Weimar

Von Goethes Stammbeiz zum Bauhaus: Eine Kulturreise nach Thüringen und Sachsen

Das Bauhaus Dessau. Walter Gropius baute die Schule 1925–26. Sie wirkte damals wie ein utopisches Ufo.

Das Bauhaus Dessau. Walter Gropius baute die Schule 1925–26. Sie wirkte damals wie ein utopisches Ufo.

Eine Reise nach Weimar und Dessau lohnt sich wegen des Jubiläums 100 Jahre Bauhaus, wegen Goethe und wegen Schillers Tapeten – aber nur bedingt wegen der Thüringer Klösse und der neuen Museen.

Wir starten die Reise in Weimar. Ein trüber Herbstmorgen. In der Seidengasse kommt uns eine ­Gruppe Touristen entgegen. Sie wissen: Über diese Pflastersteine ist Goethe ­jeden Tag gegangen. Ehrfurcht macht sich breit. Ein Gefühl, das einen in Weimar in jeder zweiten Strasse beschleichen kann.

Gibt es irgendeine andere Kleinstadt mit einer grösseren Dichte an Schriftstellern, Denkern und Komponisten, an kunstsinnigen Frauen und Fürsten? Kommt dazu, dass 2019 weltweit 100 Jahre Bauhaus gefeiert wird, die Schule, wo die Moderne in Design und Architektur miterfunden wurde. Mit dem werbewirksamen Slogan «das Bauhaus stammt aus Weimar». Auch hier – und auch 1919 – wurde im Stadttheater die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung abgehalten, wodurch Deutschland von der Monarchie zur «Weimarer Republik» wurde.

Goethe ist omnipräsent

Als Touristin hat man in Weimar also ziemlich zu tun – und ist dabei garantiert nie allein. Den Grundstein zur Kultur-Metropole legten schon vor 250 Jahren Herzog Carl August und seine Mutter Anna Amalia. Der 19-jährige Herzog lud 1775 den 26-jährigen Goethe, eben mit den «Leiden des jungen Werther» zu Ruhm gelangt, ein, sich in der Stadt niederzulassen. Er schenkte ihm ein so malerisches wie einsames Haus in der Ilmer Aue. Bei der Besichtigung kann man sich gut vorstellen, wie Goethe hier dichtete und lebte, seinen Garten plante, des Nachts im Fluss badete, Gesellschaft einlud, sich Weltruhm erschrieb und als Minister und Geheimrat tüchtig Einfluss auf Städtchen und Herzogtum nahm.

Bald bekam er vom Herzog eine grosszügige Stadtresidenz. An der Ecke Frauenplan-Seidengasse sind Haus und Garten im Originalzustand erhalten, denn Goethes Sohn öffnete sie kurz nach dem Tod des grossen Autors 1832 als Museum.

Goethes repräsentatives Wohnhaus mit den farbigen Wänden (nach seiner Farbenlehre konzipiert) und voller Kunstwerke ist im Originalzustand erhalten. Sehenswert!

Goethes repräsentatives Wohnhaus mit den farbigen Wänden (nach seiner Farbenlehre konzipiert) und voller Kunstwerke ist im Originalzustand erhalten. Sehenswert!

Man wandelt durch die farbenprächtig ausgemalten Repräsentationsräume voller Kunst und guckt ehrfurchtsvoll in das dunkelgrün ge­strichene Arbeitszimmer. Wichtigstes Stück ist der quadratische Tisch mit den leicht abgerundeten Ecken in der Mitte. Hier sass der Gehilfe, schrieb auf, was ihm der Dichter, den Tisch wie ein Löwe umkreisend, denkend und vorzu formulierend, diktierte.

Goethes Arbeitszimmer: Dunkelgrüne Konzentration.

Goethes Arbeitszimmer: Dunkelgrüne Konzentration.

Schräg vis-à-vis steht Goethes Stammbeiz, «Zum Weissen Schwan», ein Hotspot des Tourismus. Auf der Karte selbstverständlich die lokale Spezialität: Thüringer Klösse. Sie schmecken, wie sie klingen: schwer. Mit den Rostbratwürsten haben wir uns aber angefreundet. Zum Pflichtprogramm Weimars gehören die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die nach dem verheerenden Brand 2004 umfassend renoviert wurde, das Residenzschloss, das Museum zur Weimarer Republik, das neu renovierte Alte Museum, die Altstadt, der Park an der Ilm und das Schiller-Haus. Hier schrieb Friedrich Schiller – erst zögerlich, dann dick befreundet mit Goethe – seinen «Wilhelm Tell». Er litt unter Geldmangel («Wir geben mehr aus, als wir einnehmen», heisst es im Haushaltbuch), und er starb früh, mit 45 Jahren. Bleibenden Eindruck machen die überaus eigenwilligen, aber bedingt geschmackvollen Tapeten.

Das Bauhaus kommt aus Weimar

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Es sei denn, eine Schule gebe vor, was gut und was schlecht, was veraltet und was fortschrittlich ist. Solche Normen und vor allem die Neuzeit brachte 1904 der belgische Künstler und Architekt Henry van de Velde nach Weimar. Er verwandelte die grossherzogliche Kunstschule in eine moderne Kunstgewerbeschule und baute dafür Atelier- und Schulhäuser, deren abgeknickte, riesige Fenster technisch revolutionär waren und bis heute die Gebäude prägen – ebenso seine Liebe zu schwungvollen Treppen.

Schwungvolles Treppenhaus von Henry van de Velde in der heutigen Bauhaus-Universität Weimar

Schwungvolles Treppenhaus von Henry van de Velde in der heutigen Bauhaus-Universität Weimar

Die Idee aber, dass sich Kunst und Handwerk wieder finden, dass dazu die Ausbildungen grundsätzlich revolutioniert werden müssten, setzte erst van de Veldes Nachfolger durch. Walter Gropius proklamierte 1919 die Gründung des Bauhauses, ­holte die künstlerische Avantgarde aus ganz Europa als Meister. Sein ausgeklügelt konzipiertes Arbeitszimmer kann man auf Führungen bewundern.

Von Thüringen nach Sachsen

Was heute weltweit als Wiege der Moderne verehrt wird, fand in Weimar nicht nur Freunde. Als 1924 die Nationalsozialisten im Thüringischen Landesparlament die Mehrheit errangen, musste das Bauhaus weg. Gropius zog mit der ganzen Schule um, ins sozialdemokratisch regierte Dessau, im Bundesland Sachsen. Innert nur zwei Jahren baute er die neue Schule inklusive Studentenwohnheim. Man kennt das von Bildern und aus Büchern, aber auf Führungen durch das Gebäude staunt man über den wagemutigen Einsatz der riesigen Atelierfenster, über Gropius’ wohltuendes Architekturprinzip Form folgt Funktion. Vor Ort begreift man, warum dieser Bau für die Zeit utopisch anmutete und für das folgende Jahrhundert stilbildend wurde.

Mutige Fensterfronten mit seriellen Lüftungsflügeln am Bauhaus. (Bild Alamy)

Mutige Fensterfronten mit seriellen Lüftungsflügeln am Bauhaus. (Bild Alamy)

In den Werkstätten schufen Meister und Studentinnen die neuartigen Stahlrohrmöbel, schlichte Lampen, geometrische Webteppiche, Geschirr und ­Möbel... Design, das den biedermeierlich-bürgerlichen Muff eliminierte und bis heute begeistert.

Meisterhäuser: am liebsten würde man einziehen

Die Meisterhäuser in Dessau (von Walter Gropius 1925-26 gebaut) wurden zu Vorbildern für den modernen Wohnungsbau.

Die Meisterhäuser in Dessau (von Walter Gropius 1925-26 gebaut) wurden zu Vorbildern für den modernen Wohnungsbau.

Begeistert reagieren heutige Besucherinnen und Besucher auf die Meisterhäuser. Bauhaus-Direktor Gropius baute für sich und die wichtigsten Lehrer das wohltuend in einem lockeren Fichtenwäldchen gelegen Ensemble. Die äussere Form war betont schlicht, aber kubisch raffiniert gegliedert. Im ­Innern griffen Lionel Feininger wie Wassily Kandinsky und Paul Klee zu Farben – sie waren schliesslich Maler. So erlebt man die restaurierten Häuser als gebaute Statements ihres Farbensinns. Pink, türkis und schwarz die Wände, goldig die Türrahmen: Was wild klingt, vereinte Kandinsky zu einem anregenden Wohnkonzept. Klee setzte auf warmes Gelb, Orange und Rot, die mit sanften Blautönen zu einem luftig-heiteren Wohngefühl führten. Hier möchte man am liebsten einziehen.

Farben prägen das Innere der Meisterhäuser in Dessau. Paul Klee setzte auf arme Töne.  Bild: Alamy

Farben prägen das Innere der Meisterhäuser in Dessau. Paul Klee setzte auf arme Töne. Bild: Alamy

Sind neue Museen das richtige zum Jubiläum?

Zum 100. Geburtstag hat man die Bauhaus-Denkmäler nicht nur herausgepützelt, erforscht und touristisch vermarktet, sondern in Weimar wie in Dessau neue Museen gebaut. Wenn es eine Enttäuschung dieser Reise gab, dann diese Neubauten. Erstens sind sie ­architektonisch keine Würfe. Der graue Monolith in Weimar ist äusserlich ­ansprechend, aber so gross, dass die Schau über die Anfänge des Bauhauses ziemlich aufgeblasen wirkt.

Das Bauhaus-Museum in Weimar wurde im März 2019 eingeweiht.

Das Bauhaus-Museum in Weimar wurde im März 2019 eingeweiht.

In Dessau hat man einen monumentalen und ­verspiegelten, aber langweiligen Glaskubus ins verschlafene Städtchen gepflanzt, ins Innere eine riesige, fensterlose Betonkiste als Ausstellungsraum gehängt und sie mit Tausenden von ­Dokumenten und Dingen überbelegt.

Zweitens fragt man sich: Ist der Blick zurück die richtige Tat? Die Bauhaus-Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Mies van der Rohe, aber auch ihre Meister und Studentinnen dachten visionär, erschufen Revolutionäres. Gesellschaft, Architektur und die Zeitstimmung verlangen doch heute wie damals nach einem Wandel. Die Bauhäusler selber hätten das Geld und den Schwung des Jubiläums wohl lieber für etwas Fortschrittliches eingesetzt, statt Konservierungs-Institute zu bauen. Sie hätten vielleicht mit neuen Wohntypen, digitaler Architektur, ­Energieeffizienz experimentiert oder gar eine neue Schule für eine bessere Welt lanciert.

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