Geschichte

Vom US-Militär finanziert und erst in den 90ern privatisiert: Wie das Internet entwickelt wurde

Das Protokoll der ersten Nachricht auf dem Arpanet: «Talked to SRI. Host to Host.» BBN (Bolt, Beranek, Newman) erhielt den Auftrag, die Knoten zu programmieren. Bild: zvg

Das Protokoll der ersten Nachricht auf dem Arpanet: «Talked to SRI. Host to Host.» BBN (Bolt, Beranek, Newman) erhielt den Auftrag, die Knoten zu programmieren. Bild: zvg

Das erste Wort wurde am 29. Oktober 1969 zwischen zwei Universitäten übermittelt. Erdacht hat sich das Internet aber das Militär.

Warum wurde das Internet erfunden? Mehrere Geschichten werden erzählt. Die erste geht so: Als 1957 die Sowjets den Sputnik ins All schossen, war klar, dass jeder Punkt in den USA Ziel eines atomaren Sprengkopfs sein könnte, transportiert durch eine ballistische Rakete, gegen die es kein Abwehrmittel gab. Um einen Vergeltungsschlag ausführen zu können, musste die Kommunikation sichergestellt werden. Deshalb wurde das Internet mit seinen vielen Knoten erfunden. Das ist die militärische Variante.

Die zweite lautet so: Als man bereits mit Computern herumgespielt hatte, vor allem an Universitäten, störte man sich an zwei Dingen: Dass man Magnetbänder oder sonst etwas in die Finger nehmen musste, wenn man Daten von einer Maschine zu einer anderen transportieren wollte. Und dass die Rechenkapazität zu wünschen übrig liess.

Warum die Computer nicht miteinander verbinden? Informatik-Professoren und studentische Nerds fanden in den 60er-Jahren Gefallen an der Idee. Der Computer sollte auch ein bisschen behilflich sein, die Welt friedlicher zu machen.

Beide Geschichten enthalten Wahres. Die wissenschaftliche Pioniertat erbrachten keine Männer in Uniformen. Aber den Projektrahmen und das Budget lieferte das Militär. Ausgangspunkt wieder der Sputnik. Die Regierung wurde 1957 heftig kritisiert, Präsident Eisenhower wollte nicht der Mann sein, der am Steuer eingeschlafen war. Sein Verteidigungsminister Neil McElroy lieferte ihm die Idee: die Advanced Research Projects Agency (ARPA).

Die Agentur bestand aus einem kleinen Gremium und einem Riesenbudget. Die Behörde sollte brainstormen, was es brauchte, um die Sowjets wissenschaftlich (und militärisch) wieder einzuholen, und dann an Universitäten oder Private Aufträge erteilen und Finanzierung anbieten. Dem Präsidenten gefiel die Idee, weil er seinen Generälen nicht traute und befürchtete, die würden nur Geld verpulvern.

ARPA lieferte in den Anfangsjahren auch allerlei Überspanntes. Satelliten, welche sowjetische Raketen mit riesigen Netzen einfangen sollten, oder eine Art elektromagnetischer Vorhang aus geladenen Teilchen, der durch «kleine» Nuklearexplosionen im All «herabgelassen» werden sollte.

Vietnam: Eine neue Art, einen Krieg zu führen

Dann kam Vietnam. Und in die ARPA ein Mann namens William Godel. Ihm wurde schnell klar, dass die USA auf diesen Guerillakrieg schlecht vorbereitet waren. Im Dschungel gegen einen beweglichen flinken Feind nützte die ganze technologische Überlegenheit der Bewaffnung nichts.

Was konnte ARPA liefern? Mit dem Projekt «Igloo White» versuchte man, gewissermassen «das Schlachtfeld zu verwanzen». Im Dschungel wurde ein unsichtbarer elektronischer Zaun ausgelegt: Sensoren, die auf Geräusche und sogar Gerüche reagieren sollten, um die Guerillatrupps des Vietcongs zu orten. Alles zentral gesteuert und überwacht von Computern. Das Projekt kostete Unsummen. Und war nutzlos. Die Vietcong-Kämpfer tricksten es aus. Mit Tonbändern und Urinkanistern.

Das war immerhin harmlos. «Operation Ranch Hand», die auch von ARPA Support erhielt, war es nicht mehr. Die Entlaubungschemikalien und Herbizide (nicht nur Agent Orange), die von Flugzeugen versprüht wurden, machten nicht nur den Wald kaputt und verseuchten die Umwelt, sondern schädigten auch Menschen, Nordvietnamesen wie GIs. Und die Idee, Hungerkatastrophen zu verursachen, widersprach dem Genfer Abkommen.

Godel war ein technologiebesessener ARPA-Mann, wer sich aber mit Computern bestens auskannte, war J.C.R. Licklider, ein MIT-Professor, der seine Vornamen selber nicht ausschrieb und sich «Lick» nennen liess. Er richtete in der ARPA die Computerforschung neu aus, weg vom Militärischen. Wie andere Informatiker seiner Zeit träumte er von der grossen vernetzten Denkmaschine, welche nicht nur verwalten und sortieren, sondern auch Lösungen vorschlagen und Prognosen stellen konnte.

Computer können mehr als effizienter bombardieren

Lick stiess Projekte an, an Computern und deren Vernetzung zu forschen. Und die schliesslich zum Internet führten. Einige Historiker sehen in ihm eine der wichtigsten Figuren in der Geschichte der Computerforschung und des Internets. Was Godel machte, habe er nie genau gewusst, sagte er später.

Mittlerweile hatte der ARPA-Mann Lawrence Roberts das Netzprojekt weitergebracht. Packet Switching, die Idee, dass eine Botschaft in mehrere Pakete gestückelt über verschiedene Knoten geschickt und am Zielort wieder zusammengebaut wird, hatte sich Bahn gebrochen. Geboren aus der Furcht, ein sowjetischer Atomschlag könnte die Kommunikationswege zerstören, hatte sich die Methode auch als effizienteste Art und Weise gezeigt, in einem diversifizierten Netz zu kommunizieren.

Eines von Licks Projekten hatte die University of California (UCLA) und das Stanford Research Institute (SRI) zusammengebracht. Um halb elf Uhr am Abend des 29. Oktobers 1969 wurde von Santa Barbara (UCLA) per Telefon das Wort «LOGIN» zum SRI geschickt.

Das Netzprojekt hatte seine militärische Vergangenheit hinter sich gelassen. Viele Wissenschafter wirkten mit, die sich leichter zur Mitarbeit motivieren liessen, wenn es nicht zum Bomben führen sollte. Das Arpanet diente nicht nur der Kommunikation, sondern war auch ein Objekt der Forschung.

Leonhard Kleinrock von der University of California und seine Studenten waren massgeblich daran beteiligt, das Netzwerk zu optimieren. Netzwerktechnologie, Protokolle, Router und Switches wurden verbessert. Ab 1990, in den Reagan-Jahren, wurde das Arpanet nach diversen Transformationen privatisiert. Providerfirmen waren – meist als Spin-offs – in grosser Zahl entstanden. Das Internet war geboren.

Leonard Kleinrock, der sich um die (mathematische) Theorie und Erforschung von Netzwerken verdient gemacht hatte. Bild: zvg

Leonard Kleinrock, der sich um die (mathematische) Theorie und Erforschung von Netzwerken verdient gemacht hatte. Bild: zvg

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