Wie die «New York Times» berichtet, gibt man sich in Kalifornien mit gewöhnlichem «tap water» (Schweizerdeutsch: «Hahnenburger») nicht mehr zufrieden. Es dürstet die Hipster nach höherem, nach einem Sprutz des Superwassers der Firma Live Water – für 35 Franken pro Kanister. Dafür erhält man auch eine Flasche Champagner. Um Luxus geht es den Konsumenten aber nicht, beteuert der Gründer des Startups.

«Wir profitieren vom Trend, dass die Leute sich Gedanken darüber machen, woher ihre Nahrung kommt», sagt Mukhande Singh gegenüber dem «Guardian». Und von der Gesundheitswelle, auf der immer mehr Menschen reiten. Der Mann hinter dem Hype ist die Personifizierung davon. Gern posiert der langhaarige Singh auf Facebook im Schneidersitz mit einer rundlichen Glasflasche voller «raw water». Das mit seinem nackten und vom Yoga wohlgeformten Körper. Ein bisschen Jesusfeeling.

Inklusive Heilsversprechen in der Werbung: Das unbehandelte Wasser, das aus einer Bergquelle im Bundesstaat Oregon stammt, enthalte nur «gute Bakterien», heisst es. Sie würden dem Wasser «heilsame Fähigkeiten» verleihen. Dass es nicht eklige Furunkel zum Verschwinden und unliebsame Haare am Gesäss zum Ausfallen bringt, ist selbst schon ein Wunder.

Das pure Wasser für 35 Franken wird in luxuriösen Behältern geliefert.

Das pure Wasser für 35 Franken wird in luxuriösen Behältern geliefert.

Immer mehr Mineralwasser

Für das Interesse an natürlichem Wasser in den USA haben Experten hierzulande eine Erklärung. Andri Bryner, Medienbeauftragter der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag), sagt, dass in den USA oft Chlor verwendet werde, um die Keime im Trinkwasser abzutöten. Das ist nicht giftig, aber schmeckt entsprechend. «So ist natürlich ein ‹Quellwasser› ohne Zugabe willkommen.»

Chlor im Wasser ist uns Schweizern fremd. Auch kämen viele bei uns nicht auf die Idee, auf den «raw water»-Hype aus den USA aufzuspringen. Doch sind wir gar nicht so weit davon entfernt.

Zwar sagt Bryner von der Eawag, dass «die Trinkwasserqualität bei uns herausragend hoch ist, auch im internationalen Vergleich». Trotzdem geben wir uns in den letzten Jahren immer weniger mit Hahnenwasser zufrieden. Das zeigt der enorm gestiegene Mineralwasserverbrauch in der Schweiz. 1989 lag er nach Angaben des Verbandes Schweizerischer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten (SMS) in der Schweiz noch bei 438 Millionen Liter. Vergangenes Jahr waren es 964 Millionen Liter.

Mineralwasser ist das eine. Die Werbung der Produzenten mit der Ursprünglichkeit, der Natürlichkeit und der Vitalität von Evian und Co. das andere. Das kommt an bei den Konsumenten. Die Idee, dass Wasser mehr als nur ein Durstlöscher ist, sondern fast schon Super-Kräfte hat, ist dabei uralt. Sie reicht zurück bis in die Antike. Viel später machte dann Uriella ein Geschäft daraus. Die Anführerin der Fiat-Lux-Sekte rührte für ihr sogenanntes Athrumwasser stundenlang mit einem Silberlöffel in einer gefüllten Badewanne herum. Und lud das Wasser so mit kosmischer Energie auf. Angeblich.

Uriella verkaufte «Athrumwasser» zur Heilung von allerlei Krankheiten.

Uriella verkaufte «Athrumwasser» zur Heilung von allerlei Krankheiten.

Wunder per Mausklick

Heute pilgern auch viele, die nichts mit der Esoterikszene zu tun haben, sondern sich nach etwas Ursprünglichem sehnen, zu einer der vielen Schweizer Quellen. Zum Glasbrunnen im Bremgartenwald nahe Bern zum Beispiel. Vor einigen Jahren porträtierte das Schweizer Fernsehen einen Anwohner, der die heilsamen Kräfte des Glasbrunnen-Wassers pries. So weit muss man aber gar nicht gehen. Man kann bequem zu Hause auf dem Sofa sitzen bleiben. Ein Mausklick genügt nämlich.

Das Internet ist voller Angebote mit Wasser-Wunderversprechen. Nicht immer kommen sie esoterisch daher. Ein Schweizer Online-Shop wirbt zum Beispiel mit dem «Aqua Vitalis». Das Gerät soll das Wasser revitalisieren. Viel mehr erfährt man nicht, ausser dass es 36 Franken kostet. Oder man kauft für 80 Franken einen Wasserverwirbler, der durch sein Wirbeln dem Wasser zu mehr Natürlichkeit und Frische verhelfen soll. Das Modell mit Edelsteinen kostet 488 Franken.

Kristalle zur Wasserveredelung sind überhaupt ein Renner. «Wir verkaufen sie jeden Tag», sagt Marisa Membrini von der Membrini Kristall AG. Auf die Frage hin nach dem Nutzen der Steine verweist sie auf Studien: «Sie beweisen, dass Edelsteine das Wasser länger haltbar machen.» Auch würden sie dem Wasser besondere Eigenschaften zuführen. Ein Beispiel: Rosenquarz im Wasser könne beruhigend wirken.

Auf der Website verkündet die Firma zudem, dass «Wasser ein Gedächtnis» habe und es Informationen aus der Umwelt speichern könne. Die «Wasser hat ein Gedächtnis»-Theorie hat viele Anhänger, online zumindest. Aus dem Grund behauptet ein anderer Anbieter, dass Elektrosmog das Wasser negativ beeinflusse. Da fragt man sich schon: Ist unser Wasser wirklich so schlecht zwäg?

Wissenschaftlich nicht bewiesen

«Die meisten Angebote, die vorgeben, das Wasser mit Heimanlagen zu verbessern oder länger haltbar zu machen, sind aus unserer Sicht unnötig und reine Geschäftemacherei», sagt Andri Bryner von der Eawag. Wasser kann keine Informationen speichern, das ist «wissenschaftlich nicht belegt», wie Eva van Beek vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sagt.

Fest steht: In der Schweiz ist es seit 1999 verboten, mit einer therapeutischen Wirkung des Wassers zu werben. Nicht umsonst: Uriella behauptete damals, mit ihrem Wasser Kranke heilen zu können. Ihr selbst hat es kaum geholfen. Jedenfalls heisst es immer wieder, sie leide an einer unheilbaren Nervenkrankheit.