Nachwuchs

Wenn Papa nicht der leibliche Vater ist: Kuckuckskinder sind viel seltener als gedacht

Kuckuckskinder

Kuckuckskinder

Seit einigen hundert Jahren liegt der Prozentsatz an Vätern, die das Kind eines anderen aufziehen, auf unerwartet niedrigem Niveau.

Es muss ein Schock sein, wenn man erfährt, dass der Vater nicht der leibliche Vater ist. Eine solche «völlige Überraschung» erlebte gerade das geistliche Oberhaupt der Kirche von England. Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, ist laut DNA-Test der uneheliche Sohn des Privatsekretärs von Winston Churchill.

So gross der Schock für die Betroffenen ist, das Phänomen «Kuckuckskinder» kommt gar nicht so oft vor. Bis vor etwa zehn Jahren gab es keine zuverlässigen Angaben darüber, wie gross die Zahl an Familien mit Kuckuckskindern ist. Früheren Schätzungen zufolge wächst jedes zehnte Kind mit einem Vater auf, der nicht sein biologischer Vater ist.

Neuere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass nur ein bis zwei Prozent der Väter ein Kind aufziehen, das nicht von ihnen gezeugt wurde. Auch die naheliegende Vermutung, dass dieser Prozentsatz erst nach der Verbreitung moderner Verhütungsmittel stark gesunken sein könnte, hat sich als falsch erwiesen.

In allen Kulturen und Zeiten

Das berichten nun belgische Forscher im Fachblatt «Trends in Ecology & Evolution». Erbgutanalysen bewiesen, dass schon vor einigen hundert Jahren in verschiedenen Regionen der Welt Kuckuckskinder nicht häufiger anzutreffen waren als heute. Eine Erklärung dafür gibt es noch nicht. Seine Forschergruppe konnte aber durch genetische Vaterschaftstests nachweisen, dass in belgischen Familien lediglich ein bis zwei Prozent der Väter mit einem Kuckuckskind rechnen müssen.

Dabei stellte sich überraschenderweise heraus, dass in Belgien über einen Zeitraum von 500 Jahren der Prozentsatz an Vätern mit Kuckuckskindern pro Generation bei nur 0,9 Prozent lag. Derselbe Wert ergab sich für ein Volk in Südafrika. In Norditalien waren es
1,2 Prozent. Demnach existierten Kuckuckskinder in ganz unterschiedlichen Kulturen und auch in Zeiten, als es die heutigen Verhütungsmittel noch nicht gab, in ähnlich geringer Zahl.

Von vielen Vögeln und anderen sozial monogam lebenden Tieren ist bekannt, dass sich Männchen und Weibchen trotz der Paarbindung Seitensprünge erlauben. Dieses Verhalten ist für beide Geschlechter biologisch sinnvoll, da sich dadurch die Chance auf zahlreichen genetisch gesunden Nachwuchs erhöht.

Beim Menschen scheinen aber für die Frauen die Nachteile eines Seitensprungs mit Folgen vergleichsweise gross zu sein, vermuten die Forscher. Das Risiko einer Scheidung oder die gesellschaftliche Ächtung des Ehebruchs könnten Gründe dafür sein, dass in menschlichen Familien weit weniger Kuckuckskinder zu finden sind, als die Humanbiologen erwartet hatten.

Vielleicht waren sich Ehepaare in früheren Zeiten auch treuer als heute. Dann könnten leicht verfügbare Verhütungsmittel verhindert haben, dass mit der Zahl der Seitensprünge auch die Zahl der Kuckuckskinder gestiegen ist. Vorerst bleibt ungeklärt, welche Faktoren von entscheidendem Einfluss gewesen sind.

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