Ein Essay übers Älterwerden, lautete die Übungsanlage. Kein Problem. Damit haben wir alle Erfahrung. Ständig kommt eine neue dazu. Aber was bringt das Morgen? Bestenfalls ist dieses Bild schemenhaft. Auf jeden Fall konturlos. Also ein Essay übers Älter-geworden-Sein.

Vor 16 562 Tagen habe ich die Augen geöffnet. Damit läuft wahrscheinlich schon die zweite Halbzeit. Die Glückshormone gefrieren bei diesem Gedanken. Schnitt. Aus. Neue Einstellung! Männern wird nachgesagt, ein besonderes Verdrängungstalent zu haben.

Also, wo ist der nächste Spiegel? Nicht allzu schlecht, sagen jene, die etwas von einem wollen oder die nicht so genau hinsehen. Dabei waren die Hüftknochen mal sichtbar. Der Bauch mal flach. Der Hals mal ein langer Stängel. Die Haare ohne Silberstreifen. Und auf den Händen treten seit Kurzem kleine, dunkle Punkte auf. Unschön. Aber es kommt noch schlimmer. Die Haare. Überall diese verflixten Haare, wo man vor Jahren noch unfruchtbares Terrain vermutete. Verdrängen geht jetzt nicht mehr. Die Fakten sind hart. Die Pinzette, die man früher nur brauchte, um einen Dorn aus dem Finger zu ziehen, wird zum Alltagsgegenstand.

Ü60 und «born to be wild»

Dabei ist man doch so alt, wie man sich fühlt. Genau darin verbergen sich Fluch und Segen. Das Fleisch altert, aber nicht die Seele. Der Silberfuchs heisst Silberfuchs, weil er schlau ist, weil er weiss, wie kaschieren funktioniert, sonst hiesse er nur Silber. Also trägt er Jeans, hält sich fit, hört Hip-Hop und Elektromusik, kommuniziert auf WhatsApp, Facebook und Instagram, guckt Netflix – wie die Kids.

«Forever young» fördert das Verständnis zwischen den Generationen. Mein Vater trug nie Jeans, verteufelte moderne Musik, hielt Sport für Zeitverschwendung, proklamierte ein konservatives Familienmodell und sah in jedem einen Drögeler, der die Haare nicht kurz geschoren trug. Kurz: Es war schwierig mit ihm.

Seine Missgunst gegenüber der Jugend konnte man auch als Neid deuten. Aber: Der Graben, den er schaufelte, bot meinen Brüdern und mir wenigstens die Möglichkeit, zu rebellieren. Aber jetzt ist Daddy cool, will mit Ü60 «born to be wild» sein und kauft sich eine Harley – das muss es auch nicht unbedingt sein.

Statistik zur Verteilung der ständigen Wohnbevölkerung

Generationen-Serie

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Heute beneidet die Jugend die Silberfüchse, diese vergnügte, gelassene, bei Bedarf auch harte Type, der auf dem Kulminationspunkt ein unverschämtes Revival gelingt. Warum ist das so? Weil die Jugend furchtbar aufreibend ist. Erste Liebe, erste Enttäuschung, erste Droge, erster Verrat, erster Konkurrenzkampf.

Währenddessen chillen die Silberfüchse mit Finken an den Füssen und einem Glas schwerem Rotwein in der Hand in ihrem Designersessel. Denn sie müssen nicht mehr – dazugehören, mitmachen, sich beweisen. Das Rangeln, sich positionieren, sich beweisen müssen in Beruf, Familie und Gesellschaft verflüchtigt sich. Man ist froh über die inzwischen gewonnenen Einsichten. Die Kindlichkeit kann man sich trotzdem bewahren. Skilegende Bernhard Russi (69), Regisseur Rolf Lyssy (81), Aktionskünstler Roman Signer (79) sind die besten Beispiele dafür.

Nur gibt die Seele dem Körper den Takt vor, lauert die Peinlichkeit hinter der nächsten Ecke. Dann passiert, was mit Madonna (59) passiert ist: abgehalfterte Diva, vom fiebrigen Wahn befallen, für immer und ewig ein Girl zu sein.

Roger Schawinski sieht für 72 – egal ob gute Gene oder guter Coiffeur – unverschämt gut aus. Dazu strahlt er eine Vitalität und Dynamik aus und spricht wie damals, als er noch Radiopirat war. Aber Elder Statesman? Nein, da würden wohl nicht mal ein paar graue Strähnen helfen. Dazu ist Schawinski zu getrieben. Ein Prototyp des Übermotivierten.

So wie Schawinski geht es vielen, die ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein haben; die ihre Arbeit mit der Öffentlichkeit teilen; die schon von Berufs wegen um Aufmerksamkeit, Beachtung und Anerkennung buhlen. Der amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder schrieb: «Mit 40 fängt man an, das Wertvolle zu suchen, und mit 50 kann man anfangen, es zu finden.» Schawinski scheint wie andere Promis auch noch zu suchen. Andererseits: Eine 72-jährige TV-Talkerin ist schwer vorstellbar. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass Frauen besser loslassen können, sich nicht zu wichtig nehmen, über den Dingen stehen und deshalb eher zum Elder Statesman taugen – siehe Ruth Dreifuss (77).

Arbeiten à la carte

Aber wie altert Mann gut? Mit 45 kann man allein im stillen Kämmerlein über Ü50 sinnieren. Aber das ist wie Orientierungslauf im Nebel. Lichten können diesen Menschen, die älter sind als man selbst.

Wenn der Kollege geht, sieht es aus, als würde man den Film etwas langsamer laufen lassen. Es ist mehr ein Schlurfen als ein Gehen. Es kommt vor, dass er auf dem kurzen Weg zur Kaffeemaschine von fünf Kollegen überholt wird. Egal. Keiner stört sich daran. In zwei Jahren wird er pensioniert.

«Wohltuend» findet er es, nicht mehr ständig auf der Jagd zu sein. «Der Kampf ums bürgerliche Prestige fällt praktisch weg, weil man es allein durch die Präsenz hat. Ich muss mich nicht mehr profilieren, nicht mehr die Ellbogen ausfahren, nicht mehr im Nebel rumstochern, denn ich weiss, wie der Hase läuft. Wenn du nicht mehr zeigen musst, hey, ich bin auch noch da, hast du es geschafft.»

Fünfzig ist nichts für Feiglinge, aber fünfzig ist perfekt. «Wenn man nicht mehr glaubt, jedem Furz hinterherhecheln zu müssen», räumt der Kollege ein. Die Gleichung lautet: Keine Reife ohne Selbstironie. Diese stellt der Kollege selbst bei den ungezähmtesten, lautesten Politikern fest. Aber erst, wenn die Kamera aus ist. Deshalb fragt er: «Warum verkauft ihr euch unter eurem Format und karikiert euch selbst?»

Der Lyriker Walter Vogt (1927–1988) teilte das Leben in drei Abschnitte: «Dada – Blabla – Gaga». Der Silberfuchs frohlockt: Er ist aus Erfahrung klug. Befreit von allem Blabla aber noch längst nicht Gaga. Die Instinkte sind geschärft, die eigene Tiefe ausgelotet, nicht wild, sondern unfehlbar dosiert, schlau, stets trittsicher, und selbst die Flaute schreckt nicht mehr ab. Die deutsche Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz (1901–1974) schrieb: «Das Alter ist für mich kein Kerker, sondern ein Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht.»

Die Tücken des Objekts, klagt der Kollege, hätten sich gegen ihn verschworen. Eine Beule, ein blauer Zehennagel. «Kommt immer häufiger vor.» Aber nicht nur das. Auch das nahende Pensionsalter macht ihn nicht bedingungslos glücklich. Gut, er meint, er hätte vorgesorgt – nicht materiell, sondern ideell. Er habe sein Leben stets mit sinnvollem Zeug gefüllt. «In der Pension kann man tausend Dinge tun, wertvolle Dienste leisten», sagt er. Trotzdem tanzt er nicht beschwingt in die Pensionierung. Er hat dann zwar viel Zeit, zu lesen. Aber wenn er nicht schreiben kann – und zwar für ein Publikum – droht sein Selbstbewusstsein zu schmelzen.

Der Kollege steht sinnbildlich für Silberfüchse zwischen 60 und 70. Sie können, wollen, müssen oder dürfen vermehrt auch arbeiten.

Weil wir immer älter werden, wächst die Altersgruppe Ü65. Heute sind 18,4 Prozent der Wohnbevölkerung Ü65. Im Jahr 2040 gehört jeder Vierte dieser Altersgruppe an. Und weil 20 Prozent unter 20 sind, wird nur gut die Hälfte der Wohnbevölkerung ins Renten-Kässeli einzahlen – falls das Pensionsalter auch 2040 noch bei 65 ist. Schon heute brauchen Rentner vermehrt ein Einkommen, um über die Runden zu kommen. Die Altersarmut wird kaum abnehmen. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte – oder der verflixte Umwandlungssatz im Sturzflug.

Ein anderer, nennen wir ihn Kollege II. Ü70. Bis vor einigen Monaten hat er als freier Journalist gearbeitet. Nicht aus finanziellen Motiven. Sondern aus Passion und weil es die Gesundheit zuliess. «Meine Joggingzeiten sind besser als vor 20 Jahren.» Und: «Nie habe ich so gerne gearbeitet wie nach 65.» Wieso? Weil er es à la carte tun konnte, kaum administrative Arbeiten erledigen und erst recht nicht Führungsverantwortung übernehmen musste. Und Kollege II war richtig gut. Geachtet von den Jungen, gross die Glaubwürdigkeit und souverän im Auftreten.

Je höher der Lebensstandard, desto gesünder. Fast 80 Prozent der 65- bis 74-Jährigen empfinden ihre Gesundheit als gut oder sehr gut. Damit sind wir im internationalen Vergleich Spitzenreiter. Dem technologischen Fortschritt sei Dank: Die Zeiten, als sich die Arbeitnehmer bis zur Pension kaputtgearbeitet haben, liegen Jahrzehnte zurück.

Finken und Mittagsschlaf

Kollege III hat noch 13 Jahre bis zur Pensionierung. Ein jugendlicher, urbaner Typ. Ein herausragender Beobachter. Und einer, der sich für seine Arbeit der Sprache der Jugend bedient. Kurz: Ein ewig Junger. Aber kein krampfhaft ewig junger. Einer, der zu Hause Finken trägt und gerne mal einen Mittagsschlaf hält.

«Älter werden heisst zu sich kommen», sagt Kollege III. Es fällt leichter, Fehler zuzugeben und Ratlosigkeit. «Wir sind offener, neugieriger als mit zwanzig.» Es geht nicht darum, in Gestalt und Fitness immer jung zu bleiben, sondern im Geist. «Wenn man à jour bleibt – und das ist Pflicht – kann Altern richtig Spass machen.»

Spass finden am Altern ist keine einfache Disziplin. Der Körper nicht mehr taufrisch, Tempo und Fitness nehmen ab, die Beulen am Körper zu und nicht jeder, der nach 65 arbeiten will, kann seiner Berufung nachgehen. Aber es gibt immerhin intelligente Ratgeber. Beispielsweise Arthur Schopenhauer. Der deutsche Philosoph schrieb: «Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern den Text, die folgenden dreissig sind Kommentar dazu, der uns den wahren Sinn und Zusammenhang des Textes nebst der Moral und allen Feinheiten desselben erst recht verstehen lehrt.»