Anthropologie

Warum wir ein friedfertiges Tier geworden sind

Schimpansen sind uns nahe verwandt, aber kämpfen viel lieber und sind aggressiver als wir. (Bild: imago images

Schimpansen sind uns nahe verwandt, aber kämpfen viel lieber und sind aggressiver als wir. (Bild: imago images

Der Anthropologe Richard Wrangham erklärt, wie wir uns selbst mit Gewalt zu einer domestizierten Spezies gezüchtet haben.

Der Mensch – eine friedliche Kreatur? Eine solche Behauptung macht uns erst stutzig. Wir würden eher das Gegenteil erwarten. Keine andere Kreatur kann gegenüber seinesgleichen so wüten wie der Mensch. Auch Tiere kämpfen untereinander. Aber menschliche Kriege sind denn etwas anderes.

Und doch trifft es zu. Die Erklärung ist, dass es zwei Arten von Aggression gibt, die sich auch biologisch unterscheiden lassen: reaktive Aggression und aktive Aggression. Tiere, die für ihr aggressives Verhalten bekannt sind wie unsere Verwandten, die Schimpansen, praktizieren reaktive Aggression. Reaktive Aggression ist «heissblütig», entsteht im Augenblick, wenn die Kontrolle verloren geht, und antwortet meist auf eine Bedrohung, ob eingebildet oder real.

Warum Schimpansen nicht nach New York fliegen

In der Literatur wird das von den Anthropologen meist am Beispiel des Langstreckenflugs demonstriert. 300 Menschen sind gut imstande, sich 16 Stunden in eine Metallröhre zu pferchen und danach wieder auszusteigen. Mit Schimpansen sollte man das nicht versuchen. Die Passagierliste wäre beim Aussteigen kürzer als beim Boarding.

In dieser Hinsicht ist der Mensch eine recht friedliche Spezies. Was wir hingegen «gut können», ist aktive Aggression. Das ist die «kalte» Variante, geplante, überlegte Aggression: Krieg und Massenmord. Dass dafür einiges an kognitiver Power nötig ist, hängt auch mit der Freundlichkeit zusammen. Sprache und Kooperation haben uns schon zu etwas besonderen Tieren gemacht. Und das im Guten wie im Schlechten.

Charles Darwin

Charles Darwin

Diese unvermutete Friedseligkeit ist auch schon Charles Darwin aufgefallen, der es wie kein anderer verstand, aus Einzelbeobachtungen auf wichtige Zusammenhänge zu schliessen. Auch er stimmte der Hypothese zu, dass der Mensch ein domestiziertes Tier sei. Domestizierte Tiere sind nicht einfach gezähmt, sondern unterscheiden sich im Körperbau und im Verhalten von ihren wilden Verwandten.

Dmitri Konstantinowitsch Beljajew mit seinen Silberfüchsen.

Dmitri Konstantinowitsch Beljajew mit seinen Silberfüchsen.

Dmitri Konstantinowitsch Beljajew (1917-1985) lieferte mit seinen Silberfüchsen den entscheidenden Hinweis. Er wählte jeweils die Tiere aus, die weniger menschenscheu und weniger bissig waren. Schon bald hatte er mit dieser Minus-Aggressivitätsstrategie nicht nur zahme Füchse, sondern sie glichen auch anderen domestizierten Arten.

Zwar keine Schlappohren, aber leichtere Knochen

Offenbar gibt es ein «Domestizierungssyndrom», ein Büschel von Merkmalen, die von weissen Flecken auf Stirne und Pfoten bis zu Schlappohren reichten. Vier Skelettmerkmale können wir auch an uns, dem Homo sapiens, beobachten. Wir sind graziler als unsere Neandertal- und Denisova-Vettern; unser Gesicht ist flacher und unsere Zähne kleiner, der Unterschied zwischen Weibchen und Männchen ist weniger ausgeprägt und wir haben ein kleineres Gehirn. Wobei die kleineren Gehirne der domestizierten Arten meist leistungsfähiger sind als die grösseren Gehirne ihrer wilden Vorfahren.

Heute wissen wir besser als Darwin, dass diese Harmlosigkeit eine genetische Basis hat. Wir wissen, dass zwei biologische Systeme das Domestizierungssyndrom bewirken: die Wanderung der Neuralleistenzellen – das sind besondere Stammzellen, die an verschiedenen Orten des Körpers Veränderungen in Gang bringen – und Schilddrüsenhormone.

Unsere Haustiere haben wir gezüchtet. Wessen Haustiere sind wir? Zum Glück gibt es auch «in der freien Natur» domestizierte Arten. Gott oder die Aliens können wir wieder streichen. Wir waren es offenbar selbst. Da wir die einzige domestizierte Menschenart sind, muss das schon früh in der Entwicklung zum Homo sapiens angelegt worden sein.

Der Tyrannenmord am Anfang der Friedfertigkeit

Der Anthropologe Richard Wrangham liefert eine faszinierende Erklärung. Schimpansen sind sozial streng hierarchisch organisiert. Das aggressivste, stärkste männliche (Alpha-) Tier ist der Boss, der seine Position aber dauernd gegen ebenso aggressive Jungmännchen verteidigen muss. Der Homo sapiens lebt in Familien, nicht immer ganz friedlich, aber nicht zu vergleichen mit dem Dauerkampf in einer Schimpansengruppe.

Was war Ursache, was war Wirkung? Schwer zu sagen. Aber es war die Kultur. Unsere Vorfahren haben Sprache und Kooperation nicht nur für Wissenschaft und Philosophie entwickelt, sondern auch zur Hinterrücks-Intrige. Möchtegern-Alpha-Männchen wurden durch soziale Absprache der «Harmloseren» gebremst und – wie zu vermuten ist – eliminiert. Die Hinrichtung der jeweils aggressivsten Männchen machte uns «harmloser» und friedlicher. Die Gesellschaft wurde dadurch egalitärer, aber die soziale Kontrolle auch strenger. Der Homo sapiens ist auch das «moralische Tier». Um die Missbilligung der «Ältesten» zu vermeiden, muss man wissen, was richtig und falsch , was geboten und was verboten ist.

Richard Wrangham: Die Zähmung des Menschen. Warum Gewalt uns friedlicher gemacht hat. Eine neue Geschichte der Menschwerdung. DVA München 2019. 496 S., Fr. 42.90.

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