Leben

Was macht zufrieden? Ein Forscherteam hat Befragungen aus 30 Jahren ausgewertet – was dabei herauskam, war nicht zu erwarten

© Katja Fischer De Santi

Väter sind am glücklichsten, wenn sie viel arbeiten, Sport bringt weniger als erhofft und Kinder haben fast keinen Einfluss auf das Glück. Die Auswertung einer der grössten Langzeitstudien zum Thema Zufriedenheit bringt einige Überraschungen zu Tage.

Was wir uns wünschen, ist nicht das, was uns zufrieden macht. Mehr Geld, mehr Freizeit und mehr Gleichberechtigung bringen auf der Zufriedenheitsskala kaum Punkte ein. Dafür sei es ratsam fürs eigene Lebensglück, keine Karriere zu machen und erst spät Kinder zu bekommen. Dies behauptet der deutsche Soziologe Martin Schröder.

Er sagt es nicht nur, er belegt es mit einer Flut an Statistiken. Denn, um gesichert zu erfahren, was zu Lebensglück verhilft, hat er sich durch 600'000 Befragungen gekämpft. Als Grundlage diente ihm das sozio-ökonomische Panel, eine renommierte alljährliche Umfrage mit 85'000 deutschen Teilnehmern, die seit 1984 läuft. Elf Lebensratschläge haben wir aus seinen Berechnungen abgeleitet.

1. Wenn Sie unbedingt Kinder wollen, dann nicht zu früh.

Kinder machen nicht zufrieden, zumindest sehr viel weniger, als wir uns eingestehen wollen. Vergleicht man Kinderlose mit Eltern, schwingen zwar Eltern im Zufriedenheitsranking fast immer obenaus, doch das könnte daran liegen, dass Zufriedene eher Kinder bekommen.

Interessanter ist es darum, zu vergleichen, ob dieselbe Person zufriedener wird, wenn sie Kinder hat. Martin Schröder hat genau das gemacht, und sein Fazit ist eindeutig.

Martin Schröder Soziologe

Martin Schröder Soziologe

Einzig Neugeborene erhöhen die Lebenszufriedenheit ihrer Eltern kurzfristig. Sobald das Kind zwei Jahre alt ist, ist es vorbei. Und mit noch einer Mär räumt Schröder auf: Auch erwachsene Kinder machen ihre Eltern nicht glücklicher als Kinderlose.

«Kinder scheinen für die eigene Lebenszufriedenheit einfach keine grosse Rolle zu spielen», schreibt er. Einen Tipp hat er für werdende Eltern aber: Bekommen Sie ihre Kinder Mitte 30, das macht laut Statistik am zufriedensten.

© Quelle: SOEP/Martin Schröder; Redaktion: Katja Fischer De Santi; Grafik: Lea Siegwart

2. Fünf Freunde sind genug.

Nichts, wirklich nichts, darin sind sich Psychologen, Psychiater und Soziologen einig, macht Menschen zufriedener, als mit anderen Menschen zusammen zu sein. Im besten Fall Menschen, die wir mögen. So belegen Personen, die von sich sagen, viele Freunde zu haben, in Glücksbarometern immer die obersten Plätze. Schröder hat sich angeschaut, was mit der Zufriedenheit einzelner Personen geschieht, wenn sie angeben, mehr oder weniger Freunde zu haben.

Resultat: Ab fünf Freunden passiert auf der persönlichen Glückskurve nicht mehr viel. Fünf enge Freunde sind für die meisten genug. Doch wie oft soll man sie sehen? Auch hier gilt: Wer seine Freunde schon immer viel gesehen hat, ist ein Zufriedenheitsgewinner (+10 Punkte auf der Skala bis 100) gegenüber dem Durchschnitt. Doch der entscheidende Zufriedenheitszuwachs für die einzelne Person liegt zwischen «seine Freunde nie sehen» und «einmal im Monat sehen».

Machen Sie sich also keine Sorgen, wenn Sie ihre Freunde nicht so oft sehen, aber Sie sollten unbedingt eine Handvoll Freundschaften haben und sie pflegen. «Selten erlauben die Daten eine so klare Handlungsanweisung, die auch noch direkt durchführbar ist», schreibt Schröder.

3. Schlafen Sie etwa acht Stunden pro Nacht.

Zu wenig Schlaf ist einer der grössten Zufriedenheitskiller. Menschen, die lange Zeit nur vier Stunden pro Nacht schlafen können, sind laut Studie extrem unzufrieden. Sie verlieren bis zu 17 Zufriedenheitspunkte im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Gegen Schlafmangel ist anscheinend selbst der Tod des Lebenspartners (-6 Punkte) ein Pappenstiel.

© Quelle: SOEP/Martin Schröder; Redaktion: Katja Fischer De Santi; Grafik: Lea Siegwart

Nun könnte man einwenden, es sei nicht erstaunlich, dass Menschen, die acht Stunden schlafen, sehr unglücklich werden, wenn sie über längere Zeit nur noch sechs Stunden schlafen können. Doch die Auswertung von Martin Schröder zeigt, dass vor allem Menschen, die immer schon sehr wenig oder sehr viel geschlafen haben, sehr unzufrieden sind.

Denkbare Gründe: Wer wenig schläft, fühlt sich kränker, und wenig Schlaf kann Ursache und Symptom einer Depression sein. Zu viel Schlaf, neun Stunden und mehr, deutet hingegen auf einen inaktiven Lebensstil hin. Allerdings hat Schröder nur Personen im gleichen Beschäftigungsgrad verglichen. Langschläfer sind nicht unzufrieden, weil sie keinen Job haben. Also: Gönnen Sie sich sieben bis acht Stunden Bettruhe, danach aber. Raus aus den Federn!

4. Trinken Sie Alkohol, am besten Wein und Sekt.

Kein Alkohol ist auch keine Lösung, lautet ein salopper Trinkerspruch. Nun, da könnte etwas dran sein. Nicht was die Leber-, aber was Ihre Zufriedenheitswerte angeht. Internationale Befragungen kommen immer wieder zum Schluss; wer wöchentlich bis fast täglich trinkt, ist am zufriedensten.

© Quelle: SOEP/Martin Schröder; Redaktion: Katja Fischer De Santi; Grafik: Lea Siegwart

Bevor Sie jetzt eine Flasche entkorken, sei eine Anmerkung erlaubt: Befragungen können aufzeigen, ob ein bestimmtes Verhalten (Alkohol trinken) mit Zufriedenheit einhergeht, doch ob das Verhalten die Zufriedenheit wirklich bedingt, muss jeder für sich entscheiden. So schätzen sich regelmässige Sekt- und Weintrinker 5 Punkte zufriedener ein als regelmässige Biertrinker. Was daran liegen könnte, dass Wein und Sekt oft zu feierlichen Anlässen getrunken wird.

Wer also regelmässig Sekt trinkt, hat vielleicht viel zu feiern und ist darum zufriedener und nicht allein wegen des Sekts. Martin Schröder hat herausgerechnet, dass Abstinenzler unzufriedener sind, weil viele von ihnen krank sind, nicht weil sie keinen Alkohol trinken. Tatsächlich unzufriedener sind hingegen gewohnheitsmässige Raucher.

5. Gehen Sie in die Oper statt ins Kino.

Hätten wir mehr Freizeit, wären wir auch glücklicher. Stimmt leider nicht! Bis zu drei Stunden Freizeit pro Tag machen tatsächlich zufriedener doch danach wird es schwierig. Mit acht Stunden Freizeit ist man genauso unzufrieden wie mit gar keiner Freizeit. Und was wir in der Freizeit auch anstellen – Konzerte besuchen, Sport treiben –, es hat nur marginalen Einfluss auf unsere generelle Zufriedenheit.

© CH Media

Mit einer Ausnahme: Der Konsum von Hochkultur macht tatsächlich zufriedener, satte 3 Punkte mehr im Gegensatz zum proletarischen Spass im Kino, der Disco oder am Popkonzert (+0,8). Was nicht daran liegt, dass wer in die Oper geht, mehr Geld hat, diesen Effekt hat Schröder herausgerechnet.

6. Verdienen Sie weniger als Ihr Mann, mehr als Ihre Frau.

Eine Katastrophe für den Feminismus: Da kämpfen Frauen vehement für mehr Lohn, und dann zeigt die Auswertung der grössten deutschen Langzeitbefragung, dass Frauen unzufriedener werden, wenn sie mehr verdienen als ihre Ehemänner. Bei den Männern ist es genau umgekehrt. Sie sind unzufrieden, wenn sie weniger verdienen als ihre Frau.

© Quelle: SOEP/Martin Schröder; Redaktion: Katja Fischer De Santi; Grafik: Lea Siegwart

Das gleiche Bild zeigt sich bei der Kinderbetreuung und der Aufteilung der Hausarbeit. Je klassischer und weniger gleichberechtigt die Rollenverteilung, desto zufriedener sind alle Beteiligten. Damit nicht genug: Männer, vor allem Väter, sind umso zufriedener, je länger sie arbeiten – bis über 50 Stunden pro Woche. Bei Müttern hingegen zeigt sich überhaupt kein Zusammenhang zwischen den Arbeitsstunden und der Lebenszufriedenheit.

Nun kann man einwenden, dass das bei einer Langzeitbefragung, die im Jahr 1984 angefangen hat, wenig erstaunlich ist. Doch der Effekt findet sich auch, wenn man nur die Ergebnisse der Befragungen nach 2005 berücksichtigt. Selbst für Martin Schröder ist der Befund erstaunlich. «Doch meine Aufgabe ist es, mit den Daten zu zeigen, wie die Welt ist, nicht, wie sie sein sollte.»

7. Machen Sie sich nicht zu viele Sorgen, Sie gewöhnen sich an fast alles.

Die vielleicht ernüchterndste Erkenntnis: An der eigenen Zufriedenheit kann man gar nicht so viel ändern. Das liege an der Set-Point-Theorie, die davon ausgeht, dass viel an unserer Zufriedenheit genetisch angelegt ist. Etwa wie optimistisch oder pessimistisch wir durchs Leben gehen. Selbst ein Lottogewinn, eine Traumhochzeit oder Kinder sorgen nur kurzfristig für mehr Zufriedenheit.

Die gute Nachricht: Das gilt auch für Schicksalsschläge. Unfallopfer mit Querschnittslähmung sind schon nach einigen Jahren wieder genauso zufrieden mit ihrem Leben wie der Rest der Bevölkerung. Auch Scheidungen und Todesfälle stecken die Befragten im Langzeitpanel erstaunlich gut weg. Nach rund drei Jahren waren sie wieder auf dem gleichen Zufriedenheitslevel wie vor dem Schicksalsschlag.

Die Erklärung? Wir gewöhnen uns an fast alles. Es gibt allerdings Effekte, die eine lebenslange Delle hinterlassen. «Männer erholen sich nie davon, arbeitslos zu sein. Es gibt sogar Narbeneffekte. Selbst wenn sie ihren Job wieder haben, scheint sie die Arbeitslosigkeit so traumatisiert zu haben, dass sie den Rest ihres Lebens eine stärkere Unzufriedenheit mittragen», schreibt Schröder.

8. Behalten Sie die Kontrolle – oder reden Sie sich dies ein.

Ein gewichtiger Faktor für die Zufriedenheit ist es, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wer wenig Kontrolle über sein Leben hat oder zu haben meint, wird unglücklich, ganz egal, ob er verheiratet, single, reich oder arm, gesund oder krank ist.

In Altersheimen, in denen die Bewohnerinnen selber bestimmen können, wann sie essen, welche Filme sie schauen, sind die Bewohner sehr viel zufriedener und leben gar länger. Die gefühlte eigene Freiheit ist auch dafür verantwortlich, dass Länder wie Mexico oder Kolumbien im World Values Survey in Sachen Zufriedenheit vor Norwegen und der Schweiz platziert sind.

In diesen Ländern schätzen die Bewohner sich selbst als sehr frei und selbstbestimmt ein. Unabhängig davon, ob sie es objektiv sind. Für die Zufriedenheit entscheidend ist, ob unser Leben unseren Vorstellungen und Wünschen entspricht. Man muss also nicht zwingend sein Leben ändern, oft genügt es schon, seine Wünsche und Vorstellungen anzupassen, um zufriedener zu werden.

9. Vergessen Sie das mit dem Sport, ernähren Sie sich besser gesund.

Gesundheit ist wichtig. «Wer sich schon immer für sehr ungesund hielt, ist gigantische 42 Punkte unzufriedener, als wer sich schon immer für sehr gesund hielt», schreibt Schröder. Auch ist dieselbe Person um 24 Punkte (von 100) unzufriedener in Jahren, in denen sie ihre Gesundheit für sehr schlecht statt sehr gut hält.

Körperliche Schmerzen haben nicht ganz so starke, aber immer noch extremen Einfluss auf die eigene Zufriedenheit. Nun hat man oft leider keinen direkten Einfluss auf seinen Gesundheitszustand. Einen Tipp hat Martin Schröder trotzdem: Auf gesunde Ernährung zu achten, ist nicht nur gesund, sondern macht auch zufrieden, sogar um einiges zufriedener als Sport zu treiben.

10. Seien Sie nicht zu erfolgreich.

Erfolgreicher als andere sein zu wollen, ist kein guter Weg zur Zufriedenheit. Das wissen Buddhisten seit tausend Jahren. Wir vergleichen uns natürlich trotzdem, es ist geradezu menschlich, besser sein zu wollen als andere. Doch es macht erwiesenermassen unglücklich, weil damit dauerhafte Konkurrenz einhergeht. Irgendeine hat immer das grössere Boot, einer den höheren Lohn.

Soziologe Schröder rät, sich Lebensziele zu setzen, deren Erfolg nicht auf dem Misserfolg anderer baut. Wer Ziele verfolgt, die anderen nicht schaden, ist auch selbst zufriedener. Wer hingegen versucht, besser als andere zu sein, bezahlt das teuer mit Zufriedenheitspunkten.

11. Stützen Sie ihre Zufriedenheit auf viele Pfeiler ab.

Der beste Weg zur Zufriedenheit ist nicht die stumpfe Suche nach mehr Vergnügen und Luxus, sondern nach sozialer Eingebundenheit, dem Flow durch eine interessante Tätigkeit und Abwechslung.

«Machen Sie sich klar, dass jede einzelne Quelle von Vergnügen umso weniger Nutzen bringt, je stärker Sie sie anzapfen. Versuchen Sie, viele unterschiedliche Vergnügen zu verfolgen, damit sie bei keiner einzelnen eine Gewöhnung erleben», rät Martin Schröder in seinem Fazit. Je breiter abgestützt ihre Zufriedenheit ist, desto weniger bringt sie ins Schwanken.

Und vergessen Sie bei aller Statistik nicht, dass Sie niemals ein durchschnittliches Leben haben werden, das allein daraus besteht, zufrieden zu sein.

Tipp:

Martin Schröder: «Wann sind wir wirklich zufrieden? Überraschende Erkenntnisse zu Arbeit, Liebe, Kindern, Geld» C. Bertelsmann 2020 288 Seiten

Martin Schröder: «Wann sind wir wirklich zufrieden? Überraschende Erkenntnisse zu Arbeit, Liebe, Kindern, Geld» C. Bertelsmann 2020 288 Seiten

Verwandtes Thema:

Autor

Katja Fischer De Santi

Meistgesehen

Artboard 1