«Erst ein Kind macht das Leben komplett und glücklich», dachte Gabriela Thomann, als sie mit 27 Jahren heiratete. Ihr Lebensweg schien in Stein gemeisselt: Ausbildung zur Lehrerin für Handarbeit und Werken, Heirat, Haus und Kinder, Teilzeit arbeiten. Es kam alles anders. «Ich habe meine klassischen Lebensansichten auf den Kopf gestellt», sagt die Frau in Jeans, Blazer, weisser Bluse, die einen Perlanhänger und eine weisse Uhr trägt.

Die heute 37-Jährige und ihr Mann versuchten acht Jahre lang erfolglos, ein Kind zu bekommen. Sie sind damit nicht allein: Rund 6000 Paare entscheiden sich in der Schweiz jährlich für eine künstliche Befruchtung. Doch nur 2000 Frauen werden schwanger. Klappt es nicht mit dem Kindersegen, geraten viele Frauen in einen Strudel der Verzweiflung. Dann sind sie zu fast allem bereit, was Hilfe verspricht. Egal, wie langwierig und mühsam die Behandlung sein wird.

«In der Öffentlichkeit wird hauptsächlich über die Erfolge der Reproduktionsmedizin gesprochen», sagt Buchautorin Regula Simon, die Seminare für ungewollt kinderlose Frauen anbietet. Dabei wurde sie auf die Nöte jener Frauen aufmerksam, die die Leistungen der Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen. «Ich war sehr betroffen, als ich realisierte, was diese Frauen durchmachen.» Sie arbeitet derzeit an einem Buch über Paare, die trotz Behandlung kinderlos blieben. «Kinderlosigkeit ist nicht per se ein trauriges Schicksal», sagt Regula Simon. Deshalb lasse sie Paare zu Wort kommen, die sagen können: «Wir hätten es uns zwar anders gewünscht, aber jetzt ist es gut, so wie es ist, und wir würden es nicht mehr anders wollen.» Gabriela Thomann gehört zu den Frauen, die im Buch ihre Leidensgeschichte erzählen. «Ungewollte Kinderlosigkeit ist ein Tabu, dabei es ist wichtig, offen darüber zu sprechen», sagt sie. Darum will sie in diesem Artikel auch nicht anonym bleiben.

Bauchschmerzen nach der Hochzeit

Bei ihr ging die Odyssee durch Arztpraxen und Kinderwunschkliniken vor zehn Jahren los. Drei Monate nach der Hochzeit bekommt Gabriela Thomann heftige Bauchschmerzen. Bei einer Notoperation stellen die Ärzte fest, dass sie unter Endometriose leidet: Eine wenig bekannte Krankheit, bei der die Gebärmutterschleimhaut wuchert und sich an Darm, Magen, Blase, Eierstöcken festsetzt. Kommt es zur Monatsblutung, sammelt sich das Blut im Körperinnern. Die Folgen sind Erschöpfung, qualvolle Schmerzen und in manchen Fällen Kinderlosigkeit. Jede zehnte Frau ist davon betroffen. Doch viele wissen es nicht. Ärzte gehen davon aus, dass die Endometriose bei rund 50 Prozent der unfruchtbaren Frauen vorkommt. Auch US-Schauspielerin Lena Dunham leidet unter der Krankheit und spricht darüber, um sie ins Bewusstsein zu rücken.

Nach der Notoperation muss sich Gabriela Thomann ein halbes Jahr einer Hormontherapie unterziehen, die sie künstlich in die Wechseljahre versetzt. Danach sind zwei weitere Operationen nötig, um die restliche Gebärmutterschleimhaut aus dem Bauchraum zu entfernen. «Von aussen schien bei mir alles in Ordnung», erzählt die Frau mit den grossen blauen Augen rückblickend. «Doch es waren Eingriffe mit Vollnarkose, die mich zurückwarfen, auch psychisch. Ich musste jedes Mal neu anfangen zu leben.»

Nach der dritten Operation will sie auf Anraten der Ärzte möglichst schnell schwanger werden. Die Menstruation bleibt jedoch ein halbes Jahr aus – eine Spätfolge der Hormontherapie. Die Ärzte schlagen Gabriela Thomann und ihrem Mann vor, sich in einer Kinderwunschklinik beraten zu lassen, sobald die erste Periode wieder einsetzt. Das tun sie – und lassen sich auf weitere Behandlungen ein. Zuerst wird kurz vor der Mitte des Zyklus mit einer Spritze hormonell der Eisprung ausgelöst. Danach muss das Paar auf Kommando Geschlechtsverkehr haben, was viele Paare als Lusttöter empfinden. «Das geht nicht», sagt auch Gabriela Thomann. Darum lässt sie sich einer Insemination unterziehen.

Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für drei Inseminationen. Die Patientin bekommt auch bei diesem Vorgehen eine Spritze, welche die Produktion der Eizellen in den Eierstöcken ankurbelt, und eine weitere, die einen künstlichen Eisprung auslöst. Anschliessend wird das aufbereitete Sperma mit einem Katheter in die Gebärmutter der Frau gespritzt. So verkürzt sich der Weg des Samens zur Eizelle.

Zwischendurch versucht sie immer wieder auch auf natürlichem Weg, ein Kind zu bekommen. «Warum klappt es bei anderen einfach so, und bei mir ist es so ein Krampf?», fragt sie sich, während viele ihrer Freundinnen schwanger werden und ihr Glück zelebrieren. Ein weiteres halbes Jahr zieht durchs Land, ohne dass sich bei ihr eine Eizelle einnistet. Eine seelische, körperliche und zeitliche Strapaze. Immer mehr verzehrt sie sich nach einem Kind, «nach dem Wunder, dass ein kleines Lebewesen in mir heranwächst». Die Behandlungen durch Hormone und die vielen Arzttermine führen zu einem «Tunnelblick», einer «Fixierung auf den Kinderwunsch». Das belastet auch ihre Ehe. «Ich war nicht mehr ich selber, wollte keine Nähe mehr zulassen. Fast wäre unsere Beziehung daran zerbrochen», sagt sie.

«Warum adoptiert ihr nicht einfach?», fragen Freunde. Doch Gabriela Thomann weiss, wie hoch die Hürden dafür sind und dass oft jahrelange Geduld nötig ist, bis eine Adoption klappt. Das kommt für sie ebenso wenig infrage wie eine Eizellenspende, die hierzulande nicht erlaubt ist. Sie wollen kein Kind, das in der Petrischale in einem fremden Land aus den genetischen Zutaten einer anonymen Spenderin entstanden ist.

«Für viele Frauen und Männer besteht ein wesentlicher Sinn der Partnerschaft in Nachwuchs», sagt Regula Simon, die kinderlose Frauen coacht und vernetzt. «Es geht darum, mit dem Partner zusammen etwas zu kreieren.»

Viele Paare seien neugierig auf ihren Genpool. Sie fragen sich: Was für ein kleines Lebewesen würde wohl entstehen aus unserem Material? «Selbst etwas zu produzieren und kreativ zu sein, kommt dem Kinderkriegen, glaube ich, sehr nahe», sagte die Basler Psychotherapeutin Gisela Zeller-Steinbrich und Autorin des Buchs «Wenn Paare ohne Kinder bleiben» gegenüber der Zeitschrift «Annabelle». «Nicht umsonst sagen viele Künstler: Meine Werke sind meine Kinder.»

Letzte Hoffnung in einer österreichischen Klinik

Gabriela Thomann und ihr Mann hofften nach den Inseminationen weiterhin auf Nachwuchs. Und sie nahmen die nächste Hürde: die In-vitro-Fertilisation, bei der man in einem für den Körper belastenden Prozess Eizellen und Samenzellen entnimmt, im Glas zusammenbringt und dann die Embryonen in die Gebärmutter transferiert. Mehrere Versuche schlugen fehl.

Als letzte Massnahme fuhren sie in eine Klinik in Österreich. Dort war es damals möglich, die befruchteten Eizellen länger im Reagenzglas zu behalten und bei der Entwicklung zu beobachten, um so die bestentwickelten Embryonen bestimmen und einsetzen zu können. Gleichzeitig buchen sie eine Weltreise. «Unser Plan B», sagt die Winterthurerin. «Wir wären bereit gewesen, die Reise für ein Kind abzusagen.»

Erneut liess sich Gabriela Thomann vollpumpen mit Hormonen, um eine Superovulation zu bewerkstelligen. «Ich hatte aber eine schlechte Qualität von Eizellen. Nur geradel eine brauchbare Eizelle wuchs heran.» Sie litt unter heftigen Kopfschmerzen. «Da sagte ich mir: So geht es nicht weiter. Das ist keine Lebensqualität mehr.» Plan B kam nun zum Einsatz. «Unsere Reise war super. Sie half uns, allmählich wieder zusammenzufinden und neu zu starten.»

Heute sagt sie, sie habe sich damals von den Medizinern allein gelassen gefühlt. «Die Ärzte erledigten ihre Arbeit. Danach interessierte sie mein Befinden nicht mehr.» Die Buchautorin Regula Simon stellte bei ihrer Recherche fest, dass viele Ärzte Paaren auf Biegen und Brechen zu ihrem Wunschkind verhelfen wollen. Dass sie sie ermutigen und stets Lösungen anbieten wollen; «als gäbe es in unserer Gesellschaft die stille Übereinkunft, dass jede Frau ein Recht auf Kinder hat. Und dass jedes Mittel recht ist, um ihr diesen Wunsch zu erfüllen.» Niemand sage Betroffenen, dass es auch okay sei, kinderlos zu bleiben. «Dieser Gedanke fehlt.» Niemand sei dazu verpflichtet, Mutter zu werden, findet die kanadische Schriftstellerin Sheila Heti, die in ihrem neuen, viel diskutierten Bestseller «Mutterschaft» Stereotype und Rollenbilder hinterfragt: «Ich sehe Mutterschaft viel eher als Berufung, wie auch Kunst oder Politik.»

Im eigenen Leben wieder selber Regie führen

Regula Simon fragt die Frauen in ihren Coachings, was sie sich vom Muttersein erhoffen. «Obwohl die Entscheidung, eine Familie zu gründen, ein so grosser Schritt ist, überlegen sich viele Menschen kaum, weshalb sie eigentlich Kinder wollen. Und ob ein Kind tatsächlich geeignet ist, den dahinter liegenden Wunsch zu erfüllen.» Manche Frauen wollten einfach nur einer Norm entsprechen und Weihnachten nicht allein feiern. Andere wünschen sich eine tiefe Bindung. «Eine Frau meinte gar, sie brauche ein Kind für ihre Daseinsberechtigung.» Simon will die Frauen wegbringen vom «Ich will unbedingt schwanger werden»-Drang, hin zu sich selber.

Für Gabriela Thomann war dies ein langer Weg. Sie war so gefangen in ihrer Trauer, dass sie sich therapeutische Unterstützung holte. Die Psychologin verglich ihr Leben mit einem Bus. «Und ich sollte die Buschauffeuse sein. Nicht eine Passagierin, die sich irgendwohin chauffieren lässt.» Da begann sie, wieder öfter vorn zu sitzen im Bus, «und selber zu bestimmen, wohin ich fahre». Wie weiter, wenn ich nicht Mutter werde?, lautete nun die grosse Frage. Sie gönnte sich eine Laufbahnberatung. Und sie erkannte, dass sie als Handarbeitslehrerin zwar ihre Schülerinnen zum Kreativsein angeleitet hatte, aber ihre eigene Kreativität auf der Strecke geblieben war. Gabriela Thomann absolvierte in Zug eine zweijährige Ausbildung zur Einrichtungsgestalterin, arbeitet heute in einem Architekturbüro und erstellt Farb- und Materialkonzepte. «Das macht mir enorm Spass.» In der Freizeit spielt sie Bratsche in einem Streicherensemble. Und sie liebt es, Gäste zu bekochen. «Manchmal träume ich davon, ein kleines Boutiquehotel zu führen.» Inzwischen sagt sie: «Man kann glücklich sein ohne Kind, wenn man selber entscheiden kann, wie man seinen Alltag gestaltet, oder wohin man in die Ferien will.»

Gabriela Thomann ist wagemutiger geworden, innerlich beweglicher, freier und klarer in ihrer Lebensgestaltung. Sie diskutiert oft mit ihrem Mann, hinterfragt zum Beispiel gängige Vorstellungen von Partnerschaft. «Wer sagt etwa, dass ein Ehepaar zwingend unter einem Dach wohnen muss?»

Auch ihr Freundeskreis habe sich verändert. Sie suche den Kontakt zu Kinderlosen. «Mein Mann und ich bekommen seltener Besuch von Freunden mit Kindern. Obwohl wir extra eine Kiste mit Kinderspielsachen haben und gern mit unseren Göttikindern Zeit verbringen.» Sie freue sich auch mit ihren Freundinnen über deren Schwangerschaften. Auch die bewusste Entscheidung von immer mehr Frauen, kinderlos zu bleiben, kann sie mittlerweile gut verstehen. «Jede Frau soll selber entscheiden dürfen, wie sie ihr Leben gestaltet.»