Göttlicher Funke

Und die Evolution kanns doch erklären!

Wir haben evolutiv Kompetenzen (Apps oder «Denkwerkzeuge») erworben. Das Bewusstsein verwaltet sie.

Wir haben evolutiv Kompetenzen (Apps oder «Denkwerkzeuge») erworben. Das Bewusstsein verwaltet sie.

Der Philosoph Daniel Dennett geht dem Problem des Bewusstseins materialistisch zu Leibe.

Das menschliche Leben ist in einem mächtigen Paradox gefangen. In unserem geistigen Erleben finden wir gleichzeitig Momente der grössten Klarheit und Momente grösster Verwirrung. Nichts ist uns so klar, wie dass 2 + 2 = 4 ist. Oder dass ich hier und jetzt – mehr oder weniger verzweifelt, weil noch nicht mehr dasteht – vor einem Computer sitze und diesen Text tippe.

Dies entspricht genau der Situation, die René Descartes in seinen «Meditationen» beschrieb. Er sitzt dort zwar am Feuer und trägt seinen Schlafrock, aber dessen ungeachtet ist ihm selbst ziemlich klar («bewusst»), dass dies der Fall ist. Er demontiert diese Klarheit dann Schritt für Schritt durch brutal-hartnäckiges Bezweifeln – das so weit geht wie sich zu fragen, ob nicht Gott ihn täusche; den Verdacht, dass er nur träume, hat er schon längst hinter sich gelassen – aber schliesslich bleibt: Ich denke, also bin ich. («Ich denke» kann man ruhig durch «ich zweifle» ersetzen, der Gedanke bleibt gültig).

Die Szene wirkt leicht überdreht. Das Ergebnis lässt sich nüchterner formulieren: Hier ist ein Bewusstsein (als «Ich» das von sich selbst «spricht»), und dies ist durch keinen Zweifel zu erschüttern. Im Bewusstsein – und nur dort – gibt es diese Momente von unbezweifelbarer Wahrheit. Wahr ist, was man klar und deutlich erkennt. Descartes folgert: Der Geist ist der Erkenntnis «näher» als der Körper. Für ihn teilt sich dann die Welt auf in zwei Substanzen: in eine res cogitans (denkende Substanz) und eine res extensa (ausgedehnte Substanz, also alles, was Raum einnimmt, die Materie).

Das Gespenst im Schädel

Weil man nicht wusste, wie die beiden zusammen funktionieren könnten, nannte man das «Dualismus». Denn zur grossen Klarheit kommt die grosse Frage: Woher kommt und wo in der Welt ist die res cogitans? (Tiere hielt Descartes für seelenlose Automaten, die haben sie nicht.) Das Bewusstsein selbst wird dem Philosophen völlig rätselhaft. Wenn man ehrlich ist, wird man sowieso gleich in eine Schleife geschickt: «Bewusstsein» heisst, dass ich mir bewusst bin, dass ich ein Bewusstsein habe.

Im 19. Jahrhundert stellten Darwin (und Wallace) ihre Evolutionstheorie vor. Das ganze Leben ist entstanden, nicht geschaffen, und zwar langsam durch Evolution. Leider hielt sich Darwin weise zurück: Er redete zwar von der ununterbrochenen Kette des Lebendigen, aber über den Anfang (Wie entstand das Leben?) und das Ende (Und wie wird es sich selbst bewusst?) machte er nur Andeutungen.

Dass Bewusstsein irgendwie mit der Evolution des Zentralnervensystems zu tun hat, ist leicht einzusehen. Aber die Tiere haben auch zentrale Steuerungen. Aber kein Bewusstsein. Woher kommt es? Für viele Evolutionsbiologen war es «auf einmal da». Man erfand dafür den Begriff der «Emergenz», des plötzlichen Auftauchens, aber viel gewonnen war damit nicht. Wo sollte man jetzt also die Linie ziehen?

Einem Philosophen wie Daniel Dennett gefällt natürlich nicht, dass sich sogar die Wissenschaft immer noch mit der Erklärung des Bewusstseins schwertut. Und Gerede vom «göttlichen Funken» oder vom Eingriff eines «intelligenten Designers» schmerzt ihn. Er versucht, Geist und Bewusstsein ohne Rückgriff auf Eingriffe von aussen zu erklären. Die Erklärung mit der Evolution muss mit der Schwierigkeit zurechtkommen, dass sie mit dem Zufall arbeitet. Irgendetwas entsteht und wenn es sich bewährt, bleibt es. Dennett nennt das «bottom-up». Demgegenüber geht ein menschlicher Designer «top-down» vor. Er untersucht das Problem – indem er es in seinem Bewusstsein repräsentiert – und löst es. Die Evolution hat zweifellos auch gute Lösungen für viele Probleme gefunden. Aber nur durch Ausprobieren?
Der Mensch kann verschiedene Lösungsstrategien ausprobieren, weil er das Problem «versteht», das heisst: Er kann es sich selbst in seinem Bewusstsein vorhalten und auswählen, was tauglich ist und was eher nicht.

Kompetenzen ohne Verständnis

Alle Organismen, die es geschafft haben, sind «hochkompetent». Sie kommen mit den Anforderungen ihrer Nische bestens zurecht. Ohne etwas zu verstehen. Auch der Mensch hat Kompetenzen, die er verwendet, ohne sie bis auf den Grund zu verstehen. Hauptsache: Es funktioniert. «Ein leeres Gehirn denkt nicht so gut», sagt Dennett. Schlussfolgern, Rechnen, Theorien entwerfen, Hypothesen testen und vieles mehr läuft auch bei uns unbewusst ab.
Was den Menschen ausmacht, ist die Fähigkeit zur Kommunikation. Er kann sich mit anderen über Abwesendes verständigen. Die Entstehung der Sprache ist evolutiv zwar auch nicht ganz einfach zu erklären, aber man kann sich vorstellen, dass es ohne einen «Sprung» geht. Die Kluft zwischen Bewusstem und dem Rest ist gross. Dass die Sprache eine höchst erfolgreiche Kompetenz ist, versteht sich von selbst. Damit eröffnet sich die Chance für Kultur. Kultur bedeutet Weitergabe von Kompetenzen («Meme» als Bausteine des Wissens). Dennett arbeitet mit einer einleuchtenden Analogie: Unsere intellektuellen Fähigkeiten sind wie Apps, die in unserem Gehirn installiert sind. Wir mussten nicht warten, bis sie sich einstellten (durch Zufall), sondern konnten sie erwerben (durch Nachahmen, Vormachen und Lernen oder durch subtilere Einflüsterungen).

Sprache, als Fähigkeit, eine 1. («ich») oder 2. Person («Du») einzunehmen, ist bereits eine Art «Metaprogramm» oder – um im Bild zu bleiben – ein «Betriebssystem». Und dann ist es nicht mehr weit zum Bewusstsein: Es ist eine Art «Benutzeroberfläche», welche mit den vorhandenen Apps operiert und sie anwendet.

Wie löst Dennett das Dualismus-Problem? Es ist ein Problem der Perspektive. Wir haben uns daran gewöhnt, alles im Spiegel des Bewusstseins zu sehen. Dennett nennt diese vorgespiegelte Realität «das manifeste Weltbild». Das Bewusstsein (oder das Gehirn) erzeugt diese Welt mit Pflanzen, Tieren, Sonnenaufgängen und all dem. Im Grunde genommen ist dies eine Illusion. Die Wissenschaft bemüht sich darum, «was es wirklich gibt». Und da gibt es doch recht grosse Unterschiede.

Daniel Dennett Von den Bakterien zu Bach – und zurück. Die Evolution des Geistes. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018. 512 S., Fr. 56.90.

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