Delikte wegen Pornografie, Gewaltdarstellung und Ehrverletzungen nehmen zu, besonders unter Jugendlichen. Welche Rolle spielen dabei die sozialen Medien?

Immer mehr Jugendliche besitzen ein Smartphone und sind in den sozialen Medien aktiv. Der Zugang zu Pornografie oder Gewaltdarstellung wird damit leichter. Doch das ist nur die eine Seite. In der JAMES-Studie befragen wir regelmässig Jugendliche, ob sie mit solchen Inhalten bereits in Kontakt gekommen sind. Dieser Wert bleibt seit 2014 Jahren konstant.

Dann gibt es nicht mehr Fälle, sondern bloss mehr Anzeigen?

Die Gesellschaft reagiert heute sensibilisierter auf Cybermobbing oder Beleidigungen in der digitalen Welt. Deshalb wird die Polizei öfter eingeschaltet.

Ein 12-jähriger Junge aus Zürich wurde kürzlich von der Polizei in der Schule abgeholt, weil er ein Gewaltvideo in einen Klassenchat gestellt hat. Werden da Jugendliche nicht zu früh kriminalisiert?

Ich nehme an, die Aktion sollte auch abschreckend auf die anderen Schüler wirken. Es ist richtig, dass Lehrer, Eltern oder Mitschüler auf Gewalt oder Beleidigungen im Netz reagieren, allerdings sollten zuerst pädagogische Massnahmen im Vordergrund stehen. Erst wenn diese nicht fruchten, halte ich eine Anzeige für sinnvoll.

Wird im Netz schneller beleidigt als auf dem Pausenplatz?

Wenn man die direkte Reaktion des Gegenübers nicht sieht, sinkt die Empathie. Digitale Kommunikation wirkt deshalb sehr enthemmend. Das ist gefährlich. Cyber-Mobbing kann die Opfer stärker treffen als Anfeindungen auf dem Pausenplatz. Einerseits weiss das Opfer nicht, wer die Beleidigung gelesen oder gehört hat, andererseits können sie noch über lange Zeit weiter verbreitet werden.

Sind Jugendliche durch die digitalen Medien heute mehr Risiken ausgesetzt als früher?

Grundsätzlich ja, aber vieles verbessert sich auch, zum Beispiel das Bildungssystem oder die Freizeitangebote für junge Menschen. Jugendliche kommen viel schneller mit Pornografie oder Gewaltbildern in Kontakt. Das lässt sich nur schwer verhindern. Sie können aber lernen, sich abzugrenzen und zu schützen.

Was raten Sie Eltern?

Je jünger die Kinder und Jugendlichen sind, desto zurückhaltender sollten sie Persönliches auf den sozialen Medien preisgeben. Je mehr Bilder man von sich selber postet, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, beleidigt zu werden. Gerade freizügige Posen haben oft Mobbing zur Folge – oder sexuelle Belästigung. Es gilt die Regel: Nur Fotos posten, die man auch als Bilder in der Schule aufhängen würde.

Was raten Sie, wenn das eigene Kind gemobbt wird?

Eltern sollten Screenshots machen, damit sie nachweisen können, wie und in welcher Form ihr Kind beleidigt wird. Wichtig ist danach die Kommunikation. Sowohl mit dem eigenen Nachwuchs aber auch mit Lehrern und den Eltern des mobbenden Kindes. Auf Beleidigungen im Netz – aber auch in den Klassenzimmern – muss man rasch reagieren.