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Von der Reblaus verschont: Zypern gehört zu den ältesten Weinanbaugebieten der Welt

Hier baut Marco Zambartas zypriotische Weine in hoher Qualität an. Die Landschaft mit den Weinbergen ist eindrücklich und geht bis über 1000 Meter ü. M.

Hier baut Marco Zambartas zypriotische Weine in hoher Qualität an. Die Landschaft mit den Weinbergen ist eindrücklich und geht bis über 1000 Meter ü. M.

Die Spezialitäten der Insel sind bei uns weitgehend unbekannt. Ivan Barbic, «Master of Wine» aus Wädenswil, ist Weineinkäufer und Weinberater. Er führt Sie in die Welt der zypriotischen Weine ein.

Der Weinbau auf Zypern ist 6000 Jahre alt, zählt zu den ältesten Weinbaugebieten der Welt, und doch sind seine Weine nur wenigen Fachleuten bekannt. Ausserhalb der touristisch immer beliebteren Insel sind zypriotische Weine kaum anzutreffen. Wie in anderen Weinbauländern begann auch in Zypern in den 1990er-Jahren eine neue, engagierte und im Ausland ausgebildete Winzergeneration kompromisslos auf Qualität zu setzen.

Zypriotische Weine sind aufgrund verschiedener Tatsachen einmalig: Der Süsswein Commandaria ist der Wein mit der längsten, ununterbrochenen Produktionsgeschichte auf der Welt. Im 8. Jahrhundert v. Chr. berichtete der griechische Dichter Hesiod erstmals über die Herstellung des zypriotischen Süssweins. Den Namen erhielt dieser von den Johannitern des Kreuzritterordens (1192–1489 zur Zeit der Herrschaft der Lusignans), die in der Nähe des heutigen Limassol residierten und ihren Hauptsitz als «Kommandantur» bezeichneten. Die Region wurde als «Grande Commandarie» bekannt.

Die Rebberge rund um das Troodosgebirge erstrecken sich auf bis zu 1600 Meter über Meer und gehören somit zu den höchstgelegenen in Europa. In Zypern werden vornehmlich einheimische Rebsorten angebaut, von denen es vierzehn gibt. Die wichtigsten sind bei den Weissen Xynisteri und Promara, bei den Roten Maratheftiko und Yiannoudi. Die international verbreiteten Sorten wie Cabernet Sauvignon, Chardonnay und Sauvignon blanc nehmen eine verschwindend kleine Rebfläche ein. Stellvertretend dafür steht die Kellerei Vouni Panayia der Familie Kyriakides. In ihrer spektakulären Reblandschaft, die sich auf einer Höhe von 1000 bis 1100 Metern befindet und unter Schutz von «Europa Natura 2000» steht, werden ausschliesslich autochthone Rebsorten angebaut.

Der Reblaus entkommen

Diese einheimischen, autochthonen Reben sind allesamt noch wurzelechte, europäische Edelreben, wie sie es auf der Welt nur noch in Australien, Chile und wenigen weiteren Weinregionen gibt: Die Ende des 19. Jahrhunderts in den europäischen Weinbaugebieten wütende Reblaus (Phylloxera vastatrix) ist dafür verantwortlich. Der Schädling hat damals während Jahrzehnten in Europa die Weinproduktion drastisch verringert, ein verlässliches Gegenmittel ist bis heute nicht gefunden worden. Die Lösung, mit der man heute arbeitet, ist das Aufpfropfen der europäischen Edelreben auf reblausresistente amerikanische Wurzelstöcke. Zwar werden auch diese durch Rebläuse verletzt, aber sie haben im Gegensatz zu den europäischen Pflanzen die Fähigkeit erworben, diese Wunden selbstständig zu schliessen und so zu überleben. Die Weine, die wir heute konsumieren, stammen – mit Ausnahme der genannten Länder und Weinregionen – von Trauben solcher aufgepfropfter Reben.

Die zypriotischen Rebflächen wurden dank ihres Inseldaseins vom Befall durch die Reblaus bis heute verschont. Damit dies so bleibt, ist der Import von Rebsetzlingen nach Zypern verboten worden. Für Neupflanzungen eines Rebbergs müssen durch den Winzer selber aus bestehenden Reben vermehrte Setzlinge benutzt oder welche bei der staatlichen Rebschule gekauft werden. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die einheimischen zypriotischen Sorten sehr stresstolerant sind in Bezug auf Hitze und Trockenheit.

Tiefere Traubenerträge, aromatischere Weine

Eine oft kolportierte Meinung besagt, dass Weine aus Trauben europäischer Edelreben, sogenannter wurzelechter Reben, qualitativ hochwertiger seien. Die tief verwurzelten Pflanzen sollen besonders extraktreiche, das jeweilige Terroir geschmacklich authentisch ausdrückende Trauben ergeben. Wissenschaftlich konnte dies noch nicht nachgewiesen werden. Ein möglicher Grund für Weine mit mehr Tiefgründigkeit, aromatischer Intensität und Finesse könnte aber in der Tatsache liegen, dass die immer noch produktiven europäischen Edelreben auf Zypern und den anderen Reblausfreien Weingebieten sehr alt sind und deswegen tiefere Traubenerträge bringen, welche sich in dichteren und aromatischeren Weinen auswirken.

Aufgepfropfte Reben bringen generell höhere Erträge, weil sich mit der Wahl der Unterlagsrebe die so gepflanzten Reben wesentlich besser auf die jeweils herrschenden Bodenbedingungen (Salz- und Kalkgehalt des Bodens, Resistenz gegen Phylloxera und Nematoden) und das Klima (Trockenheitsresistenz, Fähigkeit zur Wasserspeicherung und Wüchsigkeit) anpassen lassen.

Eine kürzlich in Zürich in Anwesenheit des vermutlich bekanntesten zypriotischen Winzers, Marcos Zambartas, durchgeführte Degustation hat viele bemerkenswerte Weine gezeigt. Hervorzuheben ist Zambartas’ Xynisteri Single Vineyard 2017, ein fülliger und dennoch ausgewogener, frischer und sehr aromatischer Weisswein, sowie der Yiannoudi («Hänschen») 2016 von Tsiakkas, ein äusserst eleganter, nicht zu wuchtiger, aber sehr tiefgründiger und vielschichtiger Rotwein. Einige ältere Jahrgänge der Weine haben ein beeindruckendes Reifepotenzial gezeigt. Die Schweiz ist einer der wenigen Weinmärkte, auf denen diese Weine verfügbar sind.

* Ivan Barbic ist «Master of Wine» aus Wädenswil. Der Weineinkäufer und Weinberater schreibt regelmässig für Fachzeitschriften.

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