«Pfffffff». Irmgard Haupt atmet aus und lässt die Hand über ihr Bein zum Fuss gleiten, «pfffffff». Sie streckt ihren Arm in Richtung Decke, «pfffffff», tönt es aus der Gruppe, die in einem Basler Quartiertreffpunkt im Kreis sitzt. Vier Frauen und ein Mann treffen sich, um wahrzunehmen, was sie seit ihrer Geburt machen: atmen. «Durch die Zwerchfellbewegung kann sich die Atembewegung vom Kopf bis in die Füsse ausbreiten», sagt Atemtherapeutin Irmgard Haupt. Um dies zu stimulieren, kombiniert sie einfache Körper- und Stimmübungen. Nach jeder einzelnen fragt sie: «Wo spüren Sie die Atembewegung? Hat sich etwas verändert?» Konzentration und Ruhe senkt sich über die Gruppe. «Bei mir ist die Übelkeit weg», sagt eine Frau. Eine andere ergänzt: «Ich bin gelöst.»

Was Irmgard Haupt seit fast 20 Jahren unterrichtet, ist in Englands Schulen bald Pflicht: Atem- und Entspannungstechniken. Die britische Regierung will im Rahmen einer Studie ein Entspannungs- und Atemtraining durchführen lassen. Mit dem Ziel, bei den Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie sie achtsam mit sich und ihrer Psyche umgehen können. Denn, so die Begründung von Bildungsminister Damian Hinds, «die moderne Welt übt einen neuen Druck auf unsere Kinder aus». Und für dessen Bewältigung müsse man auch unkonventionelle Massnahmen ausloten.

Bis 2021 soll das Atem- und Entspannungsprojekt an den Schulen installiert sein und vorerst für zwei Jahre laufen. So jedenfalls der Plan, dessen Kosten – gerade in Zeiten des Brexit – für das eine oder andere Stirnrunzeln sorgen. Doch: Heute sehen auch Wissenschafter im Atem eine besondere Vitalfunktion. Nicht nur, weil er den Organismus mit Sauerstoff versorgt und ihn von Kohlendioxid befreit, sondern auch, weil er psychisch betrachtet ein Hybrid ist. Wir können ihn einerseits bewusst steuern, indem wir die Luft anhalten, wenn es stinkt, oder inhalieren, wenn wir im Wald spazieren. Andererseits funktioniert er – und das die meiste Zeit – auch automatisch, ohne unseren Willen.

Auf Stimmungen reagiert der Atem sensibel. Bei Angst etwa wird er flach und oft schneller. Bei Wut hingegen kann er sich vertiefen und zum bekannten Wutschnauben steigern, aber auch so unterdrückt werden, dass im wahrsten Sinne der Atem stockt.

«Verantwortlich dafür sind Reaktionen des vegetativen Nervensystems», erklärt Psychiater Christoph André vom Hospital Sainte-Anne in Paris. Diese Reaktionen erreichen nur selten das Bewusstsein, doch mithilfe der Atemwahrnehmung kann man erreichen, dass sie bewusst werden. Und: Wenn wir den Atem regulieren, können wir umgekehrt Einfluss auf das vegetative Nervensystem und die Emotionen nehmen. «Unsere Gefühle beeinflussen den Zustand unseres Körpers», so André. «Umgekehrt beeinflusst der Zustand des Körpers unsere Gefühle.»

Auf diese Weise kann man verhindern, dass sich belastende emotionale Zustände wie Angst, Wut, Trauer, Schmerz, Neid und Antriebslosigkeit verhärten, den Körper chronisch unter Stress setzen und schliesslich krank machen. In der Atemtherapie beobachtet der Patient seinen Atem und nutzt ihn dazu, Spannungen abzubauen und wieder Zugriff auf sich, auf seine Psyche und seinen Körper zu bekommen.

Zudem optimiert das Atemtraining den Sauerstoff-Kohlendioxid-Austausch, was ebenfalls Wirkungen auf die Psyche hat. So neigen ängstliche und depressive, aber auch mit starken Schmerzen belastete Menschen zu einer anhaltenden Hyperventilation, also einer überproportionierten Einatmung mit abfallenden Kohlendioxidwerten. In deren Folge untersäuert das Blut, und die Gefässe im Gehirn ziehen sich zusammen, sodass dort ein Sauerstoffmangel entsteht – obwohl der Mensch schnell atmet. Das kann wiederum Ängste auslösen und verstärken.

Per Atemtraining lässt sich der Teufelskreis durchbrechen: Der pH-Wert des Bluts sinkt ins gemässigt Saure, und damit kommen von dieser Seite keine angstverstärkenden Impulse mehr.

Am Hospital Fatebenefratelli e Oftalmico in Mailand erzielte man beachtliche und langfristige Therapie-Erfolge, indem man 69 Patienten mit Angststörungen und Depressionen in ein regelmässiges Atemtraining einwies. Am Anfang sollten die Probanden ihre Übungen noch täglich durchführen, später reichte einmal pro Woche – in Eigenregie und ohne Anleitung. «Atemübungen erfordern also letztendlich – wenn man sie einmal beherrscht – nicht viel Zeit», betont Studienleiterin und Neurowissenschaftlerin Stefania Doria.

Gute Gründe also, den Atem aus dem Abseits zu holen, wohin ihn unsere kurzatmige Zeit verfrachtet hat. «Beispielsweise nach der 365er-Methode, die derzeit von Therapeuten oft empfohlen wird», rät Christoph André. Dabei unterbricht man täglich dreimal den Alltagsablauf, um sechsmal pro Minute – auf eine Gesamtdauer von fünf Minuten – tief (jeweils fünf Sekunden) ein- und auszuatmen. «Und das 365 Tage pro Jahr», empfiehlt der französische Psychiater.

Im Basler Quartiertreffpunkt nehmen die Teilnehmer im Kurs von Irmgard Haupt ihren Atem eine Stunde lang bewusst wahr – ohne ihn willentlich zu beeinflussen. Sie trommeln dafür mit den Fingerkuppen auf den Brustkorb, sie gähnen und legen immer wieder ihre Hände auf die Bauchmitte und den Brustkorb. Sie spüren, wie sich ihr Zwerchfell hebt und senkt. «Durch seine Bewegung entsteht überhaupt die Atembewegung. Es massiert dadurch auch das Herz und die Bauchorgane», erklärt Irmgard Haupt.

Ihre Kurse besuchen die Leute aus ganz unterschiedlichen Gründen. Etwa weil sie an einer Lungenkrankheit, Schlafstörungen oder an Angstzuständen leiden. Daneben suchen sie Schauspieler oder Musiker auf, für die Atmung ein Instrument ihrer Bühnenkunst ist. «Was mich bei allen immer wieder überrascht, ist, wie schnell die Menschen durch ein bewusstes Atem zu sich selbst kommen, ins Hier und Jetzt», sagt Haupt.

Mit Wechselatmung gegen Trump

Atmen entspricht dem Zeitgeist. Und Achtsamkeit wird auch ausserhalb von Yogastudios immer wichtiger. Ob beim Jäten im Garten oder beim Joggen im Wald: Besonders leicht findet man den Moment, wenn man den Atem beobachtet. Er lässt sich weder vor- noch nachholen. Trotz Trend: Neu ist das Wissen nicht. Seit Jahrhunderten setzen Yogis, Zen-Meister oder Tai-Chi-Kampfkünstler auf die Kraft des Atems.

Auch Hillary Clinton hat sie erkannt. Um im Wahlkampf gegen Donald Trump ausgeglichen zu bleiben, hatte sie auf die Wechselatmung gesetzt. Das schildert Jessica Braun in ihrem neuen Buch «Atmen – wie die einfachste Sache der Welt unser Leben verändert». Viele Amerikanerinnen und Amerikaner erhoffen sich nun ebenfalls von guter Atmung mehr Ruhe im Leben. Eine Sitzung beim Atemtherapeuten ist für sie so unerlässlich geworden wie einst die Stunde auf der Psychotherapeuten-Couch. Die trendaffine Schauspielerin Gwyneth Paltrow hat etwa für ihre Angestellten Atemguru Ashley Neese eingestellt. Er garantiert, dass sich Schauspielerin und Entourage gesundschnaufen.

In die richtige Atmung stecken Gesundheitsaffine und Sich-selbst-Perfektionierer ihre Hoffnung. Die Luft in uns soll in einer hektischen Welt Geist und Körper ins Lot bringen.
Im Basler Quartiertreffpunkt hat es geklappt: «Ich bin ein nervöser Typ. Durch die Atemübungen habe ich gelernt, mich zu entspannen», sagt eine 84-jährige Kursteilnehmerin.