Leben

Sollen Mädchen mit Buben zusammen in die Pfadi?

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Obwohl die Dachverbände von Buben- und Mädchenpfadi im Jahr 1987 fusioniert wurden, gibt es auch heute noch geschlechtergetrennte Jugendgruppen. Ob das sinnvoll ist, bleibt bis heute eine strittige Frage.

Pro
Ich wollte nie ein Bienli sein. So hiess früher die Abteilung der kleinsten Pfadfinderinnen. Ich wäre lieber ein wilder Wolf gewesen statt ein fleissiges Bienchen. Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Es gibt keine Bienchen mehr, Mädchen sind heute auch Wölfe.

Trotzdem werden immer wieder Stimmen laut, die fordern, dass schüchterne Mädchen getrennt von den dominanten Jungs gefördert werden müssen. Gerade auch in der Pfadi. Sie würden sonst untergehen. Wer so argumentiert, tut mindestens jenen Mädchen Unrecht, die eben nicht verschüchtert und brav sind, sondern laut und wild.

Es sind genau diese Mädchen, die in die Pfadi wollen, um nicht im Ballett an der Stange dressiert zu werden. Diesen Mädchen und jungen Frauen kann man ruhig zutrauen, sich durchzusetzen, wenn sie es für nötig halten. Denn Pfadi ist, anders als Fussball, Reiten, Gymnastik oder Unihockey, nicht von einem Geschlecht dominiert, sondern lebt und fördert die Durchmischung wie wohl kaum eine andere Freizeitaktivität für Jugendliche.

Es ist Aufgabe der gemischten Leiterteams (eine tolle Pfadi-Erfindung), Aktivitäten für alle Charaktere (nicht Geschlechter!) ihrer Gruppe zu ersinnen. Es gibt Buben, die bleiben lieber beim Feuer als durchs Unterholz zu kriechen, es gibt Mädchen, die messen sich gerne in Wettkämpfe und hassen es, zu basteln. Im Jahr 2019 zu glauben, Mädchen müssten unter Mädchen sein, um sich besser entwickeln zu können, ist realitätsfremd.

Es gibt auf dieser Welt Männer und Frauen, wird es immer geben. Je mehr wir zusammen statt getrennt voneinander machen, desto besser. Wir können viel voneinander lernen. Nicht erst, wenn wir zusammen im Verwaltungsrat sitzen.

Katja Fischer De Santi, Co-Ressortleiterin
katja.fischer@chmedia.ch

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Contra
Früher dachte man: Mädchen können sich in einem Pfadi-Fähnli nicht behaupten, wenn Buben dabei sind. Dann fand man: Sie sollen es lernen! Das ist ein Denkfehler. Implizit wird von den Mädchen gefordert, ebenso laut und dominant zu sein wie die Buben. Manche Pfadimädchen, per se eher weniger zart besaitete Geschöpfe, mögen dies als sportliche Herausforderung ansehen und durchaus Erfolg haben.

Doch Gleichberechtigung heisst nicht, dass die Mädchen einfach die Umgangsformen der Buben übernehmen. Sie sollen nur das gleiche Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten entwickeln. Und besonders im Pfadialter von 10 bis 14 Jahren, im Übergang vom Kind zum Teenager, ist es wichtig, dass Mädchen (und Buben!) Freiräume haben, um ihre Identität zu finden. Und zwar ohne Vergleich mit dem anderen Geschlecht und ohne, dass sie sich an Stereotypen angleichen oder sich von ihnen abgrenzen müssen.

Seit wir fusioniert hatten, bauten in unseren Sommerlagern die imposanten Lagerbauten durchweg die männlichen Leiter. Seit wir fusioniert hatten, war irgendwie klar: Das können die Buben besser.

Anders an den Samstagen mit unserem Mädchenfähnlein: Als Leiterinnen spannten wir die Seilbrücken selbst. Und unser Führungsstil funktionierte. Jedenfalls brachten wir die Horde immer komplett und heil nach Hause. Ich bin überzeugt, dass es dieses in der Pfadi erworbene Selbstverständnis war, das dazu führte, dass ich später im Berufsleben unter Männern nicht verstummte.

Wenn eine Idee nicht gehört wird, denke ich, dass ich zu leise gesprochen habe. Einen anderen Grund kann es ja wohl nicht haben.

Sabine Kuster, Co-Ressortleiterin
sabine.kuster@chmedia.ch

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