewaltigungen, wirklich schlimm war, als ich mit anschauen musste, wie sie mein kleines Kind umbrachten – damit werde ich nicht fertig.» Ulrich Schnyder schwieg. Und er bleibt auch jetzt einen Moment still.

Will der Psychiater jemandem mit solchen Erlebnissen helfen, braucht es viel Zeit. Er arbeitet mit der sogenannten Expositionsbasierten Therapie. «Das ist eigentlich genau das, was Betroffene auf keinen Fall wollen – alles noch einmal durchleben», erklärt er. Dies sei aber unumgänglich. Denn Vermeidung behindere die emotionale Aufarbeitung und sei das Hauptproblem. Das Ziel laute nicht «vergessen», sondern «Kontrolle zurückgewinnen». Schnyder weiss aus Erfahrung: «Die Erinnerungen tauchen sowieso unweigerlich wieder auf – aber besser in kontrollierten Portionen als in unkontrollierten Flashbacks.» Der Psychiater hilft Betroffenen, diese Kontrolle wieder zu übernehmen. «Ich bin dabei und führe sie nur so weit heran, wie sie es ertragen», erklärt er. Dann zeige er ihnen, dass heute nur noch die Erinnerung an das Geschehen schrecklich ist. Und nicht mehr ihre tatsächliche Situation. Bis das greift, dauert es manchmal Jahre.

Flüchtlinge aus Syrien

Nächstes Jahr, sagt Ulrich Schnyder, werden im Rahmen des «Resettlement-Projekts» des Bundes 3000 Flüchtlinge aus Syrien in der Schweiz erwartet, «etliche davon schwer traumatisiert». Aber bis sie im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer behandelt werden können, müssen sie bis zu einem Jahr warten. Eine unbefriedigende Situation. Aber der Psychiater ist schon glücklich, wenn sein Team einigen Patienten wieder zu einem einigermassen normalen Leben zurückhelfen kann.

Wie jenem Mann, der nach Folter, einer schwierigen Flucht und dem Verlust seiner Familie total am Boden war. «Es dauerte mehr als ein Jahr, ihn überhaupt so weit zu bringen, dass er für die Exposition bereit war», erklärt Schnyder. Dann jedoch stellte sich der Patient zögernd seinen Erinnerungen. Und mithilfe seiner Therapeutin gewann er schrittweise die Kontrolle über seine Erinnerungen und Emotionen. Mit einem Lächeln im Gesicht trat er kürzlich vor eine Gruppe Studierender und verkündete in gebrochenem Deutsch: «Heute bin ich Glück.» Die Therapie habe ihm das Leben gerettet.

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